Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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BER BOROCHOW: ALLJÜDISCHE PROBLEME UND DER SOZIALISMUS Vorbemerkung: In diesen Tagen begingen wir die Feier der zehnjährigen Wiederkehr des Todestages des Begründers und Theoretikers des sozialistischen Zionismus Ber Borochow. Wir bringen nachstehend den letzten Teil eines Aufsatzes zum Abdruck, den Borochow im Jahre 1913 in der Zeitschrift „Die Freistatt" veröffentlicht hat. Diese Zeitschrift ist von Fritz Mordechai Kaufmann herausgegeben worden, und auch an seinen Namen knüpft sich für uns die Erinnerung an einen der feinsten und aufrichtigsten Kämpfer der jüdischen Bewegung. Zwei große Bewegungen und Kulturideale hat die Neuzeit dem jüdischen Volke gebracht: die der nationalen Wiedergeburt und des sozialen Klassenkampfes. Heutzutage ist auch für die zurückgebliebensten Teile des Proletariats klar, daß die Entwicklungsbedürfnisse des Volkes eine enge Verbindung der nationalen und sozialen Bewegung erheischen und bedingen. Schon die primitivsten wirtschaftlichen Kämpfe der Arbeiter gegen die Unternehmer, diese scheinbar nur von dem Gedanken der Lohnsteigerung um eine Mark per Woche beherrschten Streiks und Boykottbewegungen erscheinen in Wirklichkeit als Prozesse von erheblicher massenhygienischer Tragweite. Die gesundende Wirkung der erhöhten Löhne, der verlängerten Ruhezeit, die organisierende und disziplinierende, sittlich-erzieherische Macht der gewerkschaftlichen Aktion erheben dieselbe zu einem der wirksamsten Kulturfaktoren. Während der wirtschaftliche Kampf des Proletariats einerseits die ungeregelte Ausbeutung dämpft, welche sonst die ganze Volksexistenz zu gefährden vermöchte, steigen andererseits gleichzeitig die geistigen Forderungen der Massen, und es eröffnen sich neue Absatzmärkte für die Produkte nationaler Kultur. Auch die politische Betätigung der Massen bringt einen erfrischenden Geist in das gesellschaftliche Leben, indem die Arbeiterparteien der öffentlichen Korruption einen rücksichtslosen Widerstand entgegensetzen. Während die bürgerliche Politik immer mehr in Seichtigkeit, gedankenlosen Cliquenhader und persönliches Strebertum ausartet, wird die Sozialdemokratie die einzige Vertreterin wahrhafter Volksinteressen. Sowohl in ihrem Endziel als auch in den ununterbrochenen Gegenwartskämpfen, teilweise Zugeständnisse und Verbesserungen seitens der herrschenden Klasse erzwingend, bildet die Arbeiterbewegung den mächtigsten Hebel des Fortschrittes, auch im jüdischen Volke. Niemand, dem die Sache der jüdischen Zukunft teuer ist, darf der sozialistischen Arbeiterbewegung fernbleiben. 45