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Der junge Jude · 1928-01-01 · Heft 2 (Januar 1928) · p. Seite 62

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Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Januar 1928)
Date
1928-01-01
Page
Seite 62 (sequence 24)
Language
German
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und wenn die Jugendbewegung in Deutschland sich ihm anschließt oder sich ihm angeschlossen hat, dann entsteht für sie die neue und schwierige Aufgabe, innerhalb dieses Prinzips von Freiheit, die aus dem eigenen Wesen folgende Beschränkung zu schaffen. Lindsey will den Maßstab hierfür mehr in das Aesthetische verlegen. Er vertraut darauf, daß erzogene Menschen immer gegen Gemeinheit und Roheit in jeder Form und daher auch in ihren eigenen Beziehungen ankämpfen werden. Darüber hinaus verläßt er sich sehr stark auf die Frauen, denen schon aus biologischen Gründen eher ein Verständnis für die Grenzen gegeben sei. Die wirtschaftliche Selbständigkeit der Frau, zu deren Erreichung ihm auch die Geburtenkontrolle dient, — d. h. die willkürliche Einschränkung des Nachwuchses durch Empfängnisverhütung, — führt zur Unabhängigkeit der Frau vom Manne und damit zu einer neuen Form der Gestaltung des Lebens der Geschlechter. Lindsey schreibt einmal, daß es ihm darauf ankommt, Tatsachen mitzuteilen und daß wahre Geschichten schon an sich immer einen großen literarischen Wert besäßen. Wir wünschen, daß auch für Deutschland ein ähnliches Buch geschrieben werde, das so voll von Tatsachen des menschlichen Lebens und einer großen Liebe zu ihm wäre. * # * Und doch müssen wir versuchen, uns mit dem Inhalt dieses Buches auseinanderzusetzen. Auf dem Führerlager in Zossen hat man sich, unter Führung von Bondy, in einer nächtlichen Unterhaltung mit der sexuellen Frage beschäftigt. Durch stilles Zuhörenkönnen, durch eine weiterführende Frage gelang es Bondy, Menschen zur Aussprache kommen zu lassen. Was sie sprachen, war dann frei von der Geläufigkeit oft gebrauchter Redewendungen, sondern es entstanden bei Einzelnen Worte, die mit Zaudern einen ganz tiefen Drang zu umschreiben suchten, bei deren Aussprechen man die Hemmung spürte, die Beladenheit der Gedanken mit beunruhigender und quälender Leidenschaft. Mancher, der sich leidenschaftlich für eine bestimmte Haltung zum anderen Geschlecht einsetzte, bekämpfte im tiefsten nicht so sehr den anderen, der eine andere Ansicht vertrat, sondern etwas in sich selbst, das der ausgesprochenen Forderung entgegenstand. Die Zossener Unterhaltung, die den Eindruck einer letzten Ehrlichkeit machte, ließ als Meinung des Bundes keineswegs die Ansicht entstehen, daß man es sich in sexuellen Dingen leicht machen wolle, sondern vieles drängte darauf hin, die sexuelle Entwicklung des Einzelnen konfliktsreich zu machen, auch im Sinne der Erziehung einer reich entwickelten, am Leben bewährten Persönlichkeit. Eine ähnliche „jugendbewegte" Stellung nahm man im Gegensatz zu Lindsey auch in den Fragen der Lebensgestaltung ein. Auf die Frage: Sollen wir von unseren Chawerim in Deutschland eine proletarische Lebenshaltung verlangen? wurde zwar keine eindeutig bejahende Antwort gegeben, weil man sich die Gründe dafür und die Gründe dagegen klar gemacht hatte, aber für alle war doch klar, daß es für alle Menschen 62

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