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Der junge Jude · 1928-01-01 · Heft 2 (Januar 1928) · p. Seite 60

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Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Januar 1928)
Date
1928-01-01
Page
Seite 60 (sequence 22)
Language
German
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gewissen Erschütterung überlegt man, wie fern man dem Leben um uns herum entrückt sein muß, wenn wir erst von Amerika aus auf Zustände hingewiesen werden müssen, die vielleicht in unserer allernächsten Nähe sich vollziehen. Lindsey ist ein Mensch, der vielleicht deshalb zu so umfassender Kenntnis des menschlichen Lebens gelangt ist, weil er versucht und wohl auch die Fähigkeit hat, ein Künstler dieses Lebens zu sein. Er steht dem Leben als etwas Gegebenem gegenüber. Er erfaßt alles Tatsächliche, weil er das Leben ungetrübt von bestimmten Wünschen und Theorien auf sich eindringen läßt. Wir andern sehen das Leben immer sehr stark vom Standpunkt unserer eigenen Wünsche und der Dinge aus an, die wir persönlich für wichtig halten. Unsere Kenntnis des Lebens wird daher durch unsere starre Gerichtetheit auf bestimmte Seiten des Lebens, durch bestimmte Wünsche an das Leben, getrübt. Es gehört vielleicht mit zu dem Charakter der Amerikaner, daß Einzelne von ihnen für die Aufnahme des Lebens als einer ungeheuer komplexen Tatsache, besonders offen und bereit sind. Worin besteht dieses erschütternde Bild, das sich der Beobachtung von Lindsey erschließt und das er uns in seinem Buch oftmals breit und manchmal unkünstlerisch aufrollt? Im Wesentlichen wird hier von der Rolle des Sexuellen und des Erotischen in der amerikanischen Jugend gesprochen, und zwar, wie gesagt, nicht unter dem Gesichspunkt irgendeiner Theorie, sondern in dem Versuch einer Beschreibung des tatsächlichen Lebens. Lindsey erzählt, daß in Denver alle Jungen und Mädchen von 15—16 Jahren aufwärts feste Liebesbeziehungen haben, daß oftmals nur um weniges Aeltere, oft aber auch noch Jüngere, regelmäßigen Geschlechtsverkehr ausüben. Das Leben innerhalb der Schulen, das Leben in den Bürgerfamilien, ist durch diese Tatsache mitbestimmt, ohne daß aber Eltern und Lehrer von ihnen etwas wissen. Lindsey erzählt: „mehr als 90% aller Mädchen und Jungen, die Gesellschaften, Tänze und Autofahrten mitmachen, ergehen sich in Küssen und sich Abdrücken. Dies bedeutet nicht, daß jedes Mädchen sich von jedem Jungen abknutschen läßt, aber jedes findet immer einen, mit dem es sich soweit einläßt. Wenigstens 50% der jungen Leute, die mit Abdrücken und Abküssen anfangen, bleiben nicht dabei stehen, sondern gehen weiter und geben sich anderen sexuellen Freiheiten hin, die sogar nach den von ihnen selbst angenommenen sittlichen Forderungen empörend und unanständig sind." „Ich habe bestimmte Zahlen an der Hand, die beweisen, daß auf jeden Fall geschlechtlicher Verfehlungen, der herauskommt, eine ganze Menge anderer kommen, die nicht entdeckt werden, z. B. wurden nur 25 Mädchen schwanger von 495, die mir gestanden hatten, sich mit jungen Leuten abgegeben zu haben. Sie waren alle im Alter von 14—18 Jahren." Das ganze Buch ist von Erzählungen über Einzelschicksale solcher Jugendlicher erfüllt. Lindsey steht auf dem Standpunkt, daß der starke Geschlechtstrieb, der in allen Menschen vorhanden ist, als ein Naturtrieb hingenommen werden muß. Bei der Gestaltung dieses Triebes billigt er 60

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