Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 27 (9.9.1920)
- Date
- 1920-09-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 27 Die Konferenz der Agudas Iisroet. Zum dritten Male in den wenigen Jahren ihres Bestehens hat die Agudas Jisroel vor aller Welt ein Lebenszeichen von sich gegeben, ein Lebenszeichen, das zugleich eine Kraftprobe ist. Das erstemal war es jene denkwürdige Versammlung in Kattowitz, in welcher der Grundstein für die Aguda als Weltorganisation gelegt wurde. Zum zweiten Male offenbarte die Aguda ihre Lebenskraft mit der Weltkonferenz in Zürich wenige Monate nach der Beendigung des Weltkrieges. Zum ersten Male seit dem Völkermorden geschah es damals, daß Bürger fast aller kriegführenden Staaten zu einer Konferenz zusammentraten, ohne Rücksicht auf politischen Haß. Die Aguda hat damals den Beweis für die trotz aller Ereignisse unerschütterliche und unzerreißbare Einheit des jüdischen Volkes erbracht. Die Weltkonferenz von Zürich war eine große Tat und ihre Früchte sahen wir bei der dritten Kraftprobe, bei der jüngsten Konferenz in Preßburg. Wieder waren es Delegierten fast aller Länder, die zur Konferenz geeilt sind, um über das Schicksal von „Jisroel we-aurajssu“" zu beratschlagen. Die Delegierten der verschiedenen Länder konnten bereits über Taten berichten, über eine segensreiche Arbeit, über den Ausbau der Organisation, die immer mehr zum politischen Faktor heramvächst. Es war ein Siegesbericht, der erstattet wurde, mag auch noch hie und da vieles zu wünschen übrig geblieben sein. Die Agudas Jisroel lebt, ist tätig, leistet großes und ist ans dem Wege, ihren Aufgaben gerecht zu werden. Das ist der allgemeine Eindruck des Verlaufes der Konferenz, der für die Zukunft das beste erwarten läßt. Die Konferenz war vornehmlich ernster Arbeit gewidmet. Es sollte kein demonstratives Schaustück sein. Mögen sich die Gegner der Aguda trösten, daß die Tagung ohne Pomp vor sich gegangen war, mögen sie die Häupter derjenigen, die zur Eröffnungssitzung gekonimen waren, zählen und triumphierend darauf Hinweisen: bei irgendeiner zionistischen Veranstaltung war ein großes Auditorium versammelt. Es liegt nicht im Wesen der Aguda, mit Massenaufzügen zu prunken, getreu dem jüdischen Geist, der die Macht der Zahl nicht anerkennt. Gideon wählte Dreihundert aus, Jonatan bringt mit seinem Waffenträger die Philister in Verwirrung. Dawids Schar behauptet sich gegen Sauls Herr, Gott rechnete es Dawid als Sünde an, daß der eine Volkszählung vornehmen ließ und auf die große Zahl waffenfähiger Männer stolz war. Allerdings, das Streben der Aguda geht dahin, ganz Israel lüieber den Geiste der Thora zuzuführen. Ob in Palästina, ob in der Diaspora, das Tun und Lassen der Aguda hat nur ein Ziel: das „Gau eched* zu einem „Gau kodausch“ zu machen. Dazu strebte auch die Konferenz mit ihren Beschlüssen. Tie ganze Arbeit der Konferenz war „kaudesch lahaschem“. Die Beschlüsse der Konferenz sind dazu geeignet, die Aguda ihren: Ziele näher zu bringen. Vom Ernst der Männer, die an der Spitze stehen, darf erwartet werden, daß sie ihre ganze Kraft daran setzen werden, die gefaßten Beschlüsse zu verwirklichen. Dann wird die „Kenessie gedaulo“ eine „Kenessie leschem Schoiuaim“ sein. Die Preßburger Konferenz wird dann einer der wichtigsten Marksteine sein auf dem Weg „leliachsir Atara lejausclmo“, das unverfälschte Judentum im alten Glanz wieder aufzurichten. Die preßburger Konferenz. (10.-13. Elul 5680.) Die von der Leitung der Agudas Jisroel ursprünglich nach Wien, alsdann nach Preßburg einberufene Sitzung sollte durchaus geschloffenen Charakter tragen und in keiner Weise propagandistischen Zwecken dienen. Nichtsdestoweniger war es, angesichts der ungeheuren Teilnahme, die sich in allen Schichten der jüdischen Bevölkerung der alten Gemeinde Preßburg geltend machte, unvermeidlich, daß die Tagung sich zu einer mächtigen Demonstration für die Ideale der Agudas Jisroel auswuchs. Trotz der Kürze der Zeit hatten die leitenden Herren der Orts¬ und Jugendgruppe Bratislava es vorzüglich verstanden, die nötigen Anordnungen zu treffen und die aus fünfzehn Ländern herbeigekommenen mehr als 60 Delegierten gastlich aufzunehmen und die Agudagruppen wetteiferten mit der Kultusgemeinde und der orthodoxen Landeskanzlei in einer Fülle von Aufmerksamkeiten für die Gesinnungsgenossen, die sich auf dem altgeheiligten Boden des jüdischen Preßburg zusammenfanden. Nach dem durch kernige Thora-Worte gewürzten Empfangsabend, der am Montag für die bereits anwesenden Delegierten in der Mensa der Jeschiwoh veranstaltet worden war, fand am Dienstag vormittag die feierliche Eröffnung der Tagung in öffentlicher Sitzung statt. Den Vorsitz übernahm vorläufig der Sekretär der Wiener Agudagruppe, Dr. Pollak. In längerer warmherziger Rede begrüßte der Preßburger Raw, Oberrabbiner Schreiber, die Versammelten. Im Sinne des „Jomin Ussmaul Tifrauzi“ bezeichnte er es als die beste Methode für Agudas Jisroel vor allein, die auf der äußersten Rechten -stehenden Kreise des ganzen Ostens für sich zu gewinnen, dann werde es der werbenden Kraft der Idee möglich fein, allmählich auch nach links diejenigen Volkskreise zu erobern, die innerlich dem alten Thorageiste die Treue bewahrt haben. Weitere Begrüßungsansprachen hielten namens der Kultusgemeinde Bankdirektor Ungar, namens der Ortsgruppe Herr Benedikt, namens der Jugendgruppe und Tschechoslowakischen Jugendorganisationen Herr Dr. Rosen bäum (Bratislava). Der Präses der orthodoxen Landeskanzlei, Oberrabbiner Weber (Pistiany), gab seiner besonderen Freude darüber Ausdruck, daß es ihm vergönnt sei, kurz nach dem Anschluß der Tschechoslowakei an die große Weltorganisation der Orthodoxie, nunmehr die Freunde aus allen Gauen in Preßburg begrüßen zu dürfen und gelobte kräftige Mitarbeit an den gemeinsamen Aufgaben. Herr Jakob Rosenheim (Frankfurt), gab dem Bedauern Ausdruck, daß es den Mitgliedern des Zentralbureaus in Zürich, insbesondere dem Präsidenten Herrn Oberrabiner Lewenstein, nicht möglich gewesen fei, bei Beginn der Verhandlungen anwesend zu sein, und sprach in dessen Namen Worte des Dankes an die tschechoslowakischen Körperschaften, des Dankes aber auch für die Regierungsorgane und lokalen Behörden, deren besonderem Entgegenkommen die rasche Ueberwindung aller formellen Schwierigkeiten bei der Abhaltung der Versammlung zu verdanken sei. Der Ort, an dem die Versammlung stattfindet, erinnere daran, wie in vergangenen Tagen ganz überragende Persönlichkeiten den organisierenden Mittelpunkt für die Gesamtheit gebildet und die technische Form der Organisation unnötig gemacht hätte. Heute bliebe nichts anderes übrig als Männer wie den Chässam Säufer, um dessen ragende Größe sich die Versprengten der Diaspora dereinst in einheitlicher Zusammengehörigkeit zu einem Ganzen zusammengeschlossen hätten, durch die Mittel der Organisation zu ersetzen. Die Notwendigkeit einer Organisation werde gewiß nirgends so deutlich erkannt, wie in der Tschechoslowakei, wo man ja den Segen des Zusammenschlusses, der von den Großen des vorigen Jahrhunderts geschaffen worden ist, mit jedem Tage neu empfinde. Besonderer Dank gebühre insbesondere der Jugend, deren Wünsche, wie sie durch den Mund des Dr. Rosenbaum zum Ausdrucke gekommen seien, weitgehende Beachtung finden werden. Nach Abschluß der Begrüßungsreden begann die Berichterstattung über den Stand der Aguda-Bewegung in den verschiedenen Ländern. Als erster erstattete Herr I. M. L e w i n (Warschau), der ein überaus warmes Begrüßungs¬ und Vollmachtsschreiben der Schlaumei Emunei Jisroel- Organisation überbracht hatte, einen mehr als einstündigen Bericht über die Entwicklung und Leistungen seiner heimischen Landesorganisation. Raummangel verbietet die Wiedergabe des Referates, das hoffentlich an anderer Stelle demnächst im Wortlaut wird erscheinen können. Die Ausführungen des Berichterstatters, der neben unendlich viel trübem und jammervollem ein glänzendes Bild von der Tatkraft und dem unerschütterlichen Lebenswillen der polnischen Orthodoxie zu entrollen versuchte, löste stürmische, sich immer wiederholende Beifallskundgebungen aus. Gottfried Goldschmidt (Halberstadt) referierte über die deutsche Aguda- und die deutsche Jugend-