Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 29 (8.10.1920)
- Date
- 1920-10-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Jüdische Korrespondenz Nr. 29 Nekrolog. * Wien. Anläßlich des Hinscheidens des H. Jakob Mautner. Bürgerschul-Direktor i. R.. und Borstandmitgliedes des Vereines „Taunud-Thora-Volksschule", veranstaltete der Lehrkörper der erwähnten Schule am 24. September eine Trauerfeier int Bethause, II., Malzgasse 16. Zu derselben hatten sich vom Vorstande die Herren Oskar Neurath und Professor Otto Simon eingefunden. Nachdem „Michtom ]’Dowid“ und „Adaunoj mo odom“ rezitiert worden waren, würdigte Herr Oberlehrer Jakob Kohn des Verklärten Tätigkeit im Vereine „Talmud-Thora-Volksschule", im Waisenamt der Wiener Kultusgemeinde, im Vereine »l'etilas neorim“. Nach ein ein ergreifenden Vortrage des „Ejl mole rachamim“ schloß die erhebende Feier mit dem Kadisch d' rabonan. Oie Juden im Erwerbsleben Ungarns. Wir haben schon wiederholt die Verhältnisse und die perzentuelle Verteilung der Juden im Erwerbsleben des alten Ungarn erörtert. Wie stellen sich diese Ziffern im neuen, durch den Friedensvertrag verstümmelten Ungarn. Auf diese Frage antwortet der bekannte Publizist und Statistiker Alexander Komäromi in einer der jüngsten Nummern des „Egyenlöseg". In diesem Artikel stellt Komäromi auf Grund der statistischen D'aten von 1910 fest, — seither wurde in Ungarn noch keine Volkszählung vorgenommen — daß das verstümmelte Ungarn 7,365.762 Einwohner, darunter 447.002 Juden, zählt. Das verstümmelte Ungarn würde mithin 6-07 % Juden aufweisen. Wenn wir nun auch zugeben, daß diese Ziffern im Jahrzehnte des Weltkrieges durch die natürliche Populationsvermehrung, durch die Zuwanderung fremder Elemente im Kriege und durch die. Zuwanderung zahlreicher F.üchtlinge aus den besetzten Gebieten eine wesentliche Aenderung erlitten haben, so kann doch auch wieder angenonnnen iverden, daß das gegenseitige perzentuelle Verhältnis keine großen Verschiebungen aufznweisen hat. Dann aber stellen jene intransingenten Verfechter des neuen Kurses, die um jeden Preis „Judengesetze" schaffen wollen, der ungarischen Gesellschaft ein herzlich schlechtes Zeugnis aus, wenn sie urbi et. orbi verkünden, daß diese 6 bis 700 Juden die 930., Nichtjuden beherrschen oder unterdrücken könnten. Von der Gesamtzahl der Einwohner entfallen auf die erwerbenden Schichten 3,174.771 mit 183.167 Juden. Während also von der Gesamtbevölkerung 42‘29% Erwerben nachgeht, betreiben von den Juden nur 40-53 0/0 Erwerbe. Daß bei den Juden die Zahl der unselbständigen, sogenannten erhaltenen Bevölkerung verhältnismäßig eine größere ist, findet seine Begründung einerseits darin, daß die Familien der Juden größer sind, anderseits darin, das; die Juden ihre minorennen Kinder länger bei sich behalten und erst viel später einem selbständigen Erwerbe Zufuhren als die übrigen Konfessionen. Betrachten wir nun die Verteilung auf die einzelnen Erwerbs» gruppen, so ergeben sich folgende Ziffern: In der Urproduktion sind 1,572.075 (52-66%), darunter 5697 iO-34%) Juden beschäftigt, der Bergbau beschäftigt 19.020 (0-60 %) Seelen, darunter 281 (1-47%, Juden, die Industrie 675 978 (21-26%) Seelen, darunter 70.282 (] 0-39 ü/0) Juden, Handel und Kreditwesen 145.540 (4-59%) Seelen, darunter 71.665 (49-23%, Juden, das Verkehrswesen 69.588 (3.04%) Seelen, darunter 6257 (6 47%) Juden, zivile und kirchliche Beamte und freie Beschäftigungen 124.357 (3-91 %) Seelen, darunter 14.461 (11-63%) Juden, Wehrmacht 60.654 (1 59 %) darunter 1570 (3-10%) Inden, Taglöhner 82.183 (2-59 %) Seelen, darunter 1237 (1-50%) Juden. Pensionisten. Kapitalisten und Rentiere 82.835 (2-61%), darunter 6532 (7-88%) Juden, Hausgesinde 185.329 (5 83%), darunter 2685 (1-45%) Juden, sonstige unbekannte Beschäftigungen 40.182 (1-26%), darunter 250 (621 %) Juden. Wie aus diesen Ziffern ersichtlich, finden wir die meisten jüdischen Erwerbe in den Handels- und Kreditberufen. In verhältnismäßig großer Anzahl sind sie auch im Gewerbe und im Verkehrswesen, schließlich in der Gruppe der Beamten und freien Berufe vertreten. Bedeutend unter der ihnen gebührenden perzentuellen Stufe finden wir die Juden auf den Gebieten der Urproduktion, des Bergbaues, der Taglöhner und des Hausgesindes vertreten. Wir sehen also, daß auch im verstümmelten Ungarn die Juden überwiegend aus jenen Erwerbs gebieten verteilt erscheinen, die mehr Vorbildung, also mehr Schulung erheischen. Ueber 80% der erwerbenden Juden findet in den merkantilen Laufbahnen (Handel, Gewerbe, Kredit und Verkehrswesen), 7-go/o in freien Gewerben ihr Brot, während auf alle übrigen Berufszweige rund 12% der erwerbenden Judenschast entfallen. Bei den Nichtjuden sind 55-9%, in der Urproduktion, 20 2°/0 in Gewerbe beschäftigt, während die übrigen Berufe, besonders der Handel und auch die freien Berufe, nicht genügend frequentiert erscheinen. Alte Synagogen und ihre Legenden. Von S. Anskp, aus dem Hebräischen von Chajim Bloch.* Als ich vor 18 Jahren wolhynische und podolische Städte bereiste, um ethnographisches Material zu sammeln, fiel mir besonders folgende Tatsache auf: Die Marktflecken ärmlich und verwahrlost. Die jüdischen Einwohner, arm und elend, fristen kümmerlich ihr Dasein. Die Häuser größtenteils * Aus dem „Haolam". klein, niedrig und ruinenhaft. Aber aus einem engen Seitengäßchen zwischen den baufälligen Häusern ragt ein mächtiges Haus enrpor, in einem eigenartigen Stile', kastellartig erbaut. Nach Umfang und äußerer prachtvoller Ausstattung konnte dieses Haus, das den Eindruck eines befestigten Schlaffes machte, dem Lustschloß des „Puritz", des Grafen Konkurrenz machen; es ist die alte Synagoge der Juden. Wie kommt dieser herrliche Bau her? Wer erbaute ihn? Wo nahmen die Juden die Kosten für dieses aus feinem Granitstein hochtürmigen Hauses her? Wohnten hier in früheren Jahrhunderten jüdische Fürsten, die sich einen derartigen Luxus gönnen konnten? Es war mir ein Rätsel Ich schlug die alten Gemeindememorialbücher, Pinkes, auf, um irgend einen" Anhaltspunkt zur Aufklärung des Rätsels zu finden. Vergebens. Vor einem und zwei Jahrhunderten waren die Juden dieser Städte und Städtchen ärmer als jetzt, damals war ein Gulden sehr viel, ein Pfennig eine bedeutende Münze. Und doch hatten mich diese Memorialbücher auf die fast sichere Spur geführt, und ihre dunklen Blätter gaben mir viele Winke. Diese Synagogen mit ihren dicken Wänden, mit den schönen kleinen Türmen hatten mit Luxus und Ueberfluß gar nichts zu tun, sie waren eigentlich nicht unmittelbar als Gotteshäuser erbaut. Sie verdanken ihr Entstehen vielmehr der bitteren Lage, in der sich die Juden in jener Epoche befunden haben. Jahrhunderte nacheinander wohnten die Juden in beit Städten und Marktflecken wie auf Vulkanen; ihr Leben und ihr Vermögen waren stets Gefahren ausgesetzt. Oft und oft wurden sie von Räuberbanden oder irregulären Truppen heimgesucht. Ihr Vermögen wurde geplündert, die Männer körperlich beschädigt und die Frauen ^geschändet — es war eine Gnade, wenn sie am Leben gelassen wurden. Schlug die verhängnisvolle Stunde, so flüchteten die Juden in die Synagoge. Sehr oft hatten die bestialischen Menschen in der Gottesstätte die Metzelei angerichtet. Entweder drangen sie ins Innere der Synagoge und schlachteten die darin Befindlichen wie Tiere ab, oder sie steckten das Gebäude in Brand, so daß die auflodernden Flammen Synagoge und Juden verzehrten. In den Höfen vieler Synagogen sind noch heute kleine Grabstätten zu sehen, die man die „Gräbmäler" der Heiligen nennt. Manche dieser Denkmäler sind von einer herzzerreissenden Poesie umwoben, cs heißt: „Hier liegen Braut und Bräutigam von Chmielnicky ermordet, als man sie zum Traualtar führte." Die Juden fanden es daher als eine dringende Notwendigkeit, solche zu erbauen, die gleichzeitig als Festung dienen konnten. Die polnische Regierung, die nicht genug stark war, die jüdischen Bürger vor den häufigen Kosakenüberfällen zu schützen, verhielt sich zum Bau dieser befestigten Synagogen wohlwollend. Es ist sogar wahrscheinlich, daß sie die Erbauung solcher Synagogen durch Geldbeträge förderten. Nach manchen Aufzeichnungen ist man zu der Annahme gekommen, daß in einigen Fällen die polnische Regierung den Juden die Errichtung befestigter Synagogen aufgetragen hat. Im Jahre 1626 erteilte Sigismund III. der indischen Gemeinde in Luzk die Bewilligung, eine Synagoge errichten zu dürfen, jedoch mit dem Vorbehalte, daß die Juden unter das Dach der Synagoge in einem eigens dazu beizugebendem Turme eine Kanone aufstellen, der sie eine im Schießen gewandte Mannschaft beizngeben hatten. Solcher Art befestigte Synagogen waren außer Luzk noch in Ostrog (im 14. Jahrhundert), Zolkiew (17. Jahrhundert), Brody (18. Jahrhundert), Tarnopol, Lubomil, Trembowln, Tarnogrod u. n. a. Die Chroniken geben uns kein Wort, das uns das Rätsel lösen könnte, wie denn die armen Juden imstande waren, diese Synagogen zu erbauen und wo sie dazu die nötigen Geldmittel genommen haben. Aber die Legenden geben uns darüber einen herzlich naiven Aufschluß. Diese Synagogen wurden überhaupt nicht durch Menschenhand erbaut, sondern man fand sie fertiggebaut in der Erde, Kinder spielten auf einem Hügel und als sie im Sand spielten, entdeckten sie das Dach, lind es kamen die Großen und gruben tiefer, bis sie die Synagoge fanden. Andere Legenden wissen zu erzählen, daß man in der Synagoge einen hochbetagten langbürtigen Greis getroffen hat, als er über einem Folianten saß und studierte. Wie an allen Legenden ein Körnchen Wahrheit haftet, so ist es auch hier der Fall- Viele dieser alten Synagogen sind tatsächlich gesunden worden, doch — gefunden in einer ganz anderen' Werse. Während der Judenverfolgungen durch Chmielnicky und Gonta waren die Juden aus vielen Ortschaften geflüchtet. Das Schicksal verschlug sie nach vielen fremden Gegenden, von wo sie nicht mehr zurückkehrten. Als nach Jahren andere Juden in diese Ortschaften gekommen sind und sich daselbst niederließen, „fanden" sie die herrlichen Synagogen. Aehnlich verhält es sich mit der Sage, daß über die Synagoge in Ostrog eine Kanone in der Luft hängt. Ende des 18. Jahrhundertes war Ostrog seitens Rußland belagert. In der Annahme, daß die Synagoge eine Festung sei, wurden solche unter Feuer genommen. Ein Geschoß blieb in der Wand der Synagoge stecken. Ein weiteres Geschoß durchlöcherte eine der Synagogen, drang in das Innere, platzte aber nicht. Um diese wunderbare Errettung zu verewigen, hängte man. das Geschoß mit einer Kette auf den mittleren Balkon der Synagoge, wo es noch heute zu sehen ist. In Ostrog selbst weiß man, daß das Geschoß an einer starken Kette befestigt ist. Der größte Teil der über die Synagogen im Volksmunde lebenden Legenden beweisen allerdings, daß an vem Bau vieler Synagogen ' sich die polnischen Gutsherrn beteiligten.