Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1920-09-24 · 28 (24.9.1920) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
28 (24.9.1920)
Date
1920-09-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3495278-3495461-3495486--1430-3497312
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 28 Jüdische Korrespondenz Seite 3 Wenn auch das geistige Judentum in Westeuropa verarmte, so verschwand doch die Thora von Israel nicht. Gleich der. Sonne, die im Westen, von düsteren Wolken verdunkelt, untergeht und umso strahlender im Osteil aufgeht, ließ auch die von Westeuropa verdrängte Thora im Osten ihr Licht leuchten. In Polen und Galizien wurde sie mit großer Freude und Jubel ausgenommen, ihre beste Herberge aber fand sie in Litauen. Hier würde sie mit ungeheurer Begeisterung empfangen, bald waren auch alle im Buchhandel käuflichen Talmudbücher vergriffen. Im Jahre 562 beauftragte der Goaon zu Wilna seinen Schüler Rabbi Ehaim, in Woloschim eine Jeschiwoh zu bauen. Als nun Rabbi Chaim — so erzählt die Sage — den ersten Stein zum Bau der Jeschiwo niederlegte, brach er aus Freude und zugleich aus Besorgnis, ob es ihm gelingen werde, den Bau zu vollenden, in Tränen aus, die zur Erde rannen. Aus diesen Tränen soll man einen ganzen Ziegel haben kneten können. Als die Jeschiwo vollendet war, strömten aus allen Richtungen Rußlands die Thora-JünKr herbei, um aus den unerschöpflichen Quellen Thorageist und Halachisches Wissen zu trinken. Jeder, der sich dem Studium der Thora widmete, hielt es für seine Pflicht, auch die Woloschiner Jeschiwo zu besuchen und den richtigen Derechhalimud in sich aufzunehmen. Fast alle Geonim und Maskilim der letzten Epoche waren Schüler dieser großen Jeschiwo. Zirka 600 Schüler haben sich zu jeder Zeit in dieser Jeschiwo befunden. Mit Recht wird Woloschin die Mutter und das Herz aller Jeschiwos genannt, war sie doch das leuchtende Vorbild der großen Thora-Festungen in Mir, Slobotka, Telschi, Lomza Sluzk, Nowogrudok, Radin, Lida, Briansk, Ponewes, Krinki usw. Die Zahl aller Jeschiwos-Jünger belief sich vor dem Kriege auf ungefähr 15;000. In vielen Kreisen sind falsche Ansichten über das Wesen der Jeschiwo vorhanden. Selten findet man bei uns im Westen Verständnis dafür, daß es junge Leute gibt, die ihre ganze Jugend dem Studium der Thora weihen, ohne davon irgendwelchen materiellen Nutzen zu haben. Dazu kommt nun noch ein weit verbreiteter falscher Glaube, Jeschiwo bedeute eine fanatische mittelalterliche Anstalt, in welcher nur leere scholastische Haarspaltereien getrieben werden. Doch das Gegenteil von allem ist die Wahrheit. Die Jeschiwos sind die Sammelstatten des urjüdischen Geistes. In ihnen strömt eine wahrheitssuchende, begeisterte Jugend zusammen, bewußt der hohen Aufgabe, die hier ihrer harrt. Eingeschlossen in die vier Jeschiwowände, abgeschlossen von dem störenden Einfluß der Außenwelt, kann sich hier in dem souveränen Gebiete der Jeschiwo ihre jüdische Seele voll und * frei bewegen und in die reinen Höhen und die große Unendlichkeit des Talmuds emporschwingen. Hier in den Jeschiwos erhält die Blüte unserer Nation ihre höhere Erziehung, um hernach als die wahren Träger des traditionellen Judentums, als eine Elite der Nation, als treue Hüter über das geistige Judentum zu wachen. Von frühester Jugend an bis zum 25. Lebensjahre halten sich die meisten Jünger in den Jeschiwos auf, vom frühen Morgen an bis 12 Uhr nachts bringen sie ihre Zeit in der Jeschiwo zu; manche eifrige Lernende wachen sogar in der Woche einige Nächte durch. Eine spitzige Frage oder eine gelungene Antwort bilden ihre größte Freude, wie bei einem Forscher eine seltene Erfindung. Die Weisen sagen, die Buchstaben 'N und ’O in den Luchaus beruhten auf Wunder; dasselbe kann auch in bezug auf den materiellen Zustand des Jeschiwos gesagt werden. Freilich leben die Schüler in den Jeschiwos kein sorgenloses Dasein. Sie haben im Gegenteil mit den größten materiellen Nöten zu kämpfen. Die Jünger, welche sich ausschließlich aus Kindern armer Leute zusammensetzen, können von ihren Eltern keine finanzielle Unterstützung erhalten und sind allein auf die drei Rubel angewiesen, die sie monatlich von der Jeschiwo erhalten. Der Verfasser dieses Artikels ist selbst Zeuge gewesen, wie ein Führer einer bekannten Jeschiwo in Litauen vor Sabbat- und Feiertagen seine Kleider in die Pfandleihanstalt trug, um sich und seinen Schülern das Mahl zu richten. So lebten die Führer und die Lehrer und so lebten die Jünger. Dies ist ein Bild, das das Materielle^ Leben der Jeschiwo-Jnsassen veranschaulichen soll. War also schon vor dem Kriege die finanzielle Lage der Jeschiwo eine prekäre, so ist durch die Kriegsereignisse die Weiterexistenz der Jeschiwo überhaupt in Frage gestellt, wenn nicht sofortige Hilfe geleistet wird. Furchtbare Verheerungen hat der Krieg unter den Jeschiwos angerichtet. Alle Thoraforts, die sich von Kowno bis Grodno, von Vilna bis Lomza hin erstreckt haben, sind zerstört. Barbarische Kosakenhorden haben die berühmte Slobodka-Jeschiwo in einen Pferdestall verwandelt, ihre 500 Gedaulim wurden entweder zu schwerer Arbeit mißbraucht oder in plombierten Wagen nach Sibirien verschickt. Die berühmte Woloschiner Jeschiwo ging in Flammen auf, dasselbe Schicksal erlitten viele andere Jeschiwos. Daß sich Litauen und die Ukraine von Großrußland losgelöst haben, wird auch für die Jeschiwos von unabsehbaren Folgen sein. Wir sagen stets, daß die Thora unser höchstes Gut sei und beteuern immer und immer wieder unsere Liebe und Hingebung für sie. Wie könnten wir aber dann mit ruhigen Gewissen zusehen, wie die Jeschiwos in Litauen, die Grundfesten der Thora vernichtet werden, wenn wir nicht alles daraufsetzen, was in unseren Kräften steht, um die Thora im Westen zu stärken und ihre Positionen im Osten zu erhalten? Ich möchte hier an den flammenden Appell erinnern, den einst Rabbi Chaim Woloschiner an die Judenwelt richtete, als er den Bau seiner Jeschiwo begann: „Ich bin zwar nur ein kleines Staubkörnchen zu Füßen des Gottesvolkes, aber eine heilige Flamme lodert mir auf, wenn ich sehe, daß die Thora allmählich unserem Gesichtskreis entschwindet. Wollten wir aber zu einer Zeit, in der das Thorastudium vernachlässigt wird, uns schweigend verhalten, dann ist es zu befürchten, daß Israels Lehrhäuser geschlossen werden und Israel verlassen ohne Lehrer und Führer dastehen wird. Müßten dann wir nicht beim Anblick, wie die göttliche Lehre vernachlässigt wird, vor Scham erröten! Klagt doch Gott selbst täglich über die Mißhandlung der Thora! Wie sollten denn da unsere Herzen nicht verzagen, wenn wir bedenken, daß unsere Weifen denjenigen, der die Thora nicht studieren will, demjenigen, der sie schändet, gleichstellt. In den Bußeformeln der Schmone-Esra haben die Männer der „großen Versammlung" als ersten Satz aufgestellt: „Haschiwenu owinu letaurossecha!“ „Führe uns, o unser Vater, zu Deiner Thora zurück. Der Thora und Gott nahestehen, ist identisch. Der Begriff Israel kann nur dann als tatsächlich existierend aufgefaßt werden, wenn er der ewigsprudelnden. Leben spendenden Quelle der heiligen Thora entspringt." Möge dieser Appell auch heute in allen Herzen einen starken Widerhall erwecken! Die Weisen sagen: „Wir dürfen den alten Tempel nicht zerstören, bevor wir den neuen erbaut haben." Wenn man jetzt daran gehen will, in Palästina neue Jeschiwaus zu bauen, so dürfen wir uns nicht damit begnügen, besonders, da wohl noch geraume Zeit vergehen wird, bis sich unsere Pläne verwirklichen werden. Für die Gegenwart harren unser noch viele dringenden, nicht aufschiebbare Aufgaben! Gilt es doch zunächst allen denen, die durch Krieg und Pogrome alles verloren haben, ein sicheres Asyl zu schaffen. Wenn wir aber der Thora unsere hingebende Treue beweisen wollen, dann müssen wir zuerst unser Augenmerk auf die Jeschiwos in Litauen richten, welche noch nicht vollständig zerstört und dem Erdboden gleichgemacht sind. Wir müssen alle Kräfte aufbieten, um die Quellen zu erhalten, die uns Lebenskraft spenden und die uns mit geistiger Nahrung versehen. Wenn wir auf der Plattform eines Schnellzuges stehen und der Zugführer das Zeichen zur Abfahrt gibt, dann wissen wir ganz genau, daß das Schicksal des Zuges nicht in den Händen dieses Mannes liegt. Er ist wohl der Befehlshaber, aber der eigentliche Führer, dem wir blind vertrauen, steht vorne auf der rußigen Lokomotive, ohne daß wir ihn sehen noch kennen. Geben wir uns keinem Irrtum hin! Nicht unsere Politiker und Diplomaten sind die eigentlichen Führer und Erhalter des Judentums, sondern die schwachen, magern und kranken Jünger, die verborgen und abgeschlossen von der Außenwelt in den Jeschiwos leben. Sie erhalten das Volk und sie führen es auf dem richtigen Wege! Dankbar dafür wollen wir ihnen auch in derStunde der Not beistehen. Gedenket also an dieJeschiwos!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.