Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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und Nacktheit. Es offenbart sich der frühe Ursinn, der stets dem späten Sinn besonders verwandt ist. Wir sprechen über die große, den Worten der Alten innewohnende Kraft und bemühen uns, das Geheimnis ihrer ewigen Lebenskraft zu finden. Bialik lobt, nach seiner Gewohnheit, die Alten, weil ihre Worte aus ihnen, ihrem Leben hervorwachsen, — weil es bei ihnen nie etwas Zufälliges gibt. Ich ergänze ihn: darin waren sie groß, daß sie nie zu glänzen, zu überraschen — originell zu sein beabsichtigten. Im Gegenteil, sie wollten anderen ähnlich sein, aus dem gemeinsamen Born des Lebens schöpfen. Nur für sich selbst zu denken, galt ihnen schimpflich. Ihr Denken war stets eine Frucht wahren Lebens und nicht eine solche der Forschung und Scharfsinnigkeit. Dies ist der Vorzug der Klassizität — die nicht eine Generation, sondern ganze Geschlechterreihen im Auge hat. Bialik war zufrieden. Ich hatte verstanden, was er meint . . . Bialik versüßt uns die Reise. Er ist guter Laune, und die Freude läßt sich in unserem Auto nieder. Die Ausblicke a^uf den Weg sind in dieser Gegend voll Annehmlichkeit und Ruhe. Zu unserer Rechten ergötzen das Auge die Obstgärten Petach-Tikwahs, die den Horizont wie Wälder verdunkeln. Zu unserer Linken die Bilder der neuen Kolonien: Hier Bne-Barak, dort der Wasserturm von Magdiel! Ueberall arbeitet, pflügt, pflanzt man. Saronsboden ist es und geht auf wie ein Garten. Die Autobusse sind bereits auf eine gute Landstraße gekommen und rollen schnell dahin. Wir nähern uns den Bergen Ephraims, die vor unseren Augen flimmern. Und in der Nähe der Berge gibt es immer Ermunterung, wie in den Toren einer neuen Welt, voll Wunder und Geheimnisse. 3. In der Mittagshitze gelangen wir nach Tul-Kerem. Wir ruhen hier ein wenig. Die Reisenden trinken in arabischen Hütten am Wege Kaffee, und Bialik, Steinmann und ich gehen in die arabische Stadt, die ganz in Mittagsglut getaucht ist. Wir spazieren lange zwischen den Vorstadtgärten; über die ganze Stadt ist Schlummer ausgegossen. Der Puls des Lebens ist beinahe zum Stillstand gekommen. Eine vergessene Stadt lagert an der Pforte der Berge. Wir sind bereits in den Bergen Samariens. Die Landschaft hat sich geändert. Aber das Grün ist auch hier noch reichlich. Olivenhaine, bewachsene Bergabhänge, Weinberge und an vielen Stellen — auch Getreidefelder. Die Aehren sind nicht hoch und voll wie in der Ebene, aber grün und fröhlich sind sie und von gutem Aussehen. In diesen Bergen herrscht nicht majestätischer Schrecken. Die ganze Landschaft ist idyllisch, alles ist in klarer Nähe, beruhigend. Der Anteil Josefs: „Gottgesegnet sein Land. Köstlichstes des Himmels, Tau und Gewässer, das unten lagert. Köstlichstes des Ertrages der Sonne . . ." Aber fremd ist hier alles und irgend etwas bedrückt das Herz. Der Riß, der in den Tagen Rehabeams im Körper der Nation entstanden war, ist nie wieder zusammengewachsen. Im Gegenteil, er vertiefte sich noch und ich weiß nicht, ob es noch einen traurigeren Abschnitt in der Ge- 51