Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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gann — trotz des „Zuges zur Stadt", trotz der trüben Aussichten — eine neue Bewegung zur Eroberung der „Kolonie". Hinter ihr stand zwar schon eine starke Arbeiterorganisation, der Gedanke der Arbeit verschaffte sich schon Geltung in der Oeffentlichkeit, zionistische Kongresse nahmen dementsprechende Beschlüsse an — in Wirklichkeit aber blieb die Eroberung der Arbeit eine Angelegenheit der Eroberer selbst, die unter den schlechtesten Lebens- und Arbeitsbedingungen das Gefühl nicht verloren, daß mit dem Anstieg der Zahl der jüdischen Arbeiter in der Kolonie auch ihre Kraft wachsen werde. Aus diesem Glauben sogen sie ihre Kraft. Die Ereignisse haben ihren Glauben gerechtfertigt. Zum ersten Male wurde die Frage der Arbeit wirklich eine öffentliche Angelegenheit, nicht nur für die Arbeiter, sondern auch für den gesamten Zionismus. Man kommt um die Tatsache nicht mehr herum: Es ist kein Aufbau ohne jüdische Arbeit in der jüdischen Wirtschaft möglich. Das ist das Verdienst der Streikposten in Petach Tikwah. Mit welchen Mitteln haben die Arbeiter die Erkenntnis von der Notwendigkeit der jüdischen Arbeit in die zionistische Oeffentlichkeit gebracht? Man sagt uns: nur keine Gewalt! Nur nicht mit Macht! Ja, der Arbeiter in der Kolonie benutzte eine Macht. Nicht die des Ueberfalls — aber die Macht des Opfers. Diese revolutionäre Kraft des Opfers stellt den Opfernden auf die Probe. Unsere verwundeten, gefangenen Kameraden sahen vielleicht keine Aussicht auf Sieg, aber sie gingen ihren Weg aus innerer untrügbarer Notwendigkeit. Auch die Fernstehenden hörten jetzt, worum wir kämpfen: nicht um Unterstützung, nicht um Brot für Hungrige, sondern um Gesundung und Rettung des Zionismus. Was taten die anderen? Der Arbeiter hatte nun einen Weg, aber es scheint so nach ihrem Verhalten, daß es wohl auch für die anderen nicht die Freiheit der Entscheidung gibt. Sie wirkten, wie beherrscht von festen Gesetzen. Da ist zunächst die Regierung. Sie gibt sich nach außen hin das Ansehen eines Beschützers der Zivilisation. Aber sie zeigt ein doppeltes Gesicht. Neben Herbert Samuel wirkte Storrs. Man erzählt von den Sympathien Plumers für die Arbeiter im Lande. Er rechtfertigt ihren Kampf in Petach Tikwah. Aber gleichzeitig wird der jüdische Arbeiter aus den Stadtvertretungen, aus den Eisenbahnbetrieben gedrängt. Auch in Tel- Awiw das gleiche Bild: ein Vertreter der Regierung, er nimmt teil an der Not der Arbeitslosen, versteht mit den Arbeiterführern zu sprechen, macht ihnen Versprechungen und dann schickt man M. Miller und seine Polizisten. Die bittere Lektion, die wir erhielten, wird alle falschen Illusionen ausrotten. Auch der Waad Chakiai tat das ihm Entsprechende. Er ist ein Geschöpf der letzten Jahre. Beamtentum des Barons und modernes jüdisches Effenditum vereint. Er ist eine politische Körperschaft, nicht auf gegenwärtigen Gewinn bedacht. Er sorgt und denkt für Morgen: daß nicht die Zahl der jüdischen Arbeiter zu sehr wachse und damit ihre Kraft. Er will sich sichern vor allgemeinen Wahlen in der Kolonie, vor gerechter 48