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Jüdische Korrespondenz · 1920-09-24 · 28 (24.9.1920) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
28 (24.9.1920)
Date
1920-09-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 28 Jüdische Korrespondenz Mandat über Palästina übertragen werden sollen, mit dem Austrag, die Besiedelung, Urbarmachung, Bewässerung und Aufforstung des Landes zu leiten und die Bevölkerung zur Selbstverwaltung und friedlichen Selbstregierung zu erziehen. Nur ein derartiges internationales Mandat neutraler Nationen hätte den Frieden und die Unantastbarkeit des Landes verbürgt, ihm eine ruhige Entwicklung gesichert und es davor bewahrt, auch in Zukunft der blutige Kriegsschauplatz feindlicher Heere zu bleiben. In Wirklichkeit aber waren die Phrasen von der Heiligkeit des Landes, fhe holy land to the holy people, nichts als Redensarten. Das Land brauchte England als Schutzmauer für Aegypten, gegen die Araber, als Landbrücke von Afrika nach Indien und nach — Mosul, wo die reichsten Naphthaquellen der Welt sprudeln, die England jetzt um so mehr benötigt, da die Naphthaquellen von Baku, die es schon in seinem Besitz erwähnte, von den vermaledeiten Bolschewisten genonimen wurden. Die „heiligsten Güter", um die die Nationen jetzt kämpfen, find die Naphthaquellen, denn wer die Weltproduktion des Naphtha in der Hand hat, kann machen was er will, sagte unlängst der erste englische Seelord. England strebt, sich eine Art Weltmonopol in Naphtha zu schaffen und vor allen Dingen sich in dieser Beziehung von dem teuren Freund Amerika unabhängig zu machen. Darum ist Mosul dieheilige Stadt, wohin der Engländer mit sehnender Seele strebt. Am 23. Juli wurde der ebenfalls in San Rema am 24. April zwischen Lloyd George und Milleraud vereinbarte Petroleumvertrag publiziert. Danach teilen die beiden Alliierten die gesamte Welt-Naphthaproduktion untereinander zu gleichen Teilen, nur die Quellen von Mosul, die reichsten der Welt, bilden eine Ausnahme, denn davon erhält Frankreich nur 25 Prozent. Die Franzosen fühlen sich arg übers Ohr gehauen und haben das Wort „Mosulismus" geprägt. Das ist ein hübsches Pendant zum Zionismus. Bon Zion führt der kürzeste Weg nach Mosul. Wer in Zion sitzt, hält nicht nur die Quellen der himmlischen Gnade, sondern auch die des irdischen Naphthasegens in seiner Hand. ^Das englische Mandat hat also, wie man sieht, einen tiefen Sinn. Die Inden, die man nach Palästina „hineinpacken" will, werden im Kampfe gegen die Araber die Orientherrschaft Englands schützen. Erst jüngst lasen wir, daß ein jüdisches Bataillon zusammen mit indischen Truppen in der Gegend von Jericho gegen „aufständische" Araber gefochten habe. Ein seltsames Bild! Juden fechten an der Seite arischer Polytheisten gegen semitische Monotheisten, um das Land Abrahams und Davids freizuhalten als Aufmarschgebiet für englische Truppen auf Hem Wege nach den Naphthaquellen von Mosul. — Die „jüdische Nation", nämlich die 90 Tausend jetzt in Palästina lebenden Juden und die später einwandernden, müssen als Vortrupp der englischen Weltmacht mit der Front gegen die Araber und den ganzen Islam dastehen. Wenn man in zionistischen Versammlungen darauf aufmerksam zu machen sich erlaubt, daß dies doch eine ziemlich gewagte Partie für die „jüdische Nation" sei, erhebt sich gewöhnlich ein unerschrockener Jüngling — im Durchschnitt heißt er Nahum Goldmann — und ruft in die Versammlung hinein: „Wir sind eben eine heroische Partei! Mögen die Gefahren zehnmal so groß, mögen die Hindernisse zehnmal so schwer sein! Desto besser! Wir sind eine heroische Partei!" Und die ganze Grenadierstraße in Berlin und. die Grenadierstraßeu in der ganzen Welt wiederholen: „Äie Araber siriff ja so feig! Was brauchen wir sie zu fürchten? Und dann steht ja England hinter uns!" Wir können es ruhig darauf ankommen lassen, gegen den ganzen Islam Krieg zu führen, um nur die höhere Mission zu erfüllen, ein Bollwerk der englischen Orientpolitik zu sein. Noch eine andere hohe Mission haben wir in Palästina und auch in den Golusländern zu erfüllen: Seit Anfang Mai wird in London ein „Jewish Journal of Commerce“ herausgegeben, welches den Zweck verfolgt, deu Außenhandel Mitteleuropas in englische Bahnen zu lenken. In sinniger Verflechtung von Zionismus und busmess schreibt in der erstell Nummer Sir Stuart Samuel: Palästina habe die Aufgabe, ein großes und wertvolles Absatzgebiet für britische Erzeugnisse zu sein, es müsse das große Verteilungszentrum für die angrenzenden Länder, was die britischen Jndustrieerzeu gnisse anbetrifft, werden. Den Juden von Palästina fällt also die doppelte Mission zu, die Wacht am Jordan zu halten, auf dem Wege nach Indien und Mosul, und zugleich englische Waren für den ganzen Orient feilzuhalten. Zum Lohne dafür verspricht man ihnen folgendes: „Eine besondere Gesetzgebung zugunsten der Juden wird diese in bezug auf Ansiedelung und Entwicklung von Handwerk und Industrie in Palästina bevorzugen." (Special legislation on behalf of the Jews will favour fliese on respect of coionisation and on respect of the development of agriculture and manufacturing industry.) Man traut seinen Augen nicht, das widerspricht der ausdrücklichen Botschaft des Königs all die Bewohner Palästinas, und man möchte nur wünschen, daß die Juden von diesem Danaergeschenk bewahrt bleiben, und weder in bezug auf Ansiedlung noch in bezug auf andere Dinge vom englischen Mandatar vor den Arabern bevorzugt würben, sonst würde der Haß der Araber unversöhnlich werden und jede Aussicht auf Versöhnung würde schwinden. Den Ruhm, auf unsere alten Tage ein Kriegervolk zu werden, auf dem Boden unserer Väter blutige Lorbeeren im Kampfe gegen die Araber zu ernten, könnten wir teuer bezahlen." Deswegen muß man heute unseren Nationalisten zurusen: „Keine Vogel-Strauß-Politik!" Darf man auch die Araberfrage nicht überschätzen, so darf sie aber auch nicht unterschätzt werden. Die jüdische Politik in Palästina muß die Lehren der Geschichte beherzigen. Das jüdische Lieben in Zowiet-Rußland. iZ.-B. ' Diejenigen, die geglaubt haben, daß mit dem Einzug der sozialen Revolution, die Judensrage in diesem Lande verschwinden werde, müssen jetzt die schwersten Enttäuschungen erleben. Noch niemals hat die Judensrage in Rußland'- solche scharfen Formen angenommen. Es muß'zugegeben werden, daß Pogrome in Sowjet-Rußland nicht geduldet lverdeu, und jeder Versuch zur Aufhetzung eines Teiles der Bevölkerung gegen den anderen, gleich ob es sich um Inden oder Nichtjuden handelt, wird blutig unterdrückt. Aber es ist die ökonomische Frage mit ihrer ganzen Strenge, die eine mächtige Welle des Antisemitismus in Rußland heraufbeschworen hat. Selbst diejenigen jüdischen linken Parteiführer, die von Anfang an dem Sowjetregime zugestimmt haben, erklären jetzt offen: „Für das Judentum gibt es in Sowjet-Rußland so gut n>ie keinen Platz mehr." Die jüdische Bevölkerung war die einzige, welche durch die Nationalisierung des Handels fast vollständig ruiniert wurde. Welche Folgen die jeden privaten Handel zerstörenden Maßnahmen der Sowjetmacht für die Juderi hätten, läßt sich leicht ersehen, wenn man in Erwägung zieht, daß vor deni Kriege etwa 66 Prozeilt der jüdischen Bevölkerung im Handel beschäftigt lvaren, während die restlichen 34 Prozent als Handwerker und Fabrikarbeiter existierten. Während der größte Teil der nichtjüdischen ruinierten Handelswelt mit Leichtigkeit eine Existenz auf dem Gebiete der Landwirtschaft finden konnte, blieb den Juden dieser Weg völlig verschlossen. Jeder Versuch, die Juden als Landwirte in den Dörfern anzusiedeln, scheiterte an dem Widerstand der Bauern. Man müsse bedenken, daß in Rußland auch unter dem Sowjetregime die Nationalisierung des Bodens nicht eingeführt wurde, daß im Gegenteil für die Bauern das Recht des Eigentums an Grund und Boden als fortbestehend erklärt wurde. Die Bauern, die jeden Fußbreit Boden mit Eifersucht und Mißgunst hüten, taffen unter keinen Umständen neue Ansiedler, geschweige denn Juden, zu. Die Sowjetmacht zog es vor, sich mit den Bauern der Juden wegen in keine Händel einznlassen. Mehrere jüdische Gemeinden haben den Versuch unternommen, die Juden als Handwerker und Fabrikarbeiter in großen Massen einzurichten und haben dabei von der Regierung eine ziemlich weitgehende Unterstützung erfahren. Speziell hoffte man, daß die Kleiderindustrie, die iu Rußland eine große Zukunft hat, sich als das für die Juden am meisten passende Arbeitsgebiet erweisen werde. Einige Fabriken, die, speziell im Gouvernement

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