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Der junge Jude · 1928-01-01 · Heft 2 (Januar 1928) · p. Seite 61

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Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Januar 1928)
Date
1928-01-01
Page
Seite 61 (sequence 23)
Language
German
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der modernen Jugend eine größere Freiheit, aber auch eine größere Verantwortung zu. Er sieht z. B. in den Probeheiraten, die junge Leute miteinander eingehen, einen Versuch, die Ehe zu einer wirklichen Gemeinschaft zwischen Mann und Frau zu machen. Ein wesentlicher Teil des Buches handelt von der Kritik an der jetzigen Ehe. Lindsey sieht in dem Auflehnen der Jugend gegen die Formen des sexuellen Lebens, die die ältere Generation geschaffen hat, eine revolutionäre Tat. Er bekämpft daher auch nicht, wie es die Jugendbewegung bisher getan hat, Jazz und Tanzvergnügen. Er sieht vielmehr in ihnen Faktoren, mit denen man bei der Erziehung der Jugend zu rechnen hat. Deshalb ist vielleicht auch die Schilderung der Einflüsse, die auf den modernen Jugendlichen einströmen, von Bedeutung. Unsere bisherige Pädagogik war gewohnt, diese Einflüsse lediglich dann~zu erwähnen, wenn die Gefährdungsquellen der heutigen Jugend aufgezeigt werden sollten. „Zählen wir die Einflüsse des modernen Lebens mehr im einzelnen auf, um uns das Ganze noch klarer zu machen. Einige sind gut, einige nicht so gut; aber mit allen muß gerechnet werden. Da ist natürlich zuerst das Automobil, die Jazzmusik, die Jazztrink er ei, der Jazzjournalismus, die Dauerhaarwelle, daß auf ewig Verschwundensein der Anstandsdame, die Abschaffung des Korsetts, die weibliche Invasion des Friseurladens, höhere Gehälter . . . die Wirkung dieser Dinge ist im höchsten Grade anregend." „Die Jugend von heute mit ihren allermodernsten Anschauungen ist ein Ergebnis dieser großen Symphonie von Einflüssen. Was diese Anwaltschaften modernen Lebens oft so schädlich, so zersetzend macht, ist unsere hartnäckige Forderung, daß sie sich mit Maßstäben und Richtlinien vereinen lassen sollen, mit denen sie nichts zu tun haben können." „Wenn unser Herz auf dem richtigen Fleck säße und wir genügend Menschenverstand hätten, würde gar keine Frage darüber aufkommen, ob es recht sei zu tanzen, ins Kino zu gehen, Automobilfahrten zu zweien zu machen, zu rauchen, wenn es einem schmeckt und die vollen Freuden des Lebens zu genießen. Um solches Glück, solche Freiheit möglich zu machen, braucht es keiner Unterdrückung der erwähnten Dinge, sondern nur eines reinen Herzens, das vom gut unterrichtetem Verstände recht geleitet wird." Die Revolution der modernen Jugend liegt für Lindsey natürlich nicht darin, daß sie sich all diesen geschilderten Einflüssen mit Leidenschaft hingibt. Lindsey glaubt vielmehr, in bestimmten Formen der menschlichen Beziehungen,auch gerade der sexuellen Beziehungen zwischen jungen Männern und jungen Frauen ein größeres Maß von Wahrheit und Aufrichtigkeit zu finden, als es bei der älteren Generation der Fall war. Und doch können wir dieser Revolution der modernen Jugend gegenüber vom Standpunkt der alten Jugendbewegung aus, als von einer Revolution mit umgekehrten Vorzeichen sprechen. Denn alles das, was Lindsey zwar nicht bejaht, aber auch nicht verneint, gehörten mit zu den Hauptfeinden der Jugendbewegung. Wenn man sich Lindsey anschließt 61

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