Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 28 (24.9.1920)
- Date
- 1920-09-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Jüdische Korrespondenz Nr. 28 Lerbstsest. j (Psalm 62, 6.) Das letzte Fest naht heran. Das predigt Dir Entsagung und das große Verzichten. Glaubst Du's nicht, so gehe ins Freie hinaus und jausche der Predigt von Wald und Feld, von Blatt und Blüte. Da wirst Du's hören, nne ich es höre. Ich wandere am Morgen durch das Buchengehölz. Unter meinen Füßen rauscht das 'welke Laub und die gelben Blätter rascheln von oben aus mich herab. Und da ich, aus einem Hügel stehend, in die Ferne schaue, sehe ich, daß sie immer ferner wird. In ein graues Nebelland zieht sie hinein. Ich denke der Helligkeit früherer Tage, ich denke der Blumen, die ich in Blüte brach, der grünen Zweige, die ich vom Baume riß. Das ist vorbei: Die Helligkeit und die Farben ziehen von mir weg, die ganze Natur hat etwas sich Entfernendes, Abschiednehmendes. Emfam bleibe ich zurück, im Morgennebel wandernd, der alles zum Schatten macht, ich selbst schwankend wie ein Schatten. Ich muß einen Halt haben, daß ich mich nicht verirre, daß mein Herz sich nicht auch in 'Nebeln verliere. Was aber gibt es für einen Halt als den einen, einzigen, vor dem die Fundamente bersten und Quaderbauten Kartenhäuser find? Ja, zu Gott sei still, meine Seele! Ich habe ein welkes Blatt vom Boden aufgehoben und halte es in der Hand. Ich steige auf einer bereiften Wiese vom waldigen Hügel herab und meine Gedanken kommen von dem welken Blatte nicht los. Ein welkes Blatt. Was ist das nun? — Ein Lied, das einmal gelungen ist und nie wieder gesungen wird Ein Wort, das einmal gesprochen, nicht wieder zurückkehrt.'Aber ein Lied verweht, ein Wort verhallt und sind nicht mehr. Aber das Blatt ist noch immer da- Es blieb etwas übrig: eine bröckelnde Form, eine dürre Wesenhaftigkeit. ein verkümmertes Faßbare. Moder. Das ist es, was von all der Schönheit des Sommers itns bleibt. Diese Schönheit ist nicht ein süßer Ton, der längst verhallt, noch in den Ohren klingt, sondern ein Buchenblatt, das modert. Alles geht abwärts. Auch von unserem Lebensbaume rauschen so die Blätter. Unsere Wünsche welken, unsere Sehnsüchten lösen sich vom Zweige, unsere Schönheiten rascheln dürr in den Grund. Was bleibt uns? Sei still, meine Seele, zu Gott! Es ist Mittag geivordcn. Die Sonne dringt durch den Nebel. Eine sichtbare, weiße, runde Scheibe, die nicht blendet. Wahrhaftig: Jetzt, da der 'Nebel geschwunden ist und nur noch als zartes Gespinst um die Fernen hängt, jetzt, da der Himmel schon in matter Bläue über mir strahlt, jetzt erkenne ich, wie schön noch der Herbst ist. Noch sind ja die Bäume iricht kahl, noch sind grün die Wiesen, noch ist der Wald voll Gold und Farben. Noch ist es zu früh, der Freude zu entsagen, noch ist es nichl Zen, Fahrhin zu sagen. 'Nein, ich will nicht das Leid, das erst moi-gen kommt, schon heute tragen. Ich will nicht stöhnen über den Verlust eines noch nicht angebrochenen Tages- Festhalten will ich, so lang ich festhalten kann und nicht loslassen von der Freude. Ist doch ein Rater und Retter iiber mir. der das Lachen bestellt und das Weinen, jedes zu seiner Zeit: Ja, zu Gott sei still, meine Seele. Wie die Sonne sich durchgernngen bat! Wie tausendfältig ihre Strahlen durch die Lüfte brechen! Und ivie leuchtend jetzt gär die Farben sind! Ein Wind hat sich vom Meere' erhoben, ein richtiger Herbstwind. Scharf und kräftig, daß es ein gewaltiges Rauschen in den Wipfeln gibt und cs ist, als müßte noch heute ganz das Laub herunter von den Bäumen. Herrlich ist der brausende Buchenwald.! Herrlich ist's, wenn es um mich und in mir braust. Wenn ich den Rock fest zuknöpfen muß, um in frifchem Wanderschritt und -tritt dahinzngehen unterm kristallklar blitzenden Himmel in den Herbststurm hinein. Da ivird alles Welke aus der Seele herausgewirbelt, da fliehen die Wolken vom Himmel, da wird alles rein und klar und , stählern in mir. All die verkümmerten Reste einstiger Freuden, was j sollen sie mir? Was soll ich mich herumschleppen mit dem Moder vergangener Tage? Mit all den zähen Erinnerungen, die sich nicht losringen können vom Aste, so welk sie sind? Nein, herunter mit dem dürren Laube! Was einmal welk ist, soll auch fallen! Soll ich trauern darum? Daß die Blätter welken, daß das Welke niederrauscht? Hieße das nicht trauern um den Wechsel der Zeiten, um Frühling und Sonimer auch? Es muß im Herbste welkes Laub geben, damit es im Lenze ein Knospen geben kann. Es muß ein Vergehen geben, damit ein Erstehen möglich ist. Sol! ich trauern darum? Sieh doch, wie wundervoll die Welt im Herbste ist. Wenn der sterbenden Natur so das Auge bricht, so ini frohsten Aufleuchten aller irdischen Helligkeit, soll ich trauern? Ich ivill still stehen und horchen auf das Rauschen des fallenden Lärmes. Es kündet mir, daß das letzte Leuchten des scheidenden Jahres ein Ahnen bedeutet von einem neuen, schöneren. Es kündet mir. daß diesem Sterben bald ein Leben folgen wird, ein Leben — in dieser Welt. Ich will still stehen und horchen auf das Rauschen des fallenden Laubes. An einen Stamm gelehnt will ich lauschen. „Still! Des Todes Schlummerflöten klingen." Ganz ferne durch den Wald. Leise milde sänftigende Flöten.- Dieses ist das letzte Fest vor dem Winter. An ihm gedenken wir unserer Toren, denen das Erstehen so sicher ist wie dem toten Jahre. — Laßt uns schweigen. Laßt uns den dunklen Tagen entgcgengehen in Geduld und Trost. Laßt uns schweigen. Ein Wort nur noch, das letzte, wie es das erste war: „Ja. zu Gott sei still, meine Seele, denn von ihm kommt meine Hoffnung!" Zukkotferer im alten Jerusalem. Das Laubhüttenfest war am Ausgange des landwirtschaftlichen Jahres, wo der Landmann seine Jahresarbeiten beendet hat und Gott für den Segen derselben danken sollte. Die Dauer derselben war sieben Tage, worauf am achten Tage .ein Schlußfest gefeiert wurde. Von diesen acht Tagen haben nur der erste und achte Tag festlichen Charakter, dagegen sind die sechs Zwischentage nur Halbfeste. Später gewann auch der siebente Tag mnter dem Namen „große Hosana" Haschanoh Rabo, eine besondere Feierlichkeit. Die Feier dieses Festes war: Ruhe von jeder Arbeit mit Ausnahme der zur Anfertigung von Speisen, Wohnen in Laubhütten und das Heranziehen und Einladen zum Mitgenuß der Freude, außer allen "Gliedern des Hauses, auch der Fremden und Armen', ferner das Erscheinen der Feiernden im Tempel, heilige Verkündigung, das Herbeibringen der vier Frucht- und Pflanzenarten, Opfer und Abhaltung von Opfermahlzeiten. Atn Sabbatjahr kam hierzu noch die Verlesung des Gesetzes vor dem ganzen Volke. Doch war seine vollständige Feier erst nach dein Exile in dem wieder sich neu gründenden Staatsleben Israels in Palästina. Eine bedeutend größere Ausdehnung nahm diese Feier im zweiten jüdischen Staatleben, die Wasserspende und der Morgengottesdienst. Ani frühen Morgen des ersten Festtages holte ein Priester in einem goldenen Kruge von drei Log unter Begleitung vieler anderer aus dem Siloah, der westlich vom Tempel durch die Stadt floß, Wasser und kehrte frühzeitig von der Südseite her durch das Waffertor in den inneren Hof zurück, um sich den anderen Priestern bei der Darbringung des Morgenopfers anzuschließen. Bei feinem Eintreffen wurde er durch einige Trompetenstöße bewillkommt, worauf das Ausgießen des Wassers gleichzeitig mit der Weinspende durch eine besondere Altaröffnung erfolgte. Dasselbe geschah an jedem Morgen der sieben Festtage und wurde mit großer Feierlichkeit ausgeführt. Der Priester erstieg die erste Stufe, wendete sich links um und goß unter dem Zurufe des Volkes: „hebe hoch deine Hand, damit wir das Wasser sehen!" Wein in die östliche und das Wasser in die westliche silberne Altarröhre. Der ganze Akt geschah unter dem Schall der Troinpeten in neun Absätzen und versinnbildlichte die Bitte um Regen. Umkränzung des Altars mit langen Weiden. Von einem sehr weidenreichen Ort in der Nähe Jerusalems, Namens'Moza, holten die Priester an jedem Festesmorgen Weiden, die unter mehreren Trompetenstößen um den Altar so aufgestellt wurden, daß deren Spitzen über ihm hinhingen. War es Sabbat, so wurden sie den Tag vorher geholt und im Wasser auf morgen aufbewahrt. Während der Darbringung des Morgenopfers verrichtete eine andere Priesterabteilung mit dem Volke das übliche Morgengebet mit Erwähnung des Festes und sprachden Segen. Nach dargebrachtem Morgenopfer wurde mit dem Feststrauß in der Hand, mit dem man nach den vier Weltgegenden, als Symbol des überall verbreiteten Gottessegens, schwenkte, das Hallet abgesungen, während desselben andere Priester Opfer darbrachten. Darauf folgte der Muffaphgotlesdienst, wo die Opfer unter Trompetenschall dargebracht wurden, '.vährend welcher Zeit ein anderer Priester mit dem Volke betete. Darauf hielt man täglich unter Rezilierung des Verses: „O Herr, hilf doch! O Herr, beglücke doch!" einen Umzug um den Altar! Beim Scheiden sprach man „Heil dir, Altar! Heil dir, Altar!" Beleuchtung und Fackeltänze. In der Nacht nach dem ersten Festtage versammelten sich in dem äußeren Vorhof des Tempels Männer und Frauen. Man sah daselbst hochangebrachte große goldene Kandelaber, von denen jeder vier Arme mit Schalen von Oel und Docht hatte. Priesterjünglinge mit Oelkrngen von 120 Log stiegen auf Leitern zu denselben hinauf, die.sie mit Oel ansüllten und ihre Dochte anzündeten. Es breitete sich eine Tageshelle über Jerusalem'ans und alle Gehöfte waren erleuchtet. Jnr Tempelvorhofe sangen die würdigsten und frömmsten Männer mit brennenden Fackeln in den Händen Lob- und Danklieder und führten Fackeltänze mit allerlei Künsten auf. Von manchem wurden acht Fackeln in die Höhe geworfen und wieder -aufgefangen. Der berühmte Lehrer Hillel balanziene auf beiden Daumen. Auf den fünfzehn Stufen voni inneren Vorhofe, nach dem äußeren standen die Leviten und sangen unter Begleitung allerlei Musikinstrumente die Psalmen von 120—134. So brachte man die Nacht zu. Bei Tagesanbruch stellten sich zwei Priester in das obere Tor zum inneren Vorhof, verkündeten den Versammelten durch Trompetenstöße ,den Tag und begleiteten die Menge. Auf der zehnten Stufe wurde zum zweiten Male und aus der letzten Stufe zum Vorhof in die Trompete gestoßen. So zog man unter lautem Trompetenschall weiter bis zum östlichen Tor. Da drehten sie sich nochmals gegen das Heilig- - tum und sprachen: „Unsere Väter hatten einst an diesem Orte den Rücken dem Tempel zugewendet, aber das Gesicht ostwärts, sie verrichteten ihre Gebete gegen Sonnenaufgang, aber wir haben unsere Augen zu Gott!" Diese Festesfeier führte' den Namen „Freude des Fackelfestes!" von der es hieß: „Wer die Freude des Fackelfestcs nicht gesehen, hat nie eine Freude gesehen!" Auch die anderen Abende der Halbfesttage wurden beim heiteren Flötenspiel lustig verbracht. Der siebente Tag hieß „Weidentag", wo man siebenmal um den Altar Umzüge hielt, worauf das Abschlagen der Weidenäste, die um den Altar Umzüge hielt, worauf das Abschlagen der Weidenäste, die um den Altar aufgestellt waren, folgte, so daß der Boden von Weidenblättern grün war. Stiller ging es am achten Tage her, wo das Hallel und Mussaph gebetet wurde. Am Erlaßjahr geschah auch die Vorlesung des Gesetzes, wozu wohl die ganzen acht Tage benutzt wurden. Gewöhnlich war es der König selbst, der aus der ihm vom Hohenpriester übergebenen Thora vorlas.