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Jüdische Korrespondenz · 1920-10-08 · 29 (8.10.1920) · page 8

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
29 (8.10.1920)
Date
1920-10-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Jüdisehe Korrespondenz Nr. 29 jüdischer militärpflichtiger Arbeiter nach Polen ihren Fortgang. Die interalliierte Kommission in Oppeln treibt eine offen antisemitische Politik. Während die polnischen Deserteure polnischer Nationalität unbehelligt bleiben, werden die Juden aus den Gruben und Arbeitsstätten gewaltsam fortgeholt und mißhandelt. Die interalliierte Kommission gab einen Befehl heraus, wonach binnen fünf Tagen alle jüdischen Flüchtlinge nach Polen abzuschieben seien. Mit Mühe gelang es den Vertretern des _ Arbeiter-Fürsorgeamtes im Verein mit lokalen jüdischen Persönlichkeiten, einen Aufschub dieser unerhört grausamen Maßregel zu erwirken. In Kattowitz und Beuthen verlebten 600 von ihren Arbeitsstellen verjagte und geflüchtete jüdische Arbeiter die Feiertage. Es sind bei den zuständigen Stellen dringende Vorstellungen im Gange, um der Statuierung eines Ausnahmsrechtes gegen die Ostjuden vorzubeugen. (Die Pogrome der Petljura-Banden in Ostgalizien.) Die jüdischen Deputierten des polnischen Landtages Schipper, Hartglas und Grünbaum haben im Sejm eine Interpellation gegen die von den im polnischen Heeresverband kämpfenden Petljura-Banden verübten entsetzlichen Judenpogrome eingebracht. Die Interpellation stützt sich auf genaue Daten, wonach es in mehreren Bezirken einige hundert tote und verwundete Juden gab und überdies etwa 200 jüdische Frauen und Mädchen geschändet wurden. Die Interpellanten fordern den polnischen Sejm auf, eine Untersuchungs- und Hilfskomnnssion in die heimgesuchten Bezirke Ostgaliziens zu entsenden und die Regierung zu beauftragen, gegen die Schuldigen mit aller Gesetzesstrenge vorzugehen. (Ueberführung jüdischer Pogromwaisen aus der Ukraine »ach Amerika.) Der Vorsitzende des New Iorker Komitees für die jüdischen Pogromwaisen in der Ukraine, Dr. Magnes, erhielt die zuverlässige Mitteilung, wonach die amerikanische Regierung dem Ansuchen der amerikanischen Juden, einen großen Teil der jiidischen Pogromwaisen in der Ukraine nach Amerika zu verpflanzen, in Kürze stattgeben wird. (Wilson über die Leiden der Juden in Osteuropa.) In einem Schreiben an Rabbi Dr. Stephen Wise drückte Präsident Wilson sein großes Mitleid mit den unsäglichen Leiden der osteuropäischen Juden aus. Der Präsident hofft, daß das ungemein beklagenswerte Los der osteuropäischen Juden eine baldige Besserung erfahre, wonach die Judenverfolgungen in allen Ländern ein für allemal aufhören werden. (Arbeiter-Einwanderungsamt.) Die American Federation of Labour, die bekanntlich die Emigrationsbeschränkungen unterstützte, hat letztens ihre Haltung in der Einwanderungsfrage gründlich geändert. Auf der letzten Konvention hat sie beschlossen, im New Iorker Hafen ein spezielles Arbeiterimmigrationsbureau zu gründen mit der Aufgabe, die ankommenden Arbeiter zu organisieren und ihnen ein entsprechendes Arbeitsfeld zuzuweisen. Auf diese Weise soll einerseits die Konkurrenz und die Herabdrückung des „Standard of living" des amerikanischen Arbeiters, anderseits die Ueberfüllung gewisser Industrien verhütet werden. Die jüdische Arbeiterwelt in Amerika, die ihren guten Teil an dem Zustandekommen dieses Beschlusses hat, begrüßt mit großer Genugtuung diese neue Wendung, denn von nun an wird der jüdische Arbeiteremigrant bei seiner Ankunft im Hafen nicht mehr schütz- und rechtlos dastehen, sondern sowohl in rechtlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht eine wirksame Unterstützung finden. (Aus Jerusalem.) In den Aufsichtsrat für die religiösen Schulen wurden von misrachistischer Seite die Herren Rabb. Usiel, Rabb. Ostrowsko, A. M. Lifschitz und Dr. Mirkin gewählt. Das Gesamtbudget wird vom allgemeinen Waad Hachinuch bestritten, der seine Auffichtsrechte durch Vermittlung des Aufsichtsrates ausübt. — Rebb. Kuk bemüht sich, den in besonderer Wahl gewählten Delegierten (Kalpi charedi) Sitze in der Delegiertenversammlung zu sichern. (Der Historiker Dr. Markus Braun gestorben.) Im Alter von 71 Jahren starb in Breslau der Historiker Professor Dr. Markus Brann, Dozent und Bibliothekar am dortigen Jüdisch-Theologischen Seminar. Brann studierte in Breslau, promovierte dort 1873 mit einer lateinischen Abhandlung über die Söhne des Herodes, die später in erweiterter Form als Buch erschien, war dann als Rabbiner in Breslau und Pleß, vorübergehend auch als Direktor des Auerbachschen Waisenhauses in Berlin tätig und wurde 1891 als Nachfolger eines Lehrers Heinrich Graetz als Dozent für jüdische Geschichte und Literatur an das Rabbinerseminar in Breslau berufen. Hier enffaltete er als Lehrer und Forscher eine ungemein fruchtbare und ausgebreitete Tätigkeit. Seine „Geschichte der Juden und ihrer Literatur" erschien 1893 bis 1913 in drei Bänden, sein „Lehrbuch der jüdischen Geschichte" (4 Bände, 1904 bis 3 910); beide Werke wurden wiederholt aufgelegt. Von seinen sonstigen Publikationen sind zu nennen: „Geschichte der Juden in Schlesien" (5 Bände, 1895 bis 1910); „Ein kurzer Gang durch die jüdische Geschichte und Literatur" (2. Auflage, 1907; „Zacharias Frankel" (1901); „Geschichte des Jüdisch-Theologischen Seminars in Breslau" (l904). Seit Jahren gab er die angesehene und einflußreiche „Monatsschrift für die Wissenschaft des Judentums" heraus; die Herausgabe der „Germania Judaica“ lag gleichfalls in seinen Händen. Als Autorität in seinem Fach anerkannt, genoß er im Jn- und Auslande gleich hohes Ansehen. (Der Präsident des amerikanisch-jüdischen Kongresses gestorben.) Colonel Harry Cuttler, der Vorsitzende des ersten amerikanisch-jüdischen Kongresses, ist plötzlich gestorben. Colonel Cuttler war auch Mitglied der Friedensdelegation der amerikanischen Juden in Paris und ist ein intimer Freund des vormaligen Präsidenten Taft gewesen.; (Ernennung eines zweiten Juden in den Oberste» Gerichtshof in Nordamerika.) Die republikanische Partei Amerikas stellte die Kandidatur des Brooklyner George Jacob Strahl in den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf. Justice Strahl, der zu den besten Juristen in den Vereinigten Staaten zählt, ist ein ausgezeichnete Jude und nimmt lebhaften Anteil am öffentichen jüdischen Leben. Da seine Nominierung unmittelbar bevorsteht, wird er neben Mr. Brandeis der zweite Jude im Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten sein. (Ein jüdischer Feldmarschalleutnant.) In Budapest wurde in der ersten Juuihälfte der Feldmarschalleutnant Eduard Schweitzer unter reger Beteiligung der Budapester Judenschaft, die in dem Verblichenen einen treuen Glaubensbruder verehrte, zu Grabe getragen. Eduard Schweitzer war im Jahre 1844 geboren und nahm schon 1866 als kaum zwölfjähriger Junge an den Kämpfen von Skalitz und Königgrätz teil. Nach dem österreichisch-preußischen Kriege gelangte er an die Wiener Kadettenschule. Im Jahre 1878 nahm Schweitzer als Oberleutnant und als Adjutant des Regimentskommandanten Babits an den Kämpfen in Bosnien-Herzegowina, besonders bei Kremenach-Cernice und Stolaz teil, wo er stets im größten Kugelregen stand, so daß er mit dem eisernen Kronenorden III. Klasse mit der Kriegsdekoration ausgezeichnet wurde. Im Jahre 1882 verlieh ihm der König den Rittertittel, 1883 wurde er zum Hauptmann, 1892 zum Major, drei Jahre später zum Oberstleutnant und 1898 zum Oberst ernannt. Im Jahre 1904 traf ihn die Ernennung zum Generalmajor und zum Kommandanten einer Jnfanteriebrigade. Nach vierzigjähriger Dienstzeit wurde er mit dem Titel eines Feldmarschalleutnants und mit zahlreichen in- und ausländischen Auszeichnungen in den Ruhestand geschickt. Er war ein selbstbewußter, mit Leib und Seele seinem Glauben anhängender Jude, ein regelmäßiger Tempelbesucher und beteiligte sich auch an allen sozialen Bewegungen der Judenschaft der ungarischen Hauptstadt. (Ein französischer Roman aus dem Leben der Chassidim.) Der große Preis der Pariser Akademie wurde im Mai 1920 den Brüdern Jean und Jerome Tharaud für ihren Roman „L’Ombre de Ja Groix" („Der Schatten des Kreuzes") verliehen. Im Mittelpunkte dieses Judenromans steht das Lebensschicksal eines jüdischen Knaben 'aus Hunfalu (Hundsdorf), dessen große Jeschibah das geistige Zentrum chassidischen Lebens in Ostungarn ist. Die beiden christlichen Autoren haben das chassidische Leben und seine Poesie viele Monate hindurch in der Märmaros und am Hofe des Rabbi von Belz aus eigener Anschauung kennen gelernt.

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