Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 29 (8.10.1920)
- Date
- 1920-10-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 29 Jüdische Korrespondenz Seite 7 mit der Frage der Erneuerung der polnisch-jüdischen Beratungen befaßte, die unter Anteilnahme der Vertreter aller polnischen Sejmparteien und der jüdischen Bevölkerung in den Monaten Juni und Juli dieses Jahres begonnen hatten und darauf hingerichtet gewesen waren, Mittel zu finden, um die Beziehungen zwischen der polnischen und jüdischen Gesellschaft zu bessern. Vizepremier Daszynski bemerkte, cs sei der Leitgedanke der Regierung, es dazu zu bringen, daß auf beiden Seiten die Notwendigkeit eines friedlichen Zusammenlebens, das sich auf die bürgerliche Gleichberechtigung stützt, erfaßt werde. Die Schritte, welche von der Regierung getan werden müssen, um diese Pläne zu verwirklichen, werden getan werden. Der Krieg, der schon das siebente Jahr dauert und die Konzentration aller Kräfte des Staates auf ein Ziel, die Verteidigung der staatlichen Existenz, erfordert, hat einen abnormalen Ausnahmszustand geschaffen, der die Befreiung von den Leidenschaften, welche für die ruhige, konsequente Arbeit zur Verbesserung der beiderseitigen Beziehungen notwendig ist, erschwert. Nach dem Friedensschluß wird diese Arbeit — nach der Meinung des Vizepremiers Daszynski — leicht sein. Auf jüdischer Seite wurde übereinstimmend geltend gemacht (an der Beratung nahmen außer Daszynski und dem Vizeminister Wroblewski teil: die jüdischen Deputierten Grünbaum, Farbstein und Dr. Schipper, ferner die Herren Eliahn Kirschbraun und Prilutzki, dann die Assimilanten Abgeordneter Diamond und Löwenstein sowie Richter Kasimir Sterling), daß, noch ehe in die Betrachtung der kulturellen und organisatorischen Probleme, welche auf die Lage der Juden und ihre Organisation in Polen Bezug haben, eingegangen werden könne, die erstickende Atmosphäre beseitigt werden müsse, welche in den letzten Kochen geschaffen wurde und welche ohne Rücksicht auf die unzweifelhaft loyale Haltung der jüdischen Gesamtheit während des Krieges zu dem unerhört verleumderischen Vorwurf gegen die jüdische Bevölkerung geführt hat, daß sie angeblich ein feindseliges Verhalten gegen den polnischen Staat einnehme, das beinahe an Hochverrat grenze. Die Resultate dieser Amvürfe .haben sich bereits in überaus tragischer Weise in der Lage der Juden in den von der feindlichen Okkupation befreiten Gebieten geltend gemacht. In seiner Schlußrede antwortete Vizepremier Daszynski, daß in Uebereiustimmnng mit dem Wunsche aller Anwesenden in Kürze allgemeine polnisch-jüdische Beratungen beginnen werden. (Es wäre höchste Zeit, zu Taten überzugehen! D. R.) Masienaustreibung von Juden rn Lettland. Wie das lettische Jnformationsbureau mitteilt, hat die lettische Regierung als Repressalie gegen Litauen 20.000 litauische Staatsangehörige, hauptsächlich Juden, ausgewiesen. Alle müssen binnen 24 Stunden die Grenzen Lettlands verlassen. Diese schauderhafte Nachricht, die an die spanischen Judenaustreibungen im finstersten Mittelalter erinnert, klingt so unglaublich, daß man, wenn nicht das lettische Bureau es für nötig gefunden hätte, selbst davon Mitteilung zu machen, sich quasi damit brüstend, versucht wäre, sie in die Reihe der so häufigen, von' feindlicher Seite stammenden Propagandameldungen zu setzen. Wollen denn die Staaten nicht endlich einsehen, daß sie durch derartig barbarisches Vorgehen zwar zahlreiche Juden an den Bettelstab bringen, jedoch dadurch auch ihr eigenes Wirtschaftsleben zerstören. Die ausgewiesenen „Litauer" in Lettland und die ausgewiesenen „Letten" in Litauen fallen dann natürlich nur der Allgemeinheit zur Last, während sie vorher in ihren Wohnorten nützliche, produktive Mitglieder der Gesellschaft gewesen sind. Der Grundsatz „haust du meinen Juden, hau' ich deinen Juden" scheint wieder in Mode zu kommen. Dabei ist nicht zu vergessen, daß ja alle diese Juden noch vor wenigen Jahren insgesamt russische Staatsbürger gewesen sind, also gleichviel wo sie wohnten nicht darauf ru achten pflegten, ob Kowno oder Riga ihre Heimatgemeinde sei. Der Wiederaufbau Osteuropas'wird von den dort gebildeten kleinen Randftaaten auf diese Weise selbst verunmöglicht. Rundschau. (Konstituierung der Israelitischen Knltnsgemeinde Wien.) In der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 20. September 1920 wurden die am 27. Juni 1920 vorgenommenen Wahlen in den Kultusvorstand und der Vertrauensmänner vom Vorstande anerkannt und wird hiermit das Resultat dieser Wahl verlautbart. Gewählt erscheinen zu Vorstandsmitgliedern der Knltusgemeinde für eine vierjährige Mandatsdauer: Dr. Joses Auerbach, Rechtsanwalt, lll., Hauptstraße 14/16: Isidor Austerlitz, Kaufmann, IL, Zirkusgasse 20; Richard Bettelheim, Prokurist. I., Dominikanerbastei 17; Siegmund Bondi, Großindustrieller, ll.. Untere Augartenstraße 1; Bernhard Buchwald, Fabrikant, V'lt., Lindengasse 16: Dr. Jakob Deutsch, prakt. Arzt, XVII., Ortliebgasse 50; David Doha n, Kaufmann, l., Salzgries 15; Dr. Jakob Ehrlich, Gemeinderat der Stadt Wien, l-, Helferstorferstraße 9: Dr. Jakob Engel. Rechtsanwalt, VT, Mariahilftrstraße 53; Siegmund EPle r, Bankdirektor, II., Valeriestraße 59; Dr. Ernst Friedjun g, Llpotheker, V., Wimmergasse 33; Dr. Desider Fri edmann. Rechtsanwalt, 1., Schottenring 26; Ignaz Glück, Handelsgesellschafter, IX., Seegasse 6: Jakob Herzog, Beamter des Bankvereines, 1., Soiegelgasse 8; Siegmund Kau ders, Weingroßhändler, XL, Simmeringer-Hauptstraße 80; Ing. Wilhelm K empl e r, Baurat, IX., Liechtensteinstraße 26; Dr. Salomon Krenberger, Direktor des Taubstummeninstitutes, UL, Rudolfsgasse 22: Dr. -Leo Landau, Rechtsanwalt, L, Bräunerstraße 7; Osias M ä rz, Kaufmann, IL, Große Scknsigasse 19; Dr. Isidor Margulies, Rechtsanwalt, L, Wollzeile 3; Max Markus, Kaufmann, ll!., Diestlergasse 8; Adolf O b e r lä n d e r, Architekt und Stadtbaumeister, IX Ferstelgasse 4; Wolf Pappenheim,. Kaufmann, ll.. Kleine Pfarrgasse 1; Dr. Alois Pick, Universitätsprosessor, Generaloberstabsarzt a. T., L, Rudolfsplatz 12; Jakob Pinkas, Baukgeschäftsinhaber, L, Heßgasse 7; Dr. Leopold Plaschkes, Gemeinderat der Stadt Wien, ll., Novaragasse 28; Dr. Karl Pollak, Zahnarzt, L, Helferstorferstraße 4; Dr. Benjamin Rappap o r t, Hofrat a. D., IX., Alserbachstraße 33; Moritz Reif, Kaufmann, lll., Veithgasse 11; Dr. Isidor Schalit, Zahnarzt, lX., Wäyringerstraße3; Isidor Schw arz, Disponent, ll.,Ferdinandstraße 2tt; Moritz Schwarz, Kaufmann, XXL, Fahrbachstraße 1; Ing. Robert Stricker, Abgeordneter, ll., Stefaniestraße 10; Rudolf Taussig, Regieruugsrat, L, Schottenring 24; Dr. Josef Ticho, Rechtsanwalt, L, Vorlaufstraße 1; Robert Wortmann. Bankier, XIX., Eichendorffgasse 3. — Bei den hierauf vorgenommenen Wahlen wurde Prof. Dr. Alois Pick zum Präsidenten, Baurat W. Ke mp ler zum ersten und Weiugroßhändler S. Kauders zum zweiten Vizepräsidenten gewählt. Die Kompromisverhandluugen mit den Zionisten haben sich zerschlagen, da man ihnen die Stelle eines zweiten.Vizepräsidenten angeboten hat, sie aber auf die Stelle des ersten Vizepräsidenten Anspruch erhoben haben. (Pogrome in Budapest nnd Keeskemet) Der Budapester Polizeistadthauptmann Dr. Karl Nagy ließ a:n Versöhnungstag im 7. Bezirk, wo die meisten Juden wohnen, eine Streifung vornehmen, an der neben den Polizisten Pronay- Offiziere teilnahmen. Die Banden hielten die aus dem Tempeln kommenden Juden an, zwangen sie zur Ausweisleiftung nnd verhafteten Hunderte von ihnen. Die Verhafteten brachten sie auf das Bezirkskommissariat des 7. Bezirkes, wo sie sie blutig schlugen. Das Geschrei und das Jammern der Geprügelten I lockte eine große Menge an, die das Kommissariat zu stürmen drohte. Die Polizeiräte Dr. Henckl und Geza Koos forderten deshalb die Pronay-Offiziere auf, ihre Heldentätigkeit einzuftellen. Nach längeren Unterhandlungen zogen die Offiziere ab. Aehnliche Vorfälle ereigneten sich am Bersöhnungstag in Kecskemet. Dort drangen 30 Mitglieder der berüchtigten Hejjas- Abteilung in die Tempel, schlugen alle Anwesenden blutig und erzwangen die Einstellung des Gottesdienstes. (Antisemitische Politik der interalliierten Kom- | Mission in Oberschlesien.) Wie aus Oberschlesien ge- I meldet wird, nehmen die Verfolgungen und Abschiebungen