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Jüdische Korrespondenz · 1920-07-02 · 24 (2.7.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
24 (2.7.1920)
Date
1920-07-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz ' Nr. 24 des verflossenen Wahlkampfes ist nach dieser Dichtung seitens der Nationalisten sehr viel gesündigt Wrden. Hoffentlich werden die Herren jetzt ihre Taktik revidieren, wenn sie es nicht dazu bringen. wollen, daß sie die Orthodoxie bei jeder Gelegenheit gegen sich haben. Das Wahlresultat hat die nationalistischen Erwartungen nicht erfüllt. Sie haben die Gemeinde nicht erobert, die Nichtjüdischnationalen sind im Besitze der Macht, geblieben. Ja, nicht einmal das prozentuelle Verhältnis bei der Stimmenverteilung hat sich seit dem Jahre 1910 zugunsten der Nationalisten geändert. Damals erhielten sie 35 Prozent der abgegebenen Stimmen und auch diesmal haben sie kaum dieses prozentuelle Verhältnis erreicht. Die Steigerung der Stimmenzahl tut nichts zur Sache, .da ja auch die Nichtnationalen eine Verdoppelung ihrer Stimmen erreicht haben. Die Nationalisten haben also gar keine Ursache, groß zu tun und die anderen jüdischen Gruppen von oben herab zu behandeln. Im Gegenteil, verhältnismäßig ist der Erfolg der orthodoxen Liste viel größer, als der Sieg der Nationalisten. Wir wollen nur einmal die Glaubenstreuen durch 25 Jahre Politik betreiben und ihre Organisation ausbauen lassen, dann wird man Vergleiche allstellen können. Heute noch einmal auf die Verleumdungen, denen die Orthodoxie während des Wahlkampfes ausgesetzt war, zurückzukommen, erachten wir als überflüssig. Zur Illustration möchtell wir nur auf zwei Fakten Hinweisen, die das Verhaltell unserer Gegner so recht charakterisieren. Zwei Tage vor der Wahl erhielt die orthodoxe Jugendgruppe von der Kultusgemeinde eine Zuschrift zur Erledigung, die ihr zwei „orthodoxe" Kandidaten der zionistischen Liste zugehen ließen/ Es handelt sich um eiuen mittellosen Bar-Mizwoh, dem man Tefilin zu verschaffen hätte. Die Herren Jakob März und I. Vortrefflich •— zwei „orthodoxe Kandidaten"' der Nationalisten, mit welchen diese großen Staat machten, obwohl sie fast an letzter Stelle der Liste placiert wurden — haben sich für den armen Bar-Mizwoh in der Weife verwendet, daß sie diese verschrieene Kultnsgemeinde um Tefilin ersuchten, obwohl sie als „Glaubenstreue" wissen müßten, wie es diesbezüglich bei der Kultusgemeinde bestellt ist. Die Kultusgemeinde hat eben die Zuschrift an die' organisierte Orthodoxie geleitet, wohl wissend, daß man da religiöse Dinge v ernster nimmt und für die Befriedigung des Bar-Mizwoh sorgen werde. So ist es mit den Orthodoxen beschaffen, mit welchen die Nationalisten ihre Liste garnierten. Wo es gilt, etwas für die Religiosität zu tun, fiitb sie nicht zu haben und überlassen die Sache der Kultusgemeinde.... Der zweite Fall betrifft die Verleumdung der „ungarischen Orthodoxie", sie verhalle sich unfreundlich gegen die Brüder aus dem Osten. Bei einer Versammlung in Ottakring' beschimpfte der zionistische Wahlheld T. eiuen orthodoxen Kandidaten als „Feind der Oftjuden" (sie!). Der Beschimpfte war aber in der Lage, dem Maulhelden nach der Versammlung einen schriftlichen Beweis dafür vorzulegen, daß er einer Witwe aus dem Osten, die T. familiär sehr nahe, steht und für die er eigentlich zu sorgen hätte, wiederholt die Erhaltung der.Existenz ermöglicht hat. T. war von diesem Beweise so betroffen, daß er sich veranlaßt sah, dem Beschimpften feierlichst Abbitte zu leisten. Das geschah natürlich unter vier Augen — vor der Oeffentlichkeit die ungerechten Vorwürfe zu revozieren, dazu fand sich T^ nicht mehr veranlaßt, obwohl er die Maxime „Tesdiu bo beausso mokaum“ wohl kennt. So bleibt denn in der Oeffentlichkeit die Beschimpfung hängen. Es ist nur ein Glück, daß die Oeffentlichkeit derartige Verleumdung nicht allzu hoch bewertet und sich über die Beschimpfungen der Orthodoxie eine eigene Meinung macht, wofür das Wahlresultat am klarsten spricht. E Wir haben diese zwei Fälle angeführt, um die Taktik der Nationalisten -zu charakterisieren und möchten bei dieser Gelegenheit an dieselben die Aufforderung richten, ihre Haltung einer Revision zu unterziehen. Mit Ehrabschneiderei kommt man nie weit. Die prinzipiellen Differenzen zwischen der Orthodoxie und den Nationalisten bleibin bestehen, aber der Kampf darf die zulässigen Formen nicht verletzen, Im jüdischen Lager soll man jüdisch kämpfen, wenn es schon dazu kommen muß. Wie -sich die Verhältnisse im neuen Kultusvorstande gestalten werden, darüber läßt sich heute noch nichts Bestimmtes sagen. Für die .Vertr.eter der Orthodoxie ist die Richtschnur klar; für die Wahrung der religiösen Interessen einzutreten und dahin zu streben, daß die Wiener Kultusgemeinde d^s sei, was sie zu sein Hütte: jüdisch in der vollsten Bedeutung dieses Wortes, innerlich und nach außen hin! Das Ergebnis der Wahlen. Von 19.000 Wählern haben 10.553 ihre Stimmen abgegeben. Es erhalten die orthodoxe Liste 878 (3 Mandate), die Zionisten 3714 (13 Mandate), die Nichtjüdischnationalen 5912 (20 Mandate). Die jüdische Volksgruppe erhielt 49 Stiminen, 500 Stimmzettel waren zersplittert oder ungültig. Die Gewählten sind: Drei Kandidaten der gkauöenslrenen (orthodoxen) Iudenschaft: Wolf'Mappenheim, Kaufmann; Siegmnnd Worrdi, Großindustrieller: Mas März, Kaufmann. 13 Kandidaten der jüdischnational-zionistischen Parteien, und" zwar: Ingenieur Robert Stricker, Abgeordneter und Vizepräsident der Kultusgemeinde; Dr. Isidor Schalit, Zahnarzt; Dr. Jakob Ehrlich, Gemeinderat der Stadt. Wien und Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde; Dr. Leopold Plascht es, Gemeinderatder Stadt Wien und Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde; Dr. Karl Pollak, Zahnarzt und Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde; Doktor Josef Auerbach, Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde und Bethausvorstand im 3. Bezirk; Rudolf Tanssig, Regierungsrat; Max Markus, Kaufmann; Dr. Isidor Margulies, Rechtsanwalt; Dr. Desider Friedmann, Rechtsanwalt; Siegmund Epler,Bankdirektor; Jakob Pinkas, Bankier; Isidor A u st e r l.i tz, Kaufmann. 20 Kandidaten der nichtjüdischnationalen Parteien, und zwar: Dr. Alois Pick, Universitäts-Professor, Generaloberstabsarzt a. D.; Wilhelm Kempler, Baurat, Direktor der,Union-Baugesellschaft; Dr. Benjamin Rappap 0 r t, Hofrat a. D.; Robert W 0 r t m a n n, Bankier; Dr. Jakob Engel, Rechtsanwalt; Dr. Salomon Krenberger, Direktor des Taubstummeninstituts; Siegmund Kauders, Weingroßhändler; Richard Bettelheim, Prokurist; Ignaz Glück, Handelsgesellschafter; David Dohan, Kaufmann; Moritz Reif, Kaufmann; Isidor Schwarz, Disponent; Bernhard Buchwald, Fabrikant; Dr. Ernst Friedju.ng, Apotheker; Dr.>Joses Ticho, Rechtsanwalt; Dr. Leo Landau, Rechtsanwalt; Dr. Jakob Deutsch, praktischer,Arzt; Jakob Her z 0 g, Beamter des Bankvereines; Adolf Oberländer, Architekt und Stadtbaumeisler; Moritz Schwarz, Kaufmann. Nach der Wahl. Der teilweise erbitterte Wahlkampf ist vorüber. - Die Parteien haben gezeigt, daß die Kämpfe nicht ihrer Kampfeslust entsprachen, sondern nur aus wahltechnischen Gründen geführt wurden. Schon am Wahltage konnte man die erfreuliche Wahrnehmung zachen, daß sich alle Parteien jeder Herausforderung enthielten. Nun ist die Wahl vorüber. Wenn auch die prinzipiellen Gegensätze bleiben, so wäre es immerhin erwünscht, daß die schroffe Kampfesmethohe beseitigt wird. Sollte es denn nicht möglich sein, das zustande zu bringen, was Christlichsoziale und Sozialdemokraten im Parlament zustande gebracht haben. Die Meinungsverschiedenheiten bleiben aufrecht. Aber zur Erledigung der dringenden Agenden, der Sanierung der Gemeindefinanzen, der Beendigung des furchtbaren Rotschildspitalskandals sowie überhaupt zu sozialen Arbeiten sollten sichalle Parteien endlich einmal die Hand reichen. Vielleicht könnte durch die gemeinsame Arbeit auch so mancher prinzipieller Gegensatz beseitigt werden. c __ 4 Objektiv«.

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