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Jüdische Korrespondenz · 1920-07-02 · 24 (2.7.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
24 (2.7.1920)
Date
1920-07-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 Jüdische Korrespondenz Seite 3 Zionistische Neuorientierung. Der bekannte zionistische Schriftsteller Dr. Jakob Klatzkin veröffentlicht in zionistischen Blättern folgenden Brief: . . . Die Mitteilungen von den Vorgängen in Jerusalem haben mich begreiflicherweise beunruhigt, aber nicht überrascht. Ich war auf solche und ähnliche Rückschläge immer gefaßt, und habe gar oft davor gewarnt, unsere diplomatischen Erfolge zu Propagandazwecken in einer Art auszuschlachten, die dazu angetan, sind, überschwengliche Hoffnungen im Volke zu wecken und damit auch den Boden für etwaige Enttäuschungen vorzubereiten. Wie Sie wissen, habe ich auch in einigen kleineren Aufsätzen schon vor zweieinhalb Jahren — bei aller Würdigung unserer diplomatischen Erfolge — auf die Gefahr hingewiesen, die entstehen muß, wenn wir das Schicksal unseres Volksideals mit dem Schicksal der gegenwärtigen Machthaber verknüpfen und unser Los von ihrem Los abhängig machen. Ich sagte wörtlich: „Alle unsere Beziehungen zur Realpolitik sind schwankend und ohne Dauerkraft. Nicht weil sie uns im Stiche lassen, sondern weil das Leben Ihnen untreu werden könnte." „Könnte" — ich war vorsichtig. In meinem tiefsten Innern aber war und bin ich überzeugt, daß sie, die als die reale Grundlage der zionistischen Verwirklichung heute altgesehen wird, früher oder später in^die Brüche gehen wird. Was hat unsere Diplomatie erreicht? Eine papierene Erklärung. Ich zweifle nicht, daß es England mit ihr ernst war und wohl noch ist. Ich nehme an, daß der Friedensvertrag mit der Türkei uns Palästina in dieser oder jener Form zuerkeunen wird. Sind wir aber damit an der Schwelle der Verwirklichung angelängt? Haben denn die Versailler und die ihnen folgenden Verträge die Dauerkraft, die erforderlich wäre, um dem Aufbau unseres jüdischen Palästina als Basis zu dienen? Ist nicht eher damit zu rechnen, daß in absehbarer Zukunft die Freiheitsbewegung auch innerhalb der Völker des Orients greifbare Formen annehmen und die Vorherrschaft der europäischen Völker brechen wird? Läßt sich denn noch heute der Orient ohne Zusammenhang mit den in Europa vor sich gehenden Umwälzungen sozialer und politischer Natur beilrteilen? Also, selbst wenn es England mit uns sehr gut meint — woran ich, wie gesagt, nicht zweifle' — und wenn es -sogar bereit wäre, die Interessen seiner arabischen Politik zu unseren Gunsten zu opfern, wäre dieser Gewinn nicht entscheidend — will sagen: nicht von Dauer. Heute entscheidet die Politik überhaupt nicht mehr — sie wird von den Völkern entschieden. Unsere auf diplomatischem Wege errungenen Erfolge hätten nur dann Sinn und Wert, wenn uns England die Möglichkeit geben würde, sofort mit einer großzügigen jüdischen Einwanderung nach Palästina und der Bildung von jüdischen Legionären — ja, Legionären! — zu beginnen. Die Erklärung Balsours hätte dann den hohen Wert eines Sprungbretts. Wenn sie uns vorläufig die Hände bindet und für später Versprechungen macht, so hat sie wohl schon fhr die nächsten paar Jahre keinen größeren. Wert, als eine Versprechung eines Hermann Müller für das nächste Halbjahr. Auch wenn wir solche diplomatischen NeugestaltUirgen nur als Möglichkeit bewerteten — für nlich sind sie mehr als bloße Eventualitätensollten wir uns davor hüten, das jüdische Volk in beseligende Hoffnungen einzulullen. Die Leitulig hatte mithin Grund genug, die zionistische Oeffentlichkeit vor überspannten Erwartungen geradezu zu warnen. Das hat sie aber nicht getan. Ja, bei aller meiner gewohnten Nachsicht kann ich sie von^der Schuld nicht ganz freisprechen, daß sie viel dazu beigetragen hat, die zionistische Denkart auf Momente politischer Sensation einzustellen. Nun ist es. klar, daß jeder politische Rückschlag ungeheure Enttäuschungen nach sich zieht, die, wie Sie befürchten, die zionistische Organisation tief erschüttern müssen. Sehen Sie sich mal die zionistische Jugend an! Was ist aus ihr in deck'letzten Jahren geworden? Wie vieles ist in ihr vom Glauben an die historische Macht unserer Idee geschwunden, von jenem Glauben, der die Weite des Weges kennt und durch Augenblickserfolge und Mißerfolge nicht irre wird! Selbst unsere Jugend lebt eben seit Jahren in der Atmoshäre politischer Sensationsnachrichten, von der sie gespeist und genährt wird auf Kosten der idealistischen Gesinnung und Glaubensstärke. Sehen Sie sich die zionistische Organisation in Polen an! Es ist kein zu starkes Wort, wenn ich sage, sie ist geradezu demoralisiert. All die scheienden Nachrichten über große Erfolge unserer Bewegung in diesem Lande sind mindestens Selbstbetrug, denn diese Erfolge werden durch eine Straßenpolitik der Sensation erzielt^ — und müssen in sich zusammenfallen, sobald die politische Lage eine für uns weniger günstige Wendung nimmt. Können die diplomatischen Erfolge diesen Verlust an innerer Zielsicherheit, die mit der Einsicht in den historischen Charakter unseres Ideals aufs Innigste verbunden ist, auswiegen, wettmacheu? Ich sage nicht, daß einzig die Leitung an dieser neuen Einstellung Schuld ist; aber sie ist jedenfalls dafür verantwortlich zu umcheu, daß sie nicht rechtzeitig die erforderlichen Maßnahmen getroffen hat, um die Agitation in andere Bahnen zu leiten. Was nun, tveutt die bedrohliche Situation überwunden wird — was ich als höchst wahrscheinlich annehme? Daun wird wohl die Taktik der letzten zwei Jahre wieder eiusetzen. — Es ist aber höchste Zeit, die zionistische Denkart zu festigen und gegen Rückschläge der zionistischen Diplomatie zu wappnen. Es gilt, die zionistische Idee in ihrer Strenge zu vertreten und der selbst in den besten Schichten unserer Gemeinschaft eingedrungeueu Seichtigkeit entgegenzuarbeiten. Ich bitte Sie, mich nicht mißzuverstehen. Ich bin kein weltfremder Mensch, kein Batlan, ich unterschätze gewiß nicht die aufopfernde Arbeit und die Errungenschaften unseres Weizmanu. Wogegen ich mich tvehre ist, daß wir im Volk den Glauben auskommeu lassen, als ob diese Erfolge, die nur eine zeitweilige Etappe darstelleu können, die Endstation, die Erreichung unseres zweitauseüdjährigeu Ideals bedeuteten. Realpolitik — ja. Sie kann aber für uns nicht den Wert haben, den sie gewöhnlich für ein bodenständiges Volk hat. Ein bodenständiges Volk ist als solches eine Realmacht und kann sich daher eine Politik des Tages und der Stunde gestatten. Unsere Realkraft aber ruht im Geschichtlichen unseres Volkswillens und jede Schmälerung und Verschiebung dieser ihrer Dignität ist für sie verhängnisvoll. Wir können und müffeiL-mit beit Gewaltmächten von heute zeitweilig praktieren. Aber dieses Praktieren darf nicht derart sein, daß es den Glauben an die ..neue Zeit untergräbt und unseren Anschluß au die Mächte von morgen verhindert: „Das setzt freilich voraus, daß wir selbst uns an dieser werdenden Welt orientieren und uns ein Recht auf diese Einstellung sichern." * Aus London wird der „I. P. Z." berichtetVerschiedene Anzeichen der letzten Zeit lassen daraus schließen, daß die zionistische Organisation vielleicht in nächster Zeiteine Aenderung in ihren: bisherigen Verhalten gegenüber anderen jüdischen Organisationen wird eintreten lassen, Nordau und Koralnik haben bekanntlich der jetzigen zionistischen Leitung vorgeworfen, daß sie formell nicht mehr das Recht hätten, im Namen aller Zionisten zu sprechen, da ihre Mandate längst erloschen wären. Aber nicht nur für die eheste Einberufung des zionistischen Kongresses, sondern eines allgemeinen jüdischen Kongresses tritt Nordau scharf ein. Viel beachtet wird auch die Rede Sir Stuart-Samuels au der Konferenz der englischen Zionisten, worin er zur Einigkeit aufforderte. Es müßten auch die der zionistischen Organisation nicht angehörenden Bolksteile, die Interesse dafür haben, zur Aufbauarbeit in Palästina herangezogen werden. Auf ihrer fünften Sitzung beschäftigte sich die Konferenz der englischen Zionisten mit dem Projekte des englischen Agudasührers Dr. Jung, sämtliche an Palästina Interesse nehmenden Organisationen — namentlich die zionistische und die Agudas-Jisroel — unter Berücksichtigung der bekannten Forderungen der Aguda zu einer Arbeitsgemeinschaft auf politischem und ökonomischem Gebiete zu vereinigen. Es wurde beschlossen, dieser Frage am 20. Juni eine spezielle Beratung zu widmen. Ter „Jewish Expreß" vom 9. Juni verlangt den Verzicht aus Einberufung des zionistischen Kon-

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