Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 27 (9.9.1920)
- Date
- 1920-09-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3495278-3495461-3495485--1420-3497343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 Jüdische Korrespondenz Nr. 27 und mit großer Spannung folgten die Versammelten den geist- J reichen, temperamentvollen Ausführungen des Referenten. Herr Rosenheim verwies zunächst auf die große Bedeutung der Mizwath Jischub Erez-Jisroel für jeden Glaubenstreuen, zählte die diesbezüglichen talmudischen Bestimmungen auf, erinnerte aber daran, daß derselbe Talmud den Jischub in Erez-Jisroel als verboten erklärt, wenn dies mit einer Verletzung der anderen religiösen Vorschriften verbunden ist. Der Redner behandelte eingehend die politische Seite des Palästinaproblems, warnte vor Uebertreibungen und Ueberschätzungen und meinte, daß die J Glaubenstreuen sich an dem Jischub beteiligen sollen, aber genau darauf achten müssen, daß es keine Miriwell Kubaall bea^vere* sei. Nach den Ausführungen des Referenten sprach Rabbiner Kahneman (Penewisch) im ähnlichen Sinne. Die beiden Reden lösten bei den Zuhörern einen tiefen Eindruck aus. Ein Grüppchen zionistischer Jünglich, die gekommen war, um die Redner zu stören, aber angesichts der Haltung des Auditoriums hiezu keinen Mut gefunden haben, entschädigten sich damit, indem sie nach Schluß der Versammlung geistige zionistische Lieder intonierten. * Die Welthilfskonferenz in Karlsbad. In der zweiten Augustwoche hat in Karlsbad die Welthilfskonferenz getagt, an der sich 80 Delegierte aus verschiedenen Ländern beteiligten, und die nach der Anhörung verschiedener Referate eine ganze Reihe von Resolutionen gefaßt hat. Es wird sich darum handeln, die Resolutionen irgendwie zur Durchführung zu bringen, sonst wird der Konferenz bloß eine demonstrative Bedeutung zukommen. Der Verlauf derselben erweckte allerdings den Eindruck,' daß es sich den Arrangeuren vornehmlich um eine Demonstration, nebenbei aber auch um parteipolitische Interessen handelte. Das beweist unter anderem das Vorgehen gegenüber der „Aguda-Jisroel", die man so gern von den Beratungen ausgeschieden sehen möchte. „Der Israelit" (Frankfurt) schreibt über die Konferenz: Im allgemeinen machte die Konferenz den Eindruck ungenügender Vorbereitung. Es war offenbar, daß man sich bei dem ganzen Unternehmen nicht ausschließlich von sachlichen Gesichtspunkten hat leiten lassen, sondern vor allem eine Aktion durchführen wollte, die den zionistischen Parteiinteressen zugute kommen soll. Diese Tendenz ist von einer Anzahl auch zionistischer Delegierter in anerkennenswerter Weise bekämpft worden, aber zu spüren war sie an allen Ecken und Enden. So hat man schon bei den Einladungen die zionistischen Verbände nach jeder Richtung bevorzugt. Da andererseits die größten und kapitalkräftigsten Hilfsorganisationen, vor allem der amerikanische „Joint", die Teilnahme prinzipiell ablehnten, so darf man die Bedeutung der Konferenz nicht überschätzen. Immerhin umfaßte sie eine so große Zahl erfahrener, kluger und hilfsbereiter Politiker, daß man ihren Beratungen im Interesse der schwergeprüften jüdischen Volksteile im Osten ehrlich Erfolg wünschen muß. Die Konferenz hatte kein Recht, sich irgendwie als Vertreterin der Gesamtheit zu betrachten, aber sie könnte im einzelnen um so eher Gutes leisten, je entschiedener sie darauf verzichtet, politische Nebenabsichten zu verfolgen. Sokolows Begrüßungsrede ließ allerdings diese politischen Absichten ziemlich deutlich durchblicken: man will ja doch jede gute Gelegenheit benützen, um möglichst weite Volkskreise auf das zionistisch-nationalistische politische Ideal festzulegen. In das siebengliedrige Präsidium wurde unter anderen auch der Vertreter der Agudas Jisroel, Dr. Nathan Birnbaum, gewählt, der hierauf folgende Erklärung abgab: „Im Aufträge des orthodoxen Weltverbandes Agudas Jisroel, den ich hier zu vertreten die Ehre habe, erhebe ich hier Protest dagegen, daß das Komitee, daß diese Konferenz organisierte, trotz mehrfacher brieflicher Aufforderungen und Einsprüche unsererseits, uns weder den verlangten zweiten Delegierten zugestanden, noch eine ganze Reihe ihm von uns bezeichneter orthodoxer Hilfsorganisationen eingeladen und dadurch uns und mit uns den Millionen des streng-gläubigen jüdischen Volkes die . Möglichkeit genommen hat, in einer der Zahl und der religiösen und sittlichen Bedeutung der Orthodoxie entsprechenden Anzahl auf dieser Tagung vertreten zu sein. Wenn sich unsere Organisatton trotzdem entschlossen hat, den ihr zugestandenen einen Delegierten der Orthodoxie in meiner Person zu entsenden, so war für sie vor allem, die Notwendigkeit maßgebend, sich über die Verhandlungen und Entschließungen der Konferenz genauestens zu informieren; dann aber die Erwägung, daß die Konferenz in die Lage kommen kann, das vor ihrem Zusammentritt geschehene Unrecht gutzumachen: wenn sie nämlich die Grundlage schafft, auf der es der Orthodoxie möglich werden soll, für den Fall einer im Anschluß an die Konferenz einsetzenden Hilfstätigkeit an dieser mit vollem Einsatz ihrer Kräfte und unter gesicherter Wahrung ihrer Interessen teilzunehmen. Von dem Willen geleitet, alles, was ln meinen Kräften steht, zu tun, um diese Möglichkeit mit herbeizuführen, und unter dem Vorbehalte, der durch diese Protesterklärung gegeben ist, will ich mein Mandat ausüben. Von diesem Willen geleitet und mit diesem Vorbehalte habe ich auch die Wahl ins Präsidium der Konferenz angenommen." Am zweiten Verhandlungstag benutzte Herr Dr. Birnbaum die Gelegenheit des Berichtes der Mandatprüfnngskommiffion, um in der Diskussion nochmals das Vorgehen des organisierenden Komitees in der Frage der Delegierten der Agudas Jisroel schärfstens zu kritisieren und dabei den Ueberfall eines Herrn Weinfeld auf die slowakische Orthodoxie zurückzuweisen. Interessant ist, daß sich ad lioc eine Gruppe gesetzestreuer Delegierter gebildet hat zur Wahrung der religiösen Interessen; ihr gehörten Dr. Birnbaum, Dr. Rachmilewitsch und Dr. Leo Deuschländer (Kowno), Halpern (Amsterdam), Dr. Feßler (Wien) und einige misrachistische Herren an. Es handelte sich darum, dem Religionsgesetz bei der Durchführung der verschiedenen Hilfsaktionen Geltung zu verschaffen und der Orthohoxie zum mindesten diejenige Vertretung zn sichern, die der Zahl der zu ihrer Weltanschauung sich bekennenden Volksmassen entspricht. - An öie geehrten Leser:! Infolge unvorhergesehener Abreise unseres Redakteurs und der Unmöglichkeit, während der Serien einen entsprechenden Stellvertreter zu findenifi Dg Erscheinen der „Jüdischen Korrespondenz" eine kurze Unterbrechung eingetreten, was die geehrte« Aeser entschuldigen wollen. Von nun an wird das Ulatt regelmäßig erscheinen. Rundschau. (Antisemitische Demonstratio» in Wien.) Für Dienstag, 31. August, abends hatte der sattsam bekannte Dr. Riehl seine Anhänger in ein Gasthaus in der Kaiser Josef-Straße einberufen, um dort gegen die Oftjuden zu demonstrieren. Ein kleines Häuflein von Riehls Trabanten hatte sich eingefunden und versuchte nach der Versammlung in den Straßen der Leopoldstadt Gaffenbübereien zu verüben. Die Rowdies stänkerten ßyzialdemokratische Arbeiter und Volkswehrmänner an und brüllten tapfer und unentwegt die „Wacht am Rhein". Dabei beschimpften sie die Passanten. In der Praterstraße trieben sie die Gassenbübereien so weit, daß sie gegen die Wache Steine schleuderten. Vor dem Restaurant Hauswirt kam es abermals zu einem Zusammenstoß'zwischen den Riehlschen Rowdies und einer Gruppe Arbeitern. Berittene Polizei schritt ein und zersprengte die brüllende Horde, die fluchtartig auseinanderstob. Beim Praterstery suchten sich die „Helden" des Herrn Riehl wieder zu sammeln, aber es fehlte ihnen schon offenbar der Mut und so. zögen sie es vor, nach Gassenbubenart zu verschwinden. Herr Dr. Riehl kann auf seinem Erfolg zufrieden sein. (Fortsetzung auf Seite io.)