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Jüdische Korrespondenz · 1920-10-08 · 29 (8.10.1920) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
29 (8.10.1920)
Date
1920-10-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 29 lichen Unklarheit gebreitet hatten, wurden dann, bei Heimkehr der palästinischen Delegierten, in ihren Einzelheiten bekannt. Die allgemeine „Baisse" der Geister wurde dadurch nur noch verschärft und viele von denjenigen, die noch gestern mit den Leitern-der verschiedenen Ressorts im Lande zusammengingen, weil sie aus irgend eine Weise von ihnen abhängig waren, werfen nun, da jene die Macht ans den Händen zum guten Teil verloren haben, nach ihnen mit den steinen einer übertriebenen Kritik. Um die Sachlage zu klären und der beunruhigten Bevölkerung wieder einiges Vertrauen einzuflößen, wurde für diese Woche die Versammlung des „Waad Hasemani" (Provisorisches Komitee) nach Jaffa zusammenberufen: Auf dieser Versammlung, die vorgestern zu Ende ging, legte Ussischkin die Eindrücke von der Londoner Konferenz dar und gab ein ziemlich objektives Bild von unangenehmen Reibungen auf der ersten Zionistenkonferenz nach San Remo. Wir hatten es schon früher erfahren und mußten, daß diese Konferenz genau genommen ein Fiasko war, zu einem Zeitpunkt, wo die jüdische und christliche Welt von den Zionisten ganz andere Reden und namentlich Taten erwartet hatten. Nun kamen die palästinischen Delegierten und gaben in längeren Ausführungen ihre Berichte über den Mißerfolg. Die Delegierten aus Palästina haben diesmal ein ganz eigenartiges Wunder erlebt: Anstatt daß man sie, wie sonst an allen Kongressen und Konferenzen, immer verhätschelte und vergötterte, anstatt daß mau sie in gutgemeinter Uebertreibung, zu den Trägern des jüdischen Volkes überhaupt stempelte und sich ihren Meinungen unterordnete, hat diesmal die Ketzerei die Oberhand davongetragen und inan hat es sogar gewagt, die ganze palästinische Wirtschaft einer scharfen Kritik zu unterziehen und dabei in der Hitze des Gefechtes die ganze Palästinaarbeit in Acht und Bann zu tun. Die amerikanischen Juden werden hier jetzt recht unsanft angefaßt und man wirft ihnen vor, daß pe kein Verständnis haben für die geistigen Bedürfnisse des jüdischen Volkes, weil sie die Meinung geäußert haben, daß in Palästina zu viel Hyperkultur getrieben wird. Der Umstand, daß die zionistische Organisation infolge der Weigerung der Amerikaner, weiter Geld zu geben, vor dem finanziellen Bankerott steht, ruft unter den hiesigen ( leitenden Kreisen, die uod) immer ziemlich stark optimistisch angehaucht sind, einen Protest gegen die Verständnislosigkeit der amerikanischen Busineßlente, aber auch den Beschluß hervor, durch „eigene Mittel" die Krise zu überdauern, bis sich die finanzielle Lage gebessert haben wird. In diesem Sinne sind denn auch die Verhandlungen des Waad Hasemani vor sich gegangen. Nach zweitägigen Debatten und Verhandlungen kam umn zu den bereits bekannten Beschlüsseu, denen zufolge der Waad Hasemani zunächst mit allem Nachdruck die Aufmerksamkeit der zionistischen Leitung ans die Gefahr lenken soll, in die die palästinischen Institutionen und Bevölkerung durch die Aufhebung des Budgets gestürzt werden. Ferner weist er auf die dringende Notwendigkeit hin, die eben erst begonnene bescheidene Einwanderung nicht fallen zu lassen, sondern sie durch Arbeit zu unterstützen; sodann verlangt er vom jüdischen Jischub im Lande, alles zu tun, um nach Möglichkeit einen Teil der nötigen Mittel aufzutreiben, die zionistischen Institutionen im Lande aufrecht zu erhalten, und vom „Waad Hazirim", daß er die minimalen Beträge für die Erhaltung der hauptsächlichsten Arbeiten ausbringe, damit man nicht gezwungen sei, irgend einen Teil des Erziehungswesens, der Kooperativen oder der Jmmigrationsanstalten zu zerstören. Ein weiterer Beschluß des Waad Hasemani gilt der „Assefat Hanibcharim", der Abgeordnetenversämmlung. Diese soll nun, nachdem Oberkommissür Herbert Samuel aus dringende Vorstellungen hin, feine Einwilligung gegeben hat, am 25. Tischri «Anfang Oktober) eröffnet werden. Es muß hierbei bemerkt werden, daß dieser neue Organismns in Palästina heute bei weitem nicht mehr die Rolle zu erfüllen berufen ist, die man vor einigen Monaten von ihm erwartete, da inzwischen politisch so vieles anders wurde, uub anderseits die wirtschaftliche Lage, infolge der Resultate der Londoner Konferenz, sich verschlimmerte. Die einzige der „Assefat Hanibchorim" noch Zukommende Pflicht ist, eine Art allgemeine Repräsentanz für die palästinische Judenheil und ein exekutives Organ für die autonomen jüdischen Verwaltungsfragen zu schaffen. Aber diese Fragen werden schwerlich von einem 250 Mitglieder zählenden Abgeordnetenhause in zehn Tagen — so lange soll .die erste Session dauern — behandelt und ' erledigt werden können, zumal nach den bisherigen Erfahrungen in solchen Versammlungen erst einige Sitzungen mit Kritik, Debatten, theoretischen Auseinander-' setzungen usw. ausgefüllt werden. Manche haben vorgeschlagen, die Abgeordnetenversammlung auch zur Auferlegung einer einheitlichen Landessteuer anzuhalten, der die gesamte jüdische Bevölkerung unterworfen sein soll. Inwieweit dies zur Tatsache werden kann, und inwieweit die finanziell sehr schwach stehenden palästinischen Juden für größere Steneraktionen zu haben sind, ist eine Frage für sich. Im großen und ganzen kontrastiert der gegenwärtige Augenblick sehr scharf mit der großen Begeisterung während der Geulawoche und am Tage von San Remo. Die ersten Scharen von Emigranten sind bereits da und die Quellen. der Arbeit und finanziellen Erhaltung derselben beginnen zu versiegen. Die bisherige Methode, durch'planlose, wenn auch gutgemeinte' ' Einzelaktivnen der verschiedenen Gruppen auf Kosten des zionistischen Budgets Aufbauarbeit zu treiben, hat nicht nur den Widerspruch der Amerikaner erweckt, sondern auch die ganze Lage in Palästina sehr unsicher gemacht. Die Privatinitiative, die ein weites Arbeitsfeld in Palästina hat, bleibt noch aus und die nationalen Institutionen sind nicht finanzkräftig genug, um wirklich großzügige öffentliche Arbeiten zu unternehmen. Und so stagniert das wirtschaftliche Leben frisch weiter, die Neuangekommenen Chaluzzim werden bald müde, von Idealismus und trockenem Schwarzbrot zu leben, und die bereits im Laude ansüßige jüdische Bevölkerung kann vor Bedrängnis und Unmut nicht einmal mehr die elementaren Pflichten jüdischer Siedler erfüllen, so daß die Neuankommenden vielfach über unfreundliche Aufnahme oder Ignorierung durch die Einheimischen bittere Klagen führen. Unter diesen Umständen können die zahlreichen wohlgemeinten Reformen und neuen Verordnungen und Maßnahmen des Oberkommissärs, die zu einer anderen Zeit eine rasche Belebung des gesamter: Handels, Verkehrs, der privaten und öffentlichen Unternehmungen bewirkt hätte, ihren Zweck nur sehr mäßig erreichen. Die Regierung hat zum Beispiel die Zollgebühren auf Baumaterialien auf 3 Prozent herabgesetzt (früher 12 Prozent), in der Absicht, den Häuserbau zu fördern und dadurch Arbeitsmöglichkeiten für viele alte und neue Handwerker und Arbeiter zu verschaffen; da aber das Geld sehr knapp ist rmd Anlehen nicht mehr aufzutreiben sind, kann fast niemand von dieser Begünstigung Gebrauch machen. Die Regierung ist bereit, Konzessionen für den Hafenbau in Jaffa zu vergeben, aber von jüdischer Seite hat sich bisher niemand gemeldet. Es genügt rratürlich nicht, wenn die Amerikaner mit Recht auf die Mängel und Fehler der bisherigen Verwaltung in Palästina Hinweisen, sie müssen statt im Schmollwinkel zu sitzen, sich selbst mit Menschen und Geld an den Arbeiten beteiligen und sie zu einem besseren Ende führen. Weniger zionistische Kulturpropaganda rrnd mehr sachliche praktische Arbeit, das muß fiw alle Zionisten in Europa und Amerika jetzt die Losung sein. Sonst geht der politisch so außerordentlich günstige Moment vorbei uub wir verlieren die erworbenen Positionen für immer. Der palästinensische Mitarbeiter der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" berichtet: An: 24. August fand unter Teilnahme fast aller Mitglieder sowohl aus den Städten als aus den Kolonien die 13. Sitzung des Waad Hasmani in Jaffa statt. Auf der Tagesordnung standen: Bericht der Londoner Delegierten^ und Einberufung der Delegiertenversammlung. Dr. Thon eröffnete die Versammlung. Es wurde beschlossen, die Delegiertenversammlung für den 7. Oktober nach Jerusalem einzuberufeu. Als provisorisches Reglement wurde mit kleinen Aenderungen die Geschäftsordnung der zionistischen Kongresse bestimmt. Ein voller Rechenschaftsbericht des Waad Hasmani solle gedrückt und der nächsten Sitzung des Waad Hasmani vorgelegt werden-. Sodann wird über dessen eventuelle Vorlage an die Delegiertenversammlung beschlossen werden. Auf jeden Fall solle über

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