Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3497353-3497354-3497356--071-3497431- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
und um sie aber geht es doch. Wir wollen und können uns für unser Leben nicht mit einer Hilfsstellung für Palästina begnügen . . . Wir stehen an derselben Stelle und beginnen hier unsere Arbeit, wo wir sind and bleiben wollen, zu der wir auch in dem neuen Palästina eine Hilfe erblicken". Die hier wiedergegebenen Sätze geben eine sehr wesentliche Stellungnahme eines vorgeschobenen Postens innerhalb der nichtzionistischen Bewegung wieder. Es wird im Aelterenbunde der Kameraden der sehr ernsthafte Versuch gemacht, die Judenfrage oder zumindestens die Frage der eigenen jüdischen Existenz durch ein intensives Bemühen zu lösen. Aber gerade der Zweifel, der von diesen Menschen gegenüber der zionistischen Lösung ausgesprochen wird, kann heute zu zionistischer Zuvrsicht führen. Wenn man alles das übersieht, was nach sehr gründlichen Ueberlegung zu jüdischer Wirklichkeit führen soll, so bleibt so wenig übrig, daß dieses Wenige eigentlich ein Beweis dafür ist, daß man nicht hier stehen bleiben kann, wenn man zu einem umfassenden jüdischen Leben gelangen will. Derjenige, der wie dort gesagt worden ist, an derselben Stelle steht und hier seine Arbeit beginnt, an der er ist und bleiben will, kann eben nicht zu einer jüdischen Wirklichkeit in einem umfassenden und lebendigen Sinne gelangen. Es geht hier nicht mehr um eine gedankliche Auseinandersetzung, sondern es geht um ein Bedürfnis nach einer Totalität des Lebens. Derjenige, der sich mit dem begnügen kann, was in Dessau als Möglichkeit jüdischer Wirklichkeit hier geschildert worden ist, braucht kein Zionist zu werden, er ist aber ein Mensch, der an jüdischer Wirklichkeit auch nur im Vergleich mit der Wirklichkeit eines jeden anderen Volkes verzweifelt. Jüdische Gemeinde, Preußischer Landesverband, liberale Partei und C.V. selbst in ihrer vollkommensten Gestaltung, sind nur ganz enge und schmale Wege zur jüdischen Wirklichkeit, die eben erst durch den Zugang zu Palästina vielleicht zu der umfassenden Wirklichkeit eines ganzen Volkes werden kann. Der Unterschied liegt also in der Frage, welche Bezirke des gesamten menschlichen und nationalen Lebens eine Bewegung ergreifen muß, um als Wirklichkeit angesprochen zu v/erden. Es ist wichtig, diesen Gedanken festzuhalten, weil er wiederum beweist, daß die Entscheidung für oder gegen den Zionismus nicht die Angelegenheit einer logischen Ueberzeugung ist, sondern die Frage des Wunsches nach einer Totalität des Lebens. Wer mit einem partiellen jüdischen Leben zufrieden ist, kann hier bleiben, wer mehr braucht, muß den Versuch in Palästina wagen. Keine Theorie über den Wert der Galuth kann darüber hinwegtäuschen, kein Versuch ist denkbar, der die Galuthexistenz in einem umfassenden Sinne jüdisch fruchtbar machen kann. Und doch ist für uns dieses Bemühen anderer jüdischer Menschen um jüdische Wirklichkeit von großer Bedeutung. Denn erst, wenn man anfängt, sich mit ihr zu beschäftigen, gelingt es die Auseinandersetzung an solch einen entscheidenden Punkt zu verlegen. 64