Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Allerdings kann die Arbeiterbewegung ihrer erzieherischen und gesundenden Aufgaben nur insoweit gerecht werden, als sie vom Geiste der höheren Kulturwerte erfüllt ist. Wo aber die gewerkschaftliche Aktion von engem Praktizismus oder von utopistischen Schwärmereien beherrscht wird, wo an Stelle der nüchternen und zielbewußten Führung ein Haschen nach unmittelbarem Erfolg tritt, — dort kann von einer Massenerziehung gar keine Rede sein. Dasselbe gilt auch für die sozialistischen Parteien, wenn diese den Boden der Arbeitersolidarität verlassen und zugunsten gewisser Führerkreise eine schmutzige, streberische Konkurrenzpolitik zum Zwecke der Monopolisierung der sozialen Bewegung betreiben. Die demoralisierende Wirkung dieser nur auf den Augenblick gerichteten und monopolistischen Bestrebungen läßt sich auch in den Reihen jüdischer Sozialisten spüren. Und um den schädlichen Folgen vorzubeugen, ist das einzige Mittel, dem ziemlich gedankenarmen jüdischen Sozialismus neue Kulturideale und Wertinhalte zukommen zu lassen. Kein jüdischer Sozialist, dem an der Würde der sozialistischen Bewegung, an ihrer Produktivität gelegen ist, darf sich den weiteren nationalen Bestrebungen verschließen. In den Bereich der sozialistischen Aufgaben gehören auch solche hinein, die nicht auf dem Boden des ausschließlichen Klassen- oder gar Fraktionskampfes zu lösen sind. Das sind Fragen der jüdischen Wanderung und ihrer Regelung, der Kulturenaissance, der nationalen Autonomie und Gleichberechtigung, der Gesundung der wirtschaftlichen Verhältnisse durch kooperative Selbsthilfe und landwirtschaftliche Kolonisation. Falsch und gefährlich ist es, wenn man einzelne dieser Probleme aus der Gesamtheit losreißt, um für jedes eine spezielle Bewegung zu konstruieren. Der sozialistische Zionismus betrachtet alle diese jüdischen Teilprobleme als organische Zweige eines einheitlichen allgemeinen Problems. Die enge Verbindung der sozialen und nationalen Bestrebungen im Judentum und der einzelnen Teilprobleme untereinander ist hier nicht künstlich hergestellt oder ausgeklügelt, sondern vom Leben selbst angezeigt. Denn das kapitalistische Zeitalter hat durch die ihm eigentümliche verschärfte Konkurrenz und die gesteigerten Erfordernisse der wirtschaftlichen Zuchtwahl den jüdischen Massen die Schwäche ihrer bisherigen wirtschaftlichen und kulturellen Positionen mit noch nie dagewesener Deutlichkeit gezeigt. Das ganze bewußte und unbewußte Tun und Wollen der jüdischen Massen ist in der Neuzeit von dem Streben beherrscht, neue Entwicklungsmöglichkeiten zu erringen. Alles, was wir in den letzten 100 Jahren durchgemacht haben, ist nichts anderes als Versuche, neue, mehr zeitgemäße Positionen zu besetzen. Assimilation einzelner, Aufklärung vieler, massenhafte Wanderung, nationales Erwachen, Arbeiterbewegung, Aufschwung der Literatur, Presse und des kulturellen Volksbewußtseins, mannigfache Versuche, landwirtschaftliche Kolonisation, steigendes Verständnis unserer Massen sowohl für jüdische, als auch „fremde" staatsbürgerliche und allmenschliche Dinge, Auflösung alter Bande und allmähliche Ausbildung neuer, — das sind alles Aeußerungen ein- und desselben kolossalen Umwandlungsprozesses. Diesen Umwandlungsprozeß können 46