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Jüdische Korrespondenz · 1920-09-24 · 28 (24.9.1920) · page 6

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
28 (24.9.1920)
Date
1920-09-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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‘ Seite 6 Jüdische Korrespondenz Nr. 38 Mohilew, sich gut bewährt haben, konnten aufrechterhalten werden. Aber die Versuchs den Juden Arbeit im großen Stile zu verschaffen, sind aus Mangel an Rohmaterialien und Maschinen zusammengebrochen. Unter den Juden entstand ein schweres Elend, welches sich in der großen Zahl der Typhuskranken und Todesopfer unaufhörlich demonstriert. Im März dieses Jahres erschien das Dekret betreffs der Zwangsarbeit. Alle Berufslosen, sogenannte „unproduktive. Elemente", wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet erklärt. Nichtnachkommen dieser Verpflichtung wurde als Desertion erklärt, die mit Todesstrafe bedroht ist. Fast sämtliche Juden wurden zur Kategorie der Berufslosen erklärt, unabhängig davon, ob sie ein Handwerk besaßen oder nicht. Es begann eine fürchterliche Jagd auf die jüdischen Massen, ausgeführt durch Militärgruppen der Roten Armee, denen der antisemitische Pöbel freiwillig zur Hilfe kam. Die Juden wurden in den Höfen der Arbeitskasernen eingesperrt, müßten tage- und nächtelang unter freiem Himmel, fast ohne Nahrung, kampieren. Die zu verrichtenden Zwangsarbeiten bestehen größtenteils aus den schwersten Arbeiten, in Wege- und Chausseebauten wie auch in ekelhaften Reinigungsarbeiten. Bei der Ausführung ihrer schweren Arbeiten werden die Juden von den Wächtern, wie auch von der Bevölkerung öffentlich verhöhnt, und als Strafarbeiter behandelt. In Charkow bestehen zurzeit 98 Prozent der Zwangsarbeiter aus Juden. Auch Kranke werden vielfach zur Arbeit geschleppt, und alle Proteste der jüdischen Arbeiterführer bei dem Kommissar für Zwangsarbeit blieben bis jetzt erfolglos. Allmählich wird die nichtjüdische Bevölkerung daran gewöhnt, im Inden einen Paria der neuen Gesellschaft zu erblicken, ein minderwertiges Objekt, dessen einzige Aufgabe es sein muß, sich der nichtjüdischen „produktiven" Umgebung nutzbar zu machen. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht darüber Verzweiflung und eine erbitterte Stimmung. In anderen Fällen dagegen behandeln die bolschewistischen Kommissare die Juden in gleicher Weise wie die Nichtjuden. Die Außerordentliche Kommission hat bei ihrem letzten Einzug in Odessa eine ganze Anzahl von Personen wegen konterrevolutionärer Propaganda erschießen lassen, wobei auch mehrere Juden zum Opfer sielen, darunter der bekannte Advokat Eliasberg. Die einzige Hoffnung der Juden ist jetzt in der Tat die Emigration nach Palästina, selbst in den jüdisch-sozialistischen Kreisen, wo man sich zum Palästina-Gedanken stets gleichgültig verhalten hat, ist die Erkenntnis durchgedrungen, daß eine Lösung der Judenfrage in Rußland ohne ein jüdisches Palästina schlechterdings eine Unmöglichkeit ist. Die Beschlüsse von San Remo haben daher im ganzen russischen Judentum Gefühle der Freude und Dankbarkeit hervorgerufen, was, trotz aller Verbote und ernsten Gefahren, sich in lebhaften Manifestationen kundgegeben hatten. In zahlreichen Synagogen wurden spezielle Dankgottesdienste abgehalten, und in vielen Orten wurden die Juden von Vertretern der russischen Intelligenz zum Siege des jüdischen Nationalgedankens warm beglückwünscht. In der bolschewistischen Presse findet man nichts über die Existenz einer Judenfrage, aber um so schärfer existiert diese Frage im Leben. Das einzige Jüdische, was in der bolschewistischen Presse zu bemerken ist, ist der Kampf und die ewigen Anklagen gegen die Zionisten. Nachdem die während der zionistischen April-Konferenz verhafteten Delegierten freigelassen wurden, haben die Initiatoren der Verhaftungen es offenbar für notwendig gehalten, die Schuld der Zionisten wenigstens in der Presse nachzuweisen.^ Die Zionisten werden gewöhnlich als „englische Agenten" bezeichnet, deren Aufgabe es ist, unter den Juden Sympathien für England zu erwecken. Das Zionistische Zentralkomitee in Rußland veröffentlichte darauf in dem „Moskowskija Jswestia" einen Protest gegen die absichtliche Entstellung des Zionismus und verlangte sein Recht auf Grund des von der Sowjet-Regierung vertretenen Prinzips, des Selbstbestimmungsrechtes der Nationen. Hierauf, erschien am 25. Juni in derselben Zeitung ein Artikel, der sich hinsichtlich der Juden gegen die Berechtigung dieses Prinzips wendet. Der Artikel hat aber wenig Eindruck gemacht. Zurzeit führen die russischen Zionisten ihre Kulturarbeit fort, sowohl in Petrograd wie in Moskau. Das Gerücht, daß der Leiter des Jüdischen Nationalfonds in Moskau, Herr Tscherikower, verhaftet sei, beruht auf einem Irrtum.' Die Forderungen der palästinensischen Juden. Aus Jerusalem wird dem I. C. B. gemeldet: Nach Anhörung des Referats Ussischkins über die Ergebnisse der zionistischen Jahreskonferenz in London hat der Waad Hasmani (provisorische Repräsentanz der palästinensischen Juden) folgende Resolution angenommen: 1. Nach Anhörung des Referats über die infolge des Versagens der amerikanischen zionistischen Kommission in der Beistellung der finanziellen Mittel für die zionistische Arbeit in Palästina neugeschaffene schwierige Lage fordert der Waad Hasmani die oberste zionistische Behörde auf, allen zionistischen Landesverbänden und Föderationen unverhüllt und ohne Verzug die aus dieser Lage für das gesamte Siedlungswerk in Palästina erwachsenen Gefahren vor Augen zu führen. Die Exekutive der zionistischen Weltorganisation wird dringend aufgefordert, alle Kräfte der Organisation mobil zu machen, um der drohenden Vernichtung der gesamten Aufbauarbeit im Lande wirksam zu begegnen. 2. Der Waad Hasmani erklärt, daß die Kürzung oder Auflassung irgendeiner lebenswichtigen Arbeit in Palästina mangels entsprechender Anstrengungen eine unverzeihliche Sünde wäre. Er spricht sich daher nachdrücklichst gegen jeden Versuch der zionistischen Leitung aus, die überaus maßvoll begonnene Einwanderung durch welche Maßnahmen immer zu hemmen. 3. Der Waad Hasmani appelliert an die gesamte jüdische Bevölkerung in Palästina, in dieser kritischen Stunde aus eigenen Mitteln einen Teil der erforderlichen Summen aufzubringen, damit das gefährdete Siedlungswerk fortgesetzt werde. Den Palästinensern wird zunächst zur Pflichtgemacht, die Einwanderer zu empfangen und sie mit Arbeit und Beschäftigung zu versorgen. 4. Der Waad Hasmani erklärt es als Pflicht der Zionistischen Kommission in Palästina, die Verantwortung für die Aufbringung der allernotwendigsten minimalen Geldmittel zu übernehmen, damit die wirtschaftlichen Arbeiten, das Erziehungswerk und die Einwanderung keinerlei Unterbrechung erleiden. _ Rundschau. (Der ungarische Fürstprimas für die Juden.) Das jüdische Organ „Egyenlöseg" veröffentlicht eine Rede, welche der Fürstprimas Csernoch bei der Begrüßung durch die Judenschaft in der Gemeinde Szob gehalten hat. Der Fürstprimas sagte: „Nehmen Sie und die ganze Judenschaft zur Kenntnis, daß Sie in jeder schwierigen Lage sowohl auf meinen Schutz, als auf den der katholischen Geistlichkeit rechnen können. Ich habe immer die Notwendigkeit des konfessionellen Friedens betont. Glauben Sie mir, ich bin ein Feind der heutigen Richtung des Hasses. Ich habe nur eine Bitte an Sie: Seien Sie gute Juden, leben Sie nach den Gesetzen Moses. Wir wollen nicht, daß die Juden zu Christen werden. Erziehen Sie Ihre Kinder so, daß sie religiös sind und daß sie Juden sind und sich dessen nicht schämen, daß sie es sind. Wenn die Kinder in religiösem Geiste aufwachsen, dann wird es unter ihnen nicht solche geben, die über ihre Gemeinschaft Schande bringen, obzwar sich solche Leute auch in den anderen Konfessionen finden. Ich wünsche Ihnen und der ganzen Judenschaft ein glückliches neues Jahr." (Juden und sollen.) Das Komitee der Landesverteidigung veranstaltete in Krakau jüdische Versammlungen unter ungeheurer Beteiligung der jüdischen Bevölkerung, an denen Vertreter der verschiedensten Politischen Richtungen Aufklärung über das Verhältnis der Polen und Juden und vaterländische Pflichten gaben. Die nichtjüdischeu Redner gäben den guten Willen kund, mit den Juden zu einem Einvernehmen zu gelangen. (Das sind Worte! — Wo bleiben, die Taten?) (Erschießung des Rabbiners von Plock.) Der Plocker Rabbiner Chajim Szpiro wurde wegen angeblichen

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