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Jüdische Korrespondenz · 1920-09-24 · 28 (24.9.1920) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
28 (24.9.1920)
Date
1920-09-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 38 Die Araberfinge in Palästina. Vogel Strauß-Politik ist die gefährlichste Taktik. Wer die zionistische Presse verfolgt, muß leider erkennen, daß sich die Leitung der zionistischen Organisation und ihre offizielle Presse der Taktik bedient, die Araberfrage zu bagatellisieren. Und doch hängt von einer jüdisch-arabischen Verständigung die Zukunst einer jüdischen Heimstätte in Palästina ab. Die Annahme, England werde uns schon schützen, ist ebenso falsch wie die Hoffnung unserer Altvorderen in den biblischen Zeiten auf die Hilfe Aegyptens, die der Prophet so scharf gegeißelt hat. Die Redewendung: Es muß zu einem „modus vivendi“ zwischen Juden und Arabern kommen, ist nichts anderes als eine Phrase. Aehnlich pflegten unsere Nationalisten in Polen zu behaupten, als man sie vor den Folgen ihrer Taktik warnte. Der „modus vivendi“ heißt dort Pogrom — wer weiß, wie die Dinge in Palästina sich entwickeln werden. Sehr richtig schreibt ein jüdischer Publizist im „Deutschen Reiche": „Es ist einfach eine Vorspiegelung falscher Tatsachen, wenn man uns glauben machen will, daß die Ernennung des Sir Herbert Samuel zuni Oberkommissar die Araber beruhigt habe. Wir haben schon wiederholt gesehen, wie wenig ihnen der Beschluß von San Remo imponiert hat, die Ernennung Samuels zum Oberkommissar hat das in noch geringerem Maße getan. Hören wir, wie die arabische Presse ihn begrüßt: „Suria Djanubia" von 29. Juni schreibt: „Die Ernennung des Oberkommissars für Palästina und die Erklärung des Landes zur nationalen Heimstätte der Juden ist der erste Schritt auf dem Wege von San Remo. Die Tatsache, daß die britische Regierung sich beeilt, diesen Beschluß zu verwirklichen, um die Hoffnungen der Zionisten zu erfüllen, ganz besonders aber die Ernennung Herbert Samuels zum Oberkommissar von Palästina betrachten wir als eine Vergewaltigung unserer Rechte, gegen die wir uns ausgelehnt haben und gegen die wir uns stets auflehnen werden. Das Volk und die Presse erheben ihre Stimme und stellen ihre alten Forderungen und erstreben deren Verwirk lichung." Drei große arabische Blätter brachten diesen Protest an der Spitze der Nummer in besonders sichtbarem Text. Die Zeitung „El Kuds" vom 1. Juli schreibt: „Die Ernennung des Oberkommissars wird den nationalen Geist im Herzen der arabischen Nation nicht erschüttern. Die Großmächte beachten unsere Forderungen nicht und treten damit unsere Rechte mit Füßen. Wir fordern Unabhängigkeit, Einheit des Landes, Verbot zionistischer Immigration, und von diesen Forderungen werden wir nicht ablassen. Wir werden nicht erlauben, daß unser Land eine nationale Heimstätte des jüdischen Volkes werde. Das Land gehört uns, und keine Macht der Welt wird es uns entreißen. Wir Eingeborenen des Landes protestieren gegen die Ernennung Samuels zum Oberkommissar. Das islamitische und das christliche Element ist einig in dieser Forderung." Ein zionistischer Abgesandter kam nach Damaskus, um mit den Führern der Araber Verständigung zu suchen. Der Wesir sagte ihm: „Wir wollen die Frage gar nicht berühren, ich glaube nicht, daß wir je im Ernste nötig haben werden, uns mit euch anseinanderzusetzen. Wenn ihr auf diesem Wege fortschreitet, werdet ihr's am Ende bereuen, aber es wird euch nichts mehr nützen. Alle Araber, nicht bloß die palästinensischen, werden euch die schwersten Hindernisse in den Weg legen. Das einzige Mittel zu einer Verständigung zu gelangen, ist die Einheit des Landes und die Abschaffung des englischen Mandats." (Haaretz, Nr. 302 und 303.) Alan muß schon sagendes ist nicht ganz fair von seiten der zionistischen Presse, daß sie alle diese Stimmen der Araber einfach unterschlägt. Man sieht, die einzige Ursache des arabischen Hasses ist die englische Politik, in deren Dienst sich der Zionismus gestellt hat. Sir Herbert Samuel ist einer der Haüptträger dieser Strömung, und daß gerade er und kein anderer zum englischen Oberkommissar für Palästina ernannt wurde, muß die Araber nur noch in der Ueberzeugung bestärken, daß die ganze „jüdische Nation", die hinter den Zionisten stehe, sich mit England verbunden habe, um die Unabhängigkeitsbestrebungen der Araber niederzuhalten, hinter denen der ganze Islam steht. Sir Herbert Samuel hat selber dafür gesorgt, daß über das letzte Ziel seiner Politik kein Zweifel bestehe. Am 2. Dezember 1919, auf einer Londoner Feier des Jahrestages der Balfour'schen „Erklärung", sagte er in einer Rebe: „Die Schaffung eines zionistischen Palästinas stimmt überein mit den fundamentalen Zielen der britischen Politik. Es war Napoleon, der große Stratege, der gesagt hat, Palästina sei die richtige Schutzwehr für Aegypten. Für das britische Weltreich, welches um Aegypten besorgt sein muß, ist es wesentlich, von der Seite Palästinas her gesichert zu sein. Und wenn Britannien das Mandat über Palästina übernehmen sollte, wird es trachten müssen, dieses Land zu entwickeln, um ihm eine gedeihliche und erfolgreiche Zukunft zu sichern. Jüdische Hirne, jüdischer Unternehmungsgeist, jüdisches Vermögen, jüdisches Menschenmaterial ist am besten geeignet, dieses Ziel zu verwirklichen und so den Interessen des britischen Reiches als Ganzem zu dienen (and so serve tiie interests of the British Empire as a whole)." Es ist eine merkwürdige Tatsache, E welch naivem Zynismus hier die ganze Judenheit mit ihrer gesamten geistigen und materiellen Kraft in den Dienst des britischen Reiches als Ganzem gestellt wird. Das britische Reich umfaßt etwa Vs der Erdoberfläche und nahezu l/4 der gesamten Menschheit. Juden aber beherbergt dieses Riesenreich im eigentlichen England etwa 275.000, in den gesamten Kolonien und Dominien weitere l 45.000, zusammen also etwa 420.000, um ein Drittel weniger als das Deutsche Reich, kaum den vierzigsten Teil der. jüdischen Volksgesamtheit. Und doch kommt. ein Mann, der bisher im geistigen und öffentlichen jüdischen Leben ganz unbekannt war, dessen einziges Verdienst darin besteht, daß er englischer Politiker ist, und wagt es, als die Lebensaufgabe, als die Mission von ganz Israel hinzustellen, den Interessen des britischen Weltreiches zu dienen, mit seinem Hirn, seinem Geist, seinem Vermögen und seinem Menschenmaterial, „mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deiner ganzen Kraft", wie es im Schema-Gebet heißt. Doch das ist ein eigenes Kapitel und verdient -besonders behandelt zu werden. Die Araber indessen müssen sich fragen: Wem gegenüber soll Palästina als Schutzmauer für Aegypten dienen? Doch wohl nicht den Irländern oder den Neuseeländern oder den Bnren gegenüber, sondern uns, den Arabern, gegenüber! Hier haben wir wieder die schöne Theorie von dem „Bollwerk", welches die Juden in Palästina für die englische Politik zu bilden haben. Daß die Araber den eminentesten Träger dieser Idee, der jetzt zum Oberkommissar von Palästina ernannt wurde, nicht gerade mit freundlichen Augen ansehen, wird niemanden wundernehmen. Er ist in deren Augen die Verkörperung der Fremdherrschaft, zu deren Stütze der Zionismus mißbraucht wird; die Juden bedürfen ihrer nicht. Niemals ist in den Sphären der hohen Diplomatie und an den grünen Tischen der Weltpolitik soviel von der Heiligkeit Palästinas die Rede gewesen, wie jetzt, von der erhabenen Weihe seiner historischen Erinnerungen, die der ganzen zivilisierten Menschheit teuer sind. Wenn in allen diesen Redensarten ein Tröpfchen Aufrichtigkeit gewesen tväre, dvnn hätte man das Heilige Land hinausheben müssen aus der ganzen Unsauberkeit und Gemeinheit des politischen Geschäftes, um es mit weltpolitischer Neutralität zu umgeben, damit es sich fortab in vollem Frieden entwickle und nicht mehr der Tummelplatz niedriger Intrigen sei, das Schlachtfeld, auf dem die Kämpfe um die materielle Vorherrschaft in Vorderasien ausgekämpft iverden. Ein heiliger Tempel des Friedens für alle Völker hätte dies Heilige Land werden sollen. Was das Land braucht, das ist eine gute, moderne europäische Verwaltung. Der Völkerrat mußte es unter die Onhut europäischer Nationen. stellen, aber nur solcher, die im Orient politisch uninteressiert sind und nicht im Verdachte stehen, ihr Mandat dazu auszubeuten, die Bevölkerung zu knechten und den heiligen Boden als Aufmarschgebiet zu benutzen, um die anliegenden Länder unterm Joch zu halten. Schweden, Holland und die Schweiz sind solche Nationen. Einer vereinigten Kommission dieser drei Länder, die sich in der Verwaltung exotischer Gebiete (Kreta, Persien usw.) mehrfach hervorgetan haben, und deren Unparteilichkeit und Uneigennützigkeit über allen Zweifel erhaben ist, hätte das

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