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Jüdische Korrespondenz · 1920-09-09 · 27 (9.9.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
27 (9.9.1920)
Date
1920-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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oppBspondenz Bezugspreis: I Ganzjährig K 50, halbjährig K 25, viertelj jährig Iv 12-50. Ausland jährlich K 70. i Einzelnummer l Krone. Organ für die Interessen des üudentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Ni«. 27. Wien, 26. Elul 5680, 9. September 1920. VI. Jahrgang. v«n geehrten Leiern, Mitarbeitern and freunden Wünschen wir aus Unlah des Zabreswechtels irex nDiT' m'nr Die Redaktion. Der Tag des Gerichtes. Wieder einmal naht der furchtbare Tag des Gerichtes, der „Jaum Hadin“, an dem alle Menschenkinder als Einzelne sowie alle Nationen als Gemeinschaften vor dem Richtecstuhl des himmlischen Vaters erscheinen, um Rechenschaft abzugeben über Tun und Lassen im abgelaufenen Jahre und die Entscheidung über ihr Schicksal im kommenden Jahre entgegenzunehmen. Es entspricht dem Geiste unserer heiligen Thora, dem Charakter des Gottes Israel als „Radium wechanuii", als Gott des Erbarmens und der Huld, daß keine Entscheidung über das Schicksal von Mensch und Volk einfür allemal gefällt wird. Nur für die nächste Spanne Zeit wird das Urteil gefällt. Es liegt in der Hand des Einzelnen svie der Gemeinschaften, das Böse, das ausgesprochen wurde, zu bannen, wenn die bösen Taten, die die Strafe herbeigesührt haben, aufhören und anstatt ihrer der Weg des Guten betreten werde. Es ist auch dem, dem das Gute zugesprochen wurde, gegeben, sich dessen würdig zu zeigen und nicht durch böse Taten künftighin die göttliche Gnade zu verlieren. Der Tag des Gerichtes ist aber gleichzeitig auch ein Tag der Buße und der Vergebung. Noch im letzten Moment ist die Möglichkeit gegeben, das Schicksal zu wenden. Nach Absolvierung des Bußemonats Elul, nach den weihevoll-furchtsamen Slichottagen, nachdem der Jude sich Rechenschaft. über seine Handlungen im abgelausenen Jahre gegeben und gelobt hat, künftighin besser zu sein, wagt er es, vor dem Richterstuhl des himmlischen Vaters zu treten, Verzeihung für seine bisherigen Verfehlungen zu erbitten und einen günstigen Urteilsspruch zu erflehen. Der Gott Israels, ,Her die Gebete seines Volkes in Gnade vernimmt", läßt Gna8e vor Recht walten und jeder Jude, der aufrichtig Buße getaiwund gelobt hat, von nun an nur die Wege Gottes zu wandeln, der kann sicher sein, einem guten, glücklichen Jahre entgegenzugehen. Rosch-Kaschana und Janm-Hakipurim sind aber nicht bloß Gerichts- und Urteilstage für den Einzelnen. Auch „al hamdinoth bau jeomer!“ — auch über Völker und Länder lvird die Entscheidung gefällt. Auch über das Schicksal des jüdischen Volkes wird au diesen Tagen entschieden. Während aber der Einzelne die Möglichkeit hat, Buße zu tun, Vergebung zu erbitten und Verzeihung zu erhalten, ist heute das Volk Israel als Gesamtheit ohne einen würdigen Fürsprecher. In den Zeiten unserer Herrlichkeit, als der heilige Tempel noch aufrecht stand und der Hohepriester am Versöhnungstage das Allerheiligste betreten durfte, dann war er auch der Dolmetsch des Gesamtvolkes, für welches er Vergebung und Verzeihung erflehte. Heute aber, „en Mikdosch we-en Kohen“, kein Heiligtum und kein Priester, kein Prophet und kein Führer, — wer soll im Namen des Volkes vor dem Richterstuhl des Ewigen hintreten? „Kesehejessurim boim al odom jefaschpesch bemaasow.“ Wenn Leiden auf einen Menschen kommen, so soll er sich Rechenschaft über seine Taten geben und erkennen, ob er nicht selbst daran schuld ist. Was für den Einzelnen gilt, gilt auch fürs ganze Volk. Furchtbar sind die Leiden, die das jüdische Volk gerade in dem letzte Jahre zn erdulden hatte und hat. Haß, Raub und Mord begleiten es in den meisten Ländern, in welchen seine Massen leben. Selbst int heiligen Lande, in den Straßen Jerusalems ist jüdisches Blut geflossen. Viel, sehr viel Grund hat das jüdische Volk, sich über sein Tun und Lassen Rechnung zn geben, viel sehr viel Grund hat Israel, an den Tagen des Gerichtes Gnade und Huld zn erbitten, ein besseres Jahr zu erflehen. Die Frage ist nur: es mi nischlach umi jelech lonu? Wer soll der Fürsprecher Israels sein? Allerdings, es gibt Kreise im Lager Israels, die anderer Meinung sind. Sie triumphieren, posaunen die „Genta" ans, verkünden die Erlösung und meinen, wir leben in der herrlichsten aller Zeiten. Sie erkühnen sich sogar, dem Gotte Israels den Fehdehandschuh zuzuwerfen und im heiligen Lande ein neues Judentum ausznrichteu, dem selbst die so eingefleischte Assimilatorin „Alliance Jsraelite" nichts mehr vorzuwerfen hat.* Den glanbenstrenen Inden erfüllt aber gerade das mit großer Sorge. Mag sein, daß wir es jetzt mit einer „Atchalta degeula“ zn tun haben — das Verlassen des Gottesgebotes kann aber ganz andere Folgen bringen. Vielleicht ist das ganze wiederum bloß eine Prüfung für uns, ein „Xissojaun“, wie unser Volk wiederholt solchen ansgesetzt wurde, leider mit ungünstigem Resultat. «Sollte sich auch diesmal das „Wajisehman .leschurun wajiwot“ bewähren? Wollen es unsere Nativnalistensührer mit der Taktik Bar-Kochbas versuchen, der dem Ewigen zngerusen hat: „Ich brauch deine Hilfe nicht!" — Gerade all diese Erscheinungen sind es, die unser Herz mit schwerer Sorge erfüllen und den Gedanken aufkommen lassen; das Volk Israel als Gesamtheit braucht heute mehr denn je einen besonderen Fürsprecher vor dem Richterstuhl des Ewigen. ..En Nowi we-en Kohen!" Wir haben heute keine Propheten und keine Priester, die für unsere Gesamtheit Fürsprache tun sollen. Wir müssen es selbst tun. Jeder Einzelne, indem er in sich geht, soll auch darüber sich Rechenschaft geben, tvie es mit seiner Haltung seinem Volke gegenüber beschaffen ist, was er getan hat, um die Geistesgüter Israels, seine heilige Thora und seine Mizwauth, zn erhalten, zu fördern und zu stützen. Jeder Jude soll sich darüber Rechenschaft abgeben, ob er nicht durch seine Haltung im öffentlichen Leben, durch seine Parteizugehörigkeit, Strömungen gestützt hat, die gegen den Geist der Thora sind, ob er nicht durch Förderung unreligiöser Bestrebungen dem Klall-Jisroel Schaden zugefügt hat. Auch nach dieser Richtung soll der Einzelne Buße tun und Besserung geloben. Dann wird auch dem jüdischen Volke als Gemeinschaft Gnade und Huld am Tage des Gerichtes zuteil werden. Dann wird das Leid Israels ein Ende finden und wir werden fauche sein, die wahre Geula zn erleben. Achad-Harabanim. •- Zionistische Blätter berichten Vieser Tage triumphierend, daß die Leitung der „Alliance Jsraelite" beschlossen hat, nichts zu unternehmen, was die zionistischen Bestrebungen stören könnte. Die Herren Silvain Lewy und Genossen haben recht; das, was heute im zionistischen Palästina vor sich geht, ist Wasser aus den Mühlen^ der Assimilation — da kann die „Alliance" ruhig zusehen. ..

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