Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 27 (9.9.1920)
- Date
- 1920-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 Jüdische Korrespondenz Seite JUGENDGRUPPEN-BEIBLATT Allen unseren ehrwürdigen Lehrern, Gönnern, Mitgliedern und Areunden wünschen wir anläßlich des Jahreswechsels! rait: “irnnin rn: Agudas Iisroel-Ingendgruppe. Der Beruf! Raw Tachlifa har im Namen der Brüderschaft von Chosai gelehrt: Die ganze Nahrung (der ganze Lebensunterhalt) des Menschen wird vom Nenjahrstag (bis zum Versöhnungstag) bestimmt, ausgenommen sind die Ausgaben für Schabbos, die Ausgaben für Jontef und die Ausgaben für die Söhne zum Studium der Thora. Wenn er da vermindert (abzieht), so wird ihm vermindert, setzt er aber hinzu, so wird auch ihm hinzugesetzt. (Beza 16 a.) Mehr als je, muß heute dieser Ausspruch Rabbi Tachlifas gelten. Die Menschheit ist verworren und zugrunde, Stationen schleudern einander Kugeln an die Köpfe, Völker sind in Auf' regung und selbst der Einzelne kämpft gegen seinen Nächsten, gleich dem Raubtier eine Beute seinem Nächsten zu entlocken. Jisroel steht geeint da, gleich einer Kette zusammengeschmiedet, gleich einem Ring zusammengefaßt — aber im Inneren toben die Kämpfe eines verwirrten Lebens, im Herzen schwillt eine Ader, alles andere zertrümmernd, mächtig an. „Gdaulo tauro schehi naussenes chajim.K „Es ist ein Großes um'die Religion, denn sie allein verleiht ewige Jugend" mag auch unser Körper welken, unsere Seele bleibt jung, wenn sie von Gott erfüllt ist, wie der Tautropfen von der Morgensonne. Wie aber trauert diese Seele, wenn die Menschheit sich von ihr abgewichen, sie von sich geschickt hat, wenn ihr Strahl, den sie auf die in Entartung versunkene Menschheit wirft, die Menschen nicht erwärmt hat zur Thauro, sie nicht erwärmt hat zum Ideal der Menschheit. Wir bemitleiden den Blinden, dem die ganze Welt voll bunter Farbenpracht in dunkle Nacht versinkt, dem kein Himmelsblau glänzt, kein Abendrot leuchtet, keine Blume grüßt, kein Antlitz lächelt, wir bedauern den Tauben, dem der Zugang zum Reiche der Töne verwehrt ist, den kein Vogellaut erfreut, kein ernstes Vaterwort mahnet, kein milder Muttersang tröstet. Beklagen wir noch mehr den Unglücklichen, dem das Reich der göttlichen Herrlichkeit verschlossen ist, der blind ist für die ewigen Lichtgebilde, der taub ist für die heiligen Friedensklänge der göttlichen Offenbarung. ' „Im Inneren toben die Kämpfe." Im Inneren der jüdischen Gesamtheit. Heute erhebt sich eine neue Organisation, die das Judentum wahren will, vor zwei Jahrzehnten war eine erstanden, die den Unglauben kündete, bei der Welterschaffung aber donnerte das Machtwort der göttlichen Majestät an das Volk der jüdischen Gesamtheit: das Gesetz des Judentums und den Beruf der Menschheit. Wie steht es aber mit diesem Berufe? In die Ecke ist er verbannt,Lm Winkel steht er einsam da. Der eine glaubt dem Berufe Wirkung zu verschaffen, indem er die Gottesgebote verletzt, der zweite indem er Weltkultur fördert, der dritte indem er die Künste und Sprachen der Menschheit lernt und lehrt, ein Nächster wieder der in dem Streben für Nations-und Geschichtsleben die Aufgabe des Judentums erblickt; jeder hat ein Streben, jeder findet eine Aufgabe, jeder hat ein Gesetz und jeder kündet ein neues Dasein. Nur die Aufgabe, die oem Menschen von Gott verliehen ist,, das Gesetz, das uns von Gott gegeben wurde, die Daseinsaufgabe, zu dessen Zweck der Mensch erschaffen wurde, diesen Beruf hat der Mensch noch nicht erkannt, diese Erlernung hat der Jude noch nicht begriffen. Nicht nur an die Jugend gereicht jetzt das Machtwort des Gesetzes unseres Gottes, an die Eltern will es kommen: Wie müssen wir unser Haupt weinend verhüllen, wenn wir Eltern sehen, welche ihre Kinder einfach zugrunde richten, wie müssen wir aber trauern, wenn wir unsere heutige Jugend betrachten, die in dem eifrigen Geschäftsleben die Aufgabe des Menschen erkennt, und der Born des Gesetzes Talmud und Poskim in die Reihe der Vergessenheit geraten, in der Jugend ssirsv ch'ankuso. von der unsere Rnbonim die Unvergeßlichkeit lehrten, ja, nicht nur ein Einzelner weint um die Verdorbenheit der Menschheit, nicht nur Einzelheiten einer Nation und eines Volkes trauern um den Verfall des Gittestums und die Annahme des weltlichen Aberglaubens, auch der Genius der jüdischen Menschheit verdeckt schluchzend sein Antlitz, auch dem Erschaffer der jüdischen Einzelheiten, dem Erschaffer und Bildner des jüdischen Judentums schimmern Zähren, leuchten Tränen. Wollen wir den Urgrund dieser so tief eingewurzelten Sittenverderbnis suchen, so verdeckt er sich uns. Der Mensch kündet das Lernen wohl als notwendig, kündet aber zugleich die Kenntnis der Völkersitten als untrennbar mit der Existenz des Memschen verknüpft. Wie heuchelt er aber dann selbst, indem er das Lernen dem Kinde versagt, und ihm eben nur die Völkersitten reicht. Die „Existenz" hat schon manchem von diesem Lernen abgehalten, obwohl es bei ihm scheinbar als Hauptzweck galt, ihm als Aufgabe des Juden schien. Ein Ausspruch R. Meirs in Pirke Owaus lautet: „Schränke dich ein im Geschäfte und beschäftige dich mit Thauro." Herr Prins verlieh diesem Satze die soziale Erklärung. Diese Mahnung steht im vollen Gegensatz zur Forderung des Tages, welche die Kinder in der Schule für den Broterwerb erzieht, und sie, dem Leben der Schule entwachsen, sobald sie die Schule des Lebens betreten, so unablässig in den Dienst des Erwerbs jocht, daß ihnen für höhere, ideale Interessen und gar für das Studium der Thauro nur spärlich Zeit und Sinn übrig bleibt. Die Art und Weise wie jemand sich die Mittel zum Leben aneignet, nennt man heutzutage seinen „Beruf", also dasjenige, wozu er berufen ist. Mit diesem. Namen hat man den Beruf zum Götzen des Tages gemacht, dem alles andere rückhaltlos hingeopfert wird. Ist der europäische Kulturmensch wirklich dazu „berufen", Waren zu kaufen und zu verkaufen, Schuhe zu machen oder Bretter zu schneiden, so tritt vor dieser Berufung, also dem Kaufmanns-, Schuhmacher- und Schreinerberuf alles andere als nebensächlich zurück. Gewissenhaftigkeit, Redlichkeit und Ehrlichkeit stehen diesem Berufe sehr oft hinderlich im Wege. Ohne viel Scharffinn finden die Berufenen heraus, daß der Gewissenlose, Unredliche leichter und vorteilhafter kauft und verkauft, arbeitet und abliefert, als der Ehrliche. Freilich hat man ihn auch gelehrt, daß ehrlich am längsten währt, und daß der Krug nur so lange zum Brunnen geht, bis er bricht, aber die geschäftliche Gewandtheit, das kaufmännische Raffinement, die Schlauheit und Geriebenheit im Verkehr statten den Besitzer dieser und ähnlicher höchst zweideutiger Tugenden eines weiten, merkantilischen Gewissens mit dem ruhigen Bewußtsein aus, seine zur Schau getragene Ehrlichkeit werde nicht als kausss bijouterie erkannt, werde so lange währen wie die echte, und der Krug, so lange er ihn in Händen hält, nicht brechen. Die leider so weit eingerissene, tief eingewurzelte Sittenverderbnis hat daS Vertrauen zerstört, auf dem der frühere auf Offenheit und Aufrichttgkeit beruhende Verkehr basierte. Sie hat ihren ersten Ursprung in der materialistischen Weltanschauung, welche die Art und Weise, die