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Jüdische Korrespondenz · 1920-09-09 · 27 (9.9.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
27 (9.9.1920)
Date
1920-09-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 27 Jüdische Korrespondenz Seite 3 Organisation, wo er insbesondere die erfreulicherweise in wahrnehmbarem Maße wachsende Einsicht in die Notwendigfeit gründlichen Thora-Lernens in Deutschland feststellte, und die Beziehungen zwischen Ost- und Westjudentum, namentlich unter dem Einfluß der neuesten Einwanderung ausführlich behandelte. Dr. Pollak (Wien) konnte die Entwicklung der Aguda-Bewegung in Wien kennzeichnen, wobei er einleitend der vielseitigen Leistungen der galizischen A g u d a in Wien während der Dauer des Krieges gedachte. Die Wiener Jugendgruppe besitze über tausend Mitglieder und entfalte nicht nur eine ausgedehnte Lerntätigkeit, sondern habe auch durch die Heimbeförderung der palästinensischen Flüchtlinge und die durch die sogenannte Jeschiwoh-Aktion zur Erhaltung von Jeschiwans erfolgreiche Arbeit und aus sozialem Gebiet Gutes geleistet. Um die Ankunft weiterer Delegierten abzuwarten, wurde die Dienstagsitzung um 1 Uhr geschlossen. Am Spätnachmittag fand ein stark besuchter öffeutlicherVortrag des Herrn Rosenheim (Frankfurt) über „Aguda Jisroel als politische Organisation" statt. Die Mittwochsitzung wurde mit Vorlesung zahlreicher Begrüßnngstelegramme aus fast allen Ländern der Erde eröffnet. Die Wahl des Bureaus ergab für das Präsidium: die Herren Oberrabbiner Dr. Weil! (Kolmar), Oberrabbiner Dr. Lewenstein (Zürich), - Chaikin (London), Th um im (Prczemysl), Rosenfeld (Warschau), Katz (Preßburg), Wreschner (Frankfurt), der Schriftführer: die Herren Goldschmidt (Halberstadt),. Dr. Pollak (Wien), Dr. Rosen bäum (Preßburg). Die Berichte über die einzelnen Länder wurden durch Referate über die Bewegung in der Tschechoslowakei (Dr. Rosenbaum), England (Adler-London), Bukowina (Chodorow- Ezernowitz) fortgesetzt. Alsdann erstattete, da der Vorsitzende des Zentralbureaus noch nicht erschienen war, Dr. Nathan Birnbaum (Berlin) einen Sonderbericht über die Emigrationsfrage und in Verbindung damit über die Karlsbader Hilfskonferenz. Die Agudas Jisroel wird sich darüber schlüssig werden müssen, ob sie angesichts des wenig loyalen Verhaltens der leitenden Kreise der Hilfskonferenz dennoch Mitarbeiten oder ihre eigenen Wege gehen wolle. Die Entscheidung müsse, wenn nicht auf der Konferenz selber, jedenfalls in Kürze durch die neue Leitung getroffen werden. Hierauf erstattete Oberrabbiner Dr. Lew enstein (Zürich) einen großangelegten Bericht über die Tätigkeit des Zentralbureaus der Züricher Weltkonferenz. Trotz dem fühlbaren Mangel an Arbeitskräften und Geldmitteln konnten auf politischem, organisatorischem und praktisch humanitärem Gebiet beträchtliche Fortschritte erzielt werden. In politischer Hinsicht wurde über die aus der Presse bekannten Verhandlungen mit der zionistischen Organisation berichtet, die sich angesichts des ablehnenden Verhaltens dieser Organisation zerschlagen haben, und die Ende Mai d. I. zu der Uebergabe eines ausführlichen Memorandums an die englische Regierung führten, in dem die Forderung der Orthodoxie formuliert und begründet sind. Das Memorandum ist von der englischen Regierung durch ein überaus entgegenkommendes Schreiben beantwortet worden und unterliegt gegenwärtig persönlichen Verhandlungen mit dem Oberkommissär in Jerusalem. Der Bericht läßt die Erfolge der Propagandaarbeit in allen Ländern Revue passieren und zählt dann die einzelnen Hilfsaktionen auf, die von der Leitung während der Berichtsperiode durchgeführt wurden. Das Zentralburean habe mit Einsatz seiner ganzen Kraft gearbeitet, sei sich aber bewußt, daß eine Aenderung der Leitung unbedingt notwendig sei. Unter allen Umständen müsse die Keneissio Gedaulo so rasch wie möglich einberufen werden. Die innere Stärke der Aguda, soweit sie hierfür notwendig sei, ist vorhanden, aber eine zielbewußte energische Tätigkeit könne nur platzgreifen, wenn die Organisation durch die Keneissio Gedaulo auf eine feste Grundlage gestellt ist. In der Generaldiskussion, an der sich fast alle Delegierten beteiligten, kamen eine Unzahl von Wünschen zum Ausdruck, unter anderen verlangte Ehrmann (Frankfurt) größere Beachtung der Propaganda unter der Arbeiterbevölkerung. Schere sch ewski (Kowno) beschwerte sich über die unzureichende Unterstützung der Kulturarbeit der Orthodoxie in Litauen. Rosenfeld (Warschau) wendet sich gegen den aus den Kreisen der Jugend geäußerten Wunsch des Zusammenarbeitens mit dem Misrachi. Oberrabbiner Bloch (Telschi) verbreitet sich über Erziehungsangelegenheiten und wünscht dafür eine besondere Kommission. Chai ko n (London) hält eine orthodoxe Einheitsfront für notwendig, insbesondere für Palästina. Lew in (Warschau) tritt dem Wunsche nach einer einheitlichen Erziehungskommission entgegen, weil die Verhältnisse in den verschiedenen Ländern allzu verschieden lägen. Von der Leitung wurde erwidert, daß man für den Aufbau des Erziehnngswerkes in Litauen alles Mögliche getan habe, und daß die Leistung der aus Aguda-Kreisen stannnenden Lehrkräfte doch in Litauen unverkennbar sei. Auch die finanzielle Unterstützung sei zum guten Teil aus Aguda-Kreisen gekommen. Die Plenarsitzung schloß gegen 2 Uhr, worauf sich die Delegierten zu gemeinsamen Mittagsmahl im Nebensaal vereinigten. Dabei sprach Oberrabbiner Weinberg er (Duna- Szerdahely) zündende Diwrei Tauroh. Der Nachmittag war gänzlich den Sitzungen der Kommissionen gewidmet, die bis in die späte Nachtstunde hinein tagten, um ihre Arbeit womöglich vor Beginn der Plenarsitzung am Donnerstag zu vollenden. Es wurden vier Kommissionen: für organisatorische Fragen, Finanzangel e g e u h e i t en, P a l ä st i n a ar b e i t und Wirtschafts- Probleme gebildet. Die Plenarsitzung am Donnerstag früh war alsdann gänzlich der Verhältnisse der Agudas Jisroel zu v e r w a n d t e n O r ga n i s a t i o n e n, insbesondere zum Misrachi gewidmet. Rosenheim (Frankfurt) berichtet eingehend sowohl über die prinzipiellen Gesichtspunkte, die für und wider die Zusammenarbeit mit dem Misrachi sprechen, als insbesondere über den Verlauf der seit mehr als einem Jahre immer wieder aufgenommenen Verhandlungen, die nacheinander in Berlin, Amsterdam, London, Jerusalem und Frankfurt stattfanden. Ein praktisches Ergebnis haben diese Verhandlungen bedauerlicherweise nicht gehabt. Ein letzter Vorschlag, der von dem Redner ausging, unabhängig von den Organisationen einen Schulverein für Palästina zu bilden, den Agudisten und Misrachisten individuell fördern und leiten sollten, ist vom Vorsitzenden des Misrachi in den letzten Wochen leider abgelehnt worden, weil der Gedanke einer neuen Organisationsgründung in seinen Kreisen keinen Beifall fände; die engere Leitung der Aguda habe das Bedürfnis, von den Vertretern der Landesorganisation zu erfahren, ob ihr Verhalten in der ganzen Angelegenheit gebilligt werde und welche Richtschnur für die Zukunft gegeben werde. Die Debatte, die sich über den ganzen Vormittag hinzog und stellenweise zu recht lebhaften Auseinandersetzungen führte, zeigte absoluteEinheitlichkeit hinsichtlich der prinzipiellen Stellung zum Misrachi; verschieden waren die Auffassungen nur darüber, ob der prinzipielle Gegensatz mit voller Schärfe betont, oder mit Rücksicht auf künftige Entwicklungen ein möglichst freundschaftliches Verhältnis angebahnt werden soll. Die Vertreter aus Polen, der Tschechoslowakei und Deutschland vertraten den scharfen Standpunkt, insbesondere erblickt man in den beiden ersten Ländern, welche die große Mehrheit der Aguda-Mitglieder umfassen, im Misrachi den gefährlichsten und unversöhnlichsten Gegner, den Zerstörer aller religiösen Autorität in den Gemeinden und will darum von irgendeinem Paktieren überhaupt nichts wissen. Den milderen Standpunkt vertrat Holland, beziehungsweise Vertreter Oberrabbiner Husch (Zwolle), trotzdem das gesamte Oberrabbinat die Misrachi-Jdee prinzipiell verwirft, sowie Litauen, dessen Hauptvertreter, Oberrabbiner Kahneman (Poniwesch), sich als entschiedener Gegner des Misrachi bekannte, dennoch aber von einen: offene!: Kampf gegen ihn nichts wissen will. Die Debatte endete mit der einstimmigen Annahme folgender Beschlüsse: „Die Versammlung billigt die von der Leitung bisher befolgten Grundsätze bei den Verhandlungen mit anderen Organisationen.

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