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Jüdische Korrespondenz · 1920-09-24 · 28 (24.9.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
28 (24.9.1920)
Date
1920-09-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 28 nicht fürs Judentum, sondern blos für *ihre--Partei gearbeitet. Bisher wollen sie dies nicht einsehen und die Herren Sokolow und Weizmann sprechen schon von der Gestaltung der Dinge in Palästina im Tone eines Autokraten: „ich werde es nicht zulassen!" «es wird nicht so sein!" usw. Es wird aber ihnen schon die Erkenntnis beigebracht werden, daß die Juden „Awodai hem welau Awodim laawodim". Das Gros des Volkes wird selbst über sein Schicksal entscheiden und wehe denjenigen, die es wagen sollten, mittelst „Einwandererkontrolle" künstliche Zustände in Palästina zu schaffen. Von ebensolcher Bedeutung, wie die Verlegung des Sitzes der Leitung nach London, ist die Errichtung des Propaganda-- bureaus in Wien. Die Kriegsereignisse .haben es mit sich gebracht, daß Wien jetzt als jüdisches Zentrum anzusehen ist. Abgesehen davon, daß die Zahl der Ostjuden in Wien eine ziemlich bedeutende ist und zu erwarten steht, daß^sie im Lause der Zeit hier tonangebend sein würden, ist Wien zurzeit das Zentrum ostjüdischer Zuwanderung aus fast allen-Ostländern, von hier aus wird die politische und die religiöse Haltung der Inden Osteuropas, die infolge der dortigen Verhältnisse in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt sind, in die Wege geleitet. Das Bureau der Agudas Jisroel in Wien wird viel mehr als bisher die Gelegenheit haben, die Ideen der Aguda zu verbreiten und für sie zu werben. Die streng religiöse Haltung der Ostjuden wird nunmehr in der Aguda eine Stütze finden, eine Schutzwehr gegen alle Verlockungen der Moderne assimilatorischer oder nationaler Färbung, die Organisationsarbeit wird erleichtert werden und in absehbarer Zeit dürfte es gelingen, alle Glaubeustreuen um die Fahne der"Aguda zu scharen. Viel wichtiger noch als die Aenderungen in dem Sitz der Leitung ist der Beschluß der Preßburger Konferenz, daß sich die Aguda sreimache von der Strömung, mit den anderen jüdischen Richtungen ins Einvernehmen zu treten und daß sie nunmehr auf eigene Faust ihre Arbeit ins Werk setzen soll. Das bisherige Schwanken hinsichtlich der realen Arbeit im heiligen Lande wird aushören und die Aguda wird darangehen, in Palästina einen großzügigen Jischub al taharas hakaudesch zu begründen, getreu ihrem Programm und ihren Intentionen. Der Weg ist nun frei, es gilt ganze Arbeit zu leiten. Von dem Eifer und der Tatkraft der neuen Leitung ist zu erwarten, daß die Aguda allen ihren Ausgaben gerecht werden wird, unterstützt und gefördert seitens aller Glaubenstreuen. wochenspiegel. Ein Zeichen der Zeit! Das Wiener tägliche Zionistenorgan ist an den beiden Nosch-Haschana-Tagen nicht erschienen und die Redaktion fand den Mut, dies mit der Rücksicht auf die hohen Feiertage zu begründen. — Im vorigen Jahre war es anders. Damals erschien die „Morgen-Zeitung" auch am Rosch-Haschana, am Jom-Kipur fiel das Blatt wohl aus, aber die Redaktion kündigte am Vortage verschämt an: „Die nächste Nummer erscheint am..." — Die Empörung, die voriges Jahr in allen jüdischen Kreisen ob dieser krassen Verletzung der religiösen Gefühle zum Ansdruck gelangte, scheint die Herren Stricker und Genossen veranlaßt zu haben, „nach Kanossa zu gehen". Hoffentlich geht es auf diesem.Wege weiter, falls diese plötzliche Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Bolksmassen mehr als ein Wahlmanöver ist. Vor Wahlen macht man gewöhnlich den Massen Konzessionen. Immerhin, als Zeichen der Zeit soll dieses Ereignis vermerkt werden. Es gibt Momente, wo selbst für ein Zionistenblatt die Religion keine Privatsache ist... . * Auch der „Jüdische Nationalrat für Ostgalizien" (wer hat ihn gewählt und in wessen Namen sprechen die Herrchen?!) hat sein „religiöses Herz" entdeckt und veranstaltet am Jom- Kipur einen feierlichen Gottesdienst. Aber da hapert schön etwas: Die Herren haben nämlich keinen anderen Scholiach- Zibur gefunden, als den — „Konzertsänger" D — Nächstes Jahr werden sie tvahrscheinlich eine Kabarettsängerin mit dieser Funktion betrauen. .. Echt amerikanisch. . . Als Zeichen der Zeit verdient auch das Wahlprogramm der Ehristlichsozialen vermerkt zu werden. Die Herren «sprechen dort von der „Gleichberechtigung aller Bürger". Es geschieht dies zum ersten Male. Leider ist es bloß ein Wahlmanöver. Sie fühlen sich schon als die Herren von Oesterreich und als herrschende Partei müssen sie etwas Wasser in ihren antisemitischen Wein gießen, wenigstens offiziell. Dagegen ziehen sie im selben Programm gegen die „Ostjuden" los und auch in den Wahlreden ist der alte rüde Ton nicht verschwunden. Kunschak bleibt sich treu. Treu bleibt sich auch der Rektor Schwind. Während man in Ungarn einen heftigen Kampf um den «Numerus elausus" in den Hochschulen führt, hat sich der Rektor der Wiener Universität die Sache leichter gemacht. Er erwirkte vom Senat einen Beschluß, daß höchstens 10 Prozent Ausländer an der Universität zur Jnskribierung zugelassen werden dürfen. Ausländer — das heißt Juden, Ostjuden! — Der Witz ist aber nicht gelungen. Der Staatssekretär für Unterricht hat den streitbaren Rektor über die Grenzen seiner Macht belehrt. Vorläufig will Oesterreich dem Ungarn hinsichtlich des Numerus elausus nicht den Rang ablaufen. In Ungarn hat diese Frage zwei Bischöfe auf den Plan gebracht. Bischof Prochaska schüttet Schwefel und Pech auf die Häupter der Juden, und meint, die Judenfrage läßt sich nur im „jüdischnationalen Sinne" lösen. Bischof Csernoch hingegen nimmt die Juden in Schutz und empfiehlt ihnen strenges Festhalten an ihrer Religion. Das Verhalten der beiden Kirchenfürsten hat vielleicht eine symbolische Bedeutung: Jüdischer Nationalismus und Ausnahmsgesetze, jüdische Religiosität und Gleichberechtigung! — Bedenkt man, daß seit dem Auftreten des Nationalismus die Lage der Juden immer schlimmer wird, so kann man sagen, daß vielleicht die Rückkehr zur Religion der beste Ausweg wäre. Csernoch ist uns immerhin lieber als Prochaska. As-Po nim. Die Thora-Lestungen von Mauen. Bon E. B o t s ch k o (Basel). Bereits vor 2000 Jahren, als die Römer Jerusalem belagerten und die Mauern der Stadt bestürmten, als das jüdische Reich von allen Seiten bedroht war und der unentrinnbaren Vernichtung entgegensah, begab sich der große jüdische Weise Rabbi Jochanan ben Sackai zu dem Feldherrn Vespasianus und richtete an ihn die Bitte, er möge ihm Jabneh überlaffen. Rabbi Jochanan, der wußte, daß die Stunde des Schicksals für Israel geschlagen habe und daß das Volk den heiligen Boden seiner Väter verlassen müsse, wollte wenigstens den jüdischen Geist retten, wenigstens eine geistige Freistätte seinem Volke erhalten. Die geistige Hochburg sollte die dauernde Existenz Israels in der Diaspora sichern und Israel die Kraft verleihen, mutig und geduldig auszuharren, bis die Verheißung der Propheten sich erfüllen und das Volk in sein Land zurückkehren würde. Die Hoffnungen Rabbi Jochanans haben wahrlich nicht getrügt. Von Jabneh gingen die Strahlen des Lichtes über ganz Israel hinaus. Sie drangen in die betrübten Herzen des jüdischen Volkes, ermutigten und erleuchteten sie. Jabneh war der Grundstein, auf dem der jüdische Geist sich im Galuth weiter ausbaute. Bald folgten die Jeschiwos und Lehrstätten von Nehardea, Uscha, Sura, Pumpardita usw. Später die Thorafestungen in Spanien, Frankreich, Italien und Deutschland. Schon vor 900 Jahren wurde in Mainz eine große Jeschiwoh erbaut. Berühmt sind auch die alten Jeschiwaus von Frankfurt, Hamburg,-Metz und Posen. Bis zur Wende des 18. Jahrhunderts war Deutschland beinahe der größte Mokaum Hathauro. Allein unter dem Drucke der Renaissance der Mendelsohnschen Periode, die mit ungeheurer Wucht in Deutschland einsetzte, mußten die Thora-Festungen allmählich kapitulieren. Die Reform schlug tiefe Wurzeln und bewirkte, daß ein großer Teil der Juden sich dem geistigen Boden entfremdete.

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