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Jüdische Korrespondenz · 1920-10-08 · 29 (8.10.1920) · page 11

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
29 (8.10.1920)
Date
1920-10-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 29 Jüdische Korrespondenz Seite 11 Bezüglich der Synagoge in Wladimir-Wolhynien ist eine Legende Vorhanden, daß dieselbe durch den Fürsten Lubomirsky erbaut wurde. Er befahl sehr dicke Wände zu machen. Als ihn der Baumeister fragte, wie dick dieselben sein sollten, soll er erwidert haben: „Die Fundamente des Baues müssen so fest sein, daß ich mit meinem dreispännigen Wagen hinüberfahren könnte." Als der Fürst nach Fertigstellung des Fundamentes mit feinem dreispännigen Wagen hinüberfuhr, war noch auf beiden Seiten ein beträchtlicher Raum. Der Fürst in Meserirz versprach seiner jüdischen Gemeinde eine Synagoge erbauen zu lassen. Er bestimmte einen Bauplatz gegenüber seinem Lustschlosse, damit — so will es die Legende — er stets sehen könnte, ob die Anden pünktlich zum Gottesdienste erscheinen. Noch war der Bau nicht vollendet, als der Fürst gestorben war. Sein Erbnachfolger, der junge Fürst, wollte den Bau nicht fertigstellen, indem er sagte, er wisse nicht, ob sein Baker eine derartige Zusage gemacht hatte. Da erschien ihm sein Vater im Traume, bestätigte die den Juden gemachte Zusage und befahl ihm, den Bau der Synagoge zu vollenden. Doch der junge Fürst machte sich nichts aus diesem Traume und den Inden blieb nichts anderes übrig, als ihn vor dein Rabbiner zu zitieren. Bei der Streitverhandlung vor dem Rabbiner fragte der Fürst die Juden: „Warum baut ihr selbst nicht die Synagoge?" Sie erwiderten: „Wir sind arme Leute, wir haben keine Mittel. Ziegel, Lehm und Holz zu kaufen. Der Fürst ist aber unser Herr und. er hat die Pflicht, uns eine Synagoge bauen zu lassen, damit wir unser Herz vor Gott ausschütten können." Nun entschied der Rabbiner: „Dem Fürst liegt die Pflicht ob, die zum Bau nötigen Materialen, Ziegel, Lehm und Holz beizustellen, die Juden aber müssen alle Arbeiten mit eigenen Händen bewerkstelligen," Nun höre man die Säge von der Synagoge in Alik. Biele Jahre baten die Juden von Alik ihren Fürsten, daß er ihnen eine Synagoge bauen lassen soll, er wollte ihre Bitte aber nicht erfüllen. Selbst die Bitte der Christen, welche baten, eine Kirche für sie zu erbauen, schlug er ab. Statt dessen versicherte er sie, ein Rathaus erbauen zu lassen. Eines Tages erkrankte der Fürst und alle ärztliche Hilfe schien vergebens. Da tat der Fürst ein Gelübde, wenn er voit seiner Krankheit genesen werde, lasse er eine Kirche erbauen- Das half nicht; sein Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Als er sein Ende herannahen sah, da tat er ein Gelübde, eine große jüdische Synagoge erbauen zu lassen. Diese Worte konnte er nur yoch murmeln. Aber siehe da, o Wunder: kaum hatte er das Gelübde ausgesprochen, als er ganz hergestellt war. Er faßte den Entschluß, alle drei Bauten zu gleicher Zeit entstehen zu lassen; das Rathaus, die Kirche uitd die Synagoge, alle nach einem Plane und eines Umfanges. Um dem Wunsch des Fürsten, die drei Häuser zu gleicher Zeit entstehen 311 lassen, nachzukommen, ließ der Baumeister auf jedem der Bauplätze Säulen aufstellen. Er zog einen dicken Strick von der einen Säule zur zweiten, er ging auf den Strick und legte je einen Ziegel auf jeden Bauplatz. So entstanden auf eimnal die drei Prachtgebäude, die in der ganzen Welt ihresgleichen nicht hatten. Damit der Baumeister auch für andere Fürsten ivlche Prachtschlösser nicht erbauen soll, gab der Fürst eines Tages feinem Schergen Befehl, auf einmal alle drei Säulen zu untersagen, damit der Baumeister herabstürzen soll. Die schönste und ergreifendste Legende ist jene betreffs der Synagoge in Berdytschew. In Berdytschew war der Gemeinderabbiner ein. sehr frommer Mann, der Rabbi Lieber hieß. Er lebte sehr zurückgezogen und er pflegte oft und oft sein Gebet in Feld und Wald zu verrichten. Eines Tages stand er im Felde vor einem Baume, die Augen gen Himmel gerichtet Da kam der Graf vorübergefahren. Als er einen Juden erblickte, der im Felde bewegungslos wie eine Säule dastand, ließ er den Rabbi fragen, was denn sein Stehe, 1 bedeute. Doch der Rabbi wandte sich nicht um und gab keine Antwort. Auf Befehl des Grafen wurde der RaÄi nun auf die Fahrstraße geschleppt und vor den Grafen gestellt. Doch er ließ auch die von seinem Herrn an ihn gerichteten Fragen unbeantwortet. Da wurde der Graf sehr wütend. Der Rabbi wurde auf Befehl des Grafen zu Boden geschleudert und mit dreißig Prügel traktiert. Der Rabbi ertrug die wuchtigen Schläge ohne einen Schmerzensschrei. Wieder freigelassen, kehrte er an seine frühere Stelle zurück und setzte das Gebet fort. Dem Grafen war die Sache zu bunt. Er entschloß sich von der Stelle nicht zu weichen, bis der Rabbi seinen Platz nicht verlassen habe. Als der Rabbi sein Gebet vollendete, trat er an den Grafen heran und sprach ruhigen Tones: „Bruder, was wünscht du mich zu fragen? Jetzt darfst du über mich verfügen." „Ich wünsche", erwiderte der Graf, „daß du mir auf folgende zwei Fragen antworten sollst. Erstens, warum hattest du mir früher keine Antwort gegeben? Zweitens, warunr nennst du mich „Bruder"? Darauf der Rabbi: „Ich stand vor dem Herrn aller Herrn, dem ich Rechenschaft von meinem Leben auf dieser Welt zu geben hatte. Daher konnte ich einem gewöhnlichen Herrn nicht Rede stehen- Daß ich dich aber Bruder ansprach — sind doch alle Menschen Kinder Gottes und sind die Kinder eines Vaters keine Brüder?" Gerührt frug ihn der Graf: „Und warft mir nicht böse als ich dich prügeln ließ?" „Rein", erwiderte der Rabbi ganz gelassen, „ich war nicht böse. Ja, im Gegenteil, ich hatte Mitleid mit dir." „Weshalb?" fragte erstaunt.-er Graf- „Jch war nicht böse", antwortete ihm der Rabbi, „weil nicht du und auch nicht dein Diener mich geschlagen haben, sondern Gott züchtigte mich meiner Sünden wegen. Mitleid aber hatte ich mit dir. weil Gott, ausgerechnet dich ausersehen hat. mich zu strafen." Diese Wyrte übten auf den Grafen einen tiefen Eindruck und erreichte huldvoll dem Rabbi die Hand, mit den Worten: »Ich erkenne, daß du ein wahrer Gottesmann' bist und ich beöaure sehr, daß ich dich schlagen ließ. Verzeihe mir das dir angetane Leid und belehre mich, womit ich die begangene Sünde sühnen kann." „Bruder, ich verzeihe dir vom ganzen Herzen", erwiderte ihm der Rabbi, „schwöre mir aber, daß du nie wieder deine Hand Legen einen Menschen züchtigend erheben wirst — das wird die wirksamste Sühne vor Gott fein." „Und was soll ich mit „reinen Bauern beginnen? Vermag ein Bauer ohne Prügel zu leben?" frug der Graf.' „Auch die Bauern sind Kinder Gottes und darum gleichfalls deine Brüder." Der Graf leistete daraufhin den Schwur, künftighin gegen keinen Menschen die Hand zu erheben. Zum Rabbi aber sagte er: „An dieser Stelle, wo du so andächtig dein Gebet verrichtetest und geschlagen wurdest, werde ich eine Synagoge erbauen lassen." Die Stadt erweiterte sich von Jahr zu Jahr und heute erblicken wir im Zentrum derselben die Synagoge sich erheben. Neue Bücher. Friedrich Deiitzsch's „Die große Täuschung", kritisch beleuchtet von Eduard König, I>r. litt. Semit., phil. et theol., ord. öff. Professor an der Universität Bonn- Preis 3'50 Mk. nmd 20 Proz. Svrt.-Znfchlag). Zu beziehen durch: C. Bertelsmann in Gütersloh. — Weite Kreise. Gelehrte und Laien, Christen wie Juden find durch Delitzsch's scharfe Angriffe auf die Bibel („Die große Täuschung". Kritische Betrachtungen zu den altteftamentlicherr Berichten über Israels Eindringen in Kanaan, die Gottesoffenbarung vom Sinai u. d. Wirksamkeit der Propheten) überrascht und beunruhigt worden. Bon allen Seiten bestürrnt, veröffentlicht nun der Senior unter den akademischen Vertretern der heiligen Schrift, Professor König, eine Gegenschrifl. Man wird sie als eine befreiende Tat begrüßen: Die unerhörten Angriffe werden ebenso gründlich wie sachlich beleuchtet und glänzend abgeschlagen! Die französische Revolution charakterisiert Paul Adler in den soeben erschienenen Lieferungen 15—18 des illustrierten Sammelwerkes „Die Befreiung der Menschheit" (Deutsches Verlagshaus Bong & Co-, Berlin W 57) in einem geistvollen Abriß. Diese große politische Bewegung, die für die Entwicklung des Freiheitsgedankens vvn entscheidenden Einfluß ivar, behandelt der Autor von seinem modernen Gesichtspunkt aus, und stellt damit diese Zeit in ein ganz neues Licht. Die revolutionären Bewegungen des Jahres 1848/49, in denen die Befreiung des Bürgertums, eine der großen Etappen auf denl Wege der Befreiung, erkämpft werden sollte, schildert Professor Beit Valentin. — Mit dokumentarischer Sachkenntnis behandelt A. Co nrady die Pariser Kommunebewegung vom Jahre 1871 und zeigt, wie dieser soziale Versuch, infolge noch mangelhafter Organilattou scheitern mußte. Auch diese vier neuen Lieferungen bringen außer einer Unmenge historischer, darunter höchst seltener und fast unbekannter zeitgenössischer Dokumente und Illustrationen, künstlerisch bedeutende Bildbeigaben. Der Staat als lebendiger Organismus. Von Prof. Dr. E. - Dennert. Biologische Betrachtungen zum Ausbau der neuen Zeit. C. Ed. Müller's Verlagsbuchhandlung (Paul Seiler), Halle (Saale). Mit künstlerischer ^.itelzeichnung und farbigem Umschlag. 4'50 Mk. — Der Verfasser dieses Buches, in weiten Kreisen bekannt als gründlicher Naturforscher -'und Philosoph sowie durch seine anregenden Schriften ini Kampf um die Weltanschauung, bringt uns mit seinem Buche einen neuen politischen Gedanken zum Aufbau des neuen Deutschland vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus. In diesem düstersten Dunkel unserer Zeit steht dieser Gedanke da wie ein Wegweiser. dem deutschen Volke den Weg aus dieser bittersten Not zu neuem Erstehen zu zeigen. Der Verfaster führt fesselnd und allgemeinverständlich aus, wie die Lösung einer ganzen Reihe von gegenwärtig bedeutungsvollen politischen Fragen möglich wäre, zürn Beispiel Individualismus und Sozialismus, Demokratie und Aristokratie, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Monarchie oder Republik, Parlament oder organisierter Volksrat, Entwicklung und Revolution, Schmarotzer und Schädlinge, Natur und Völkerbund. Viele moderne Schlagwörter wie: Freie Bahn dem Tüchtigen, Gleichheit, Selbstbestimmungsrecht usw. werden erörtert. Ferner sagt Professor Dennert, daß das, was wir in den 5 Kriegsfahren erlebt und erduldet haben, eine notwendige Durchgangsstufe in der Entwicklung der Menschheit war und daß diese Entwicklung zu einer höheren Stufe führen wird, den gegenwärtigen Wirrwarr zur besten Einigkeit und Eintracht zu vereinigen, und damit vielleicht zum Wohle der ganzen Welt. So gehört dieses Buch in die Hand eines jeden Volksvertreters, Politikers, überhaupt eines jeden Deutschen, sei er gebildet oder nicht gebildet, sofern er nur Interesse an seinem deutschen Lande nimmt. Die deutsche Revolution, ihr Unglück uud ihre Rettung von Heinrich Ströb el, 242 Seiten, Preis 1950 Mk. „Der Firn" Verlag, Berlin W- 57. — Die erste zusammenfaffende Darstellung des bisherigen Revoluliousverlaufs. Geschrieben von einem Sozialisten,

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