Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 24 (2.7.1920)
- Date
- 1920-07-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 24 gresses und einer eigenen zionistischen Politik und fordert statt dessen die Abhaltung eines allgemein jüdischen Kongresses. An diesem jüdischen Kongresse würden auch solche Organisationen teilnehmen, die den Zionismus als solchen absolut ablehnen zu müssen glauben. Die zionistische Leitung hat einstweilen zu diesen Forderungen noch nicht klar Stellung genommen. Man glaubt jedoch, daß sie ihre bisherige Haltung ändern und sich für den ehesten Zusammentritt eines allgemein jüdischen Kongresses aussprechen wird. _ Von der Agudas Jisroel. Aus. St. Gallen (Schweiz) wird uns geschrieben: Am Donnerstag, den 17. Juni, fand im Bürgerhof eine außerordentliche Generalversammlung der Agudas Jisroel statt, um die Wahlen zum Delegiertentag vorzunehmen, sowie die Gründung einer Talmud-Thora zu besprechen. Die Versammlung gestaltete sich.aber zu.einer imposanten Kundgebung. Der Präsident Herr E. Botschko eröffnete die Versammlung mit einem hochinteressanten Referat über das Thema: Die neueste Orientierung und das traditionelle Judentum. Die St. Galler Judenheit hatte schon bereits die Freude, am ersten Tage des Schewuoth-Festes in der Synagoge eine Predigt von Herrn Botschko über die neuesten politischen Er-, eignisse in San Remo zu hören, die die Juden St. Gallens ohne Unterschied der Parteien außerordentlich begeisterte. Herr Botschko benützte nun abermals die Gelegenheit, die St. Galler Juden überunsere neueste politische Situation zu orientieren und sie an ihre Pflicht in der für das -jüdische Volk entscheidenden Stunde zu mahnen. , Es würde zu weit führen, in diesem Blatte auch nur einigermaßen das wiederzugeben, was uns Herr Botschko in seinem anderthalbstündigen Referat geboten hat.. Doch einiges mag erwähnt werden. J Indem der Referent das Memoranduin, das Herr Rabbiner Dr. Jung im Aufträge der Aguda der englischen Regierung überreichte, in allen seinen Einzelheiten bespricht, drückt er sein lebhaftes -Bedauern aus, daß in einein solch ernsten Moment, wo das Geschick des jüdischen Volkes auf dem Spiele steht, eine Spaltung in unserem Volke vorgekommen ist, die ohne Zweifel den schlechtesten Eindruck auf die Regierungen machen würde. Der Referent sieht aber keinen ausschlaggebenden Grund, die Schuld für diese Zersplitterung, respektive für dieses von der Aguda eingereichte Memorandum auf die Politiker der Aguda abzuwälzen. Nachdem Herr Dr. Lewenstein im Atlftrage der politischen Kommission der Aguda persönlich mit Herrn Sokolow in Paris unterhandelte und ihm die überaus bescheidenen Bedingungen der Aguda, die die Brücke zur Vereinigung bilden sollten, bekanntgab, dementierte Herr Sokolow in einem späteren Schreiben diese Unterredung mit Herrn Dr. Lewenstein als eine „ihm ganz unbekannte" Tatsache. * Nachdem nun die Aguda ungeachtet dessen der zionistischen .Leitung in London abermals die Hand für den Frieden reichte, erachtete es die zionistische Leitung nicht einmal für nötig, darauf zu erwidern, verfolgte vielmehr die Aguda als eine Partei für rein deutsche Interessen und denunzierte sie beider englischen Regierung, worauf sich die Aguda veranlaßt sah, laut Beschluß^ der Weltkonferenz nun selbständig aufzutreten. Das.Memorandum der Aguda weicht in keinem Punkt vom dem von den Zionisten an den Obersten Rat überreichten Forderungen ab, sondern begründet die jüdischen Forderungen aus Palästina aus religiösen Motiven und verlangt von der englischen Regierung, in allen munizipalen administrativen Anstalten, im Emigrationswesen und in den gesetzgeberischen Anstalten gleichberechtigt mit den Zionisten vertreten zu sein. Sollte dieses an.und für sich unschuldige Memorandum doch von schlechten Folgen ftir das jüdische Volk sein, so trägt die Hauptschuld die zionistische Organisation durch ihre hartnäckige und egoistische Politik, indem sie allein das Monopol für die Interessen des jüdischen Volkes mit Gewalt an sich reißen will. Zu den Ereignissen von San Remo übergehend, bemerkt der Referent, daß das jüdische Volk aus seiner erstaunlichen Gleichgültigkeit einerseits und durch die inneren verderbenden Zankereien andererseits für ein Geuloh noch nicht reif ist. Allein die Not der Galuth, das Meer von Blut und Tränen, die auf den Schlachtfeldern der'Friedensstätte bei uns vergossen lvurden, hat den Moment zur Erlösung Israels nahe gebracht. (Hierauf erheben sich die Versammelten zu Ehren der Gefallenen.) Es ist Pflicht.der traditionellen Juden, jetzt gerade durch eine kräftige Tat d.ie Welt von ihrer glühenden Liebe zu Erez Jisroel zu überzeugen. Die Orthodoxie muß ihre Liebe * zu Erez Jisroel nicht nur durch Tefillos kundgeben, sondern durch eine energische Aktion beweisen, daß sie ebenfalls ein gesundes, arbeitsames Element für den Wiederaufbau Palästinas darstellt. ' Die Zionisten ihrerseits. müssen, wenn sie den Sieg von San Remo in seiner ganzen Tragweite ausnützen wollen, darauf bedacht sein, das parteiische Spiel im jetzigen Moment aus dem Auge zu lassen. Sie können nicht mehr über die Köpfe der gesetzestreuen Massen, die sich größtenteils an die Agudas Jisroel klammern, mit einem Handumdrehen hinweggehen. Keinerlei Operation in der Welt könnte gelingen, wenn das Herz versagen würde; es hätten auch alle Unternehmungen der Zionisten nicht genügt, wenn das' traditionelle Judentum nicht im Laufe der Geschichte ^sein -gesundes Herz, treuen Glauben und Hoffnung auf Erez Jisroel bewahrt hätte. Markant schloß der Referent: 2000 Jahre haben wir den Boden Zions mit unseren Tränen befeuchtet, nun ist die Zeit herangekommen, wo wir beginnen sollten, die Früchte mit Freude zu ernten und jubelnd nach Zion zu marschieren." Die Versammlung belohnte den Referenten für seine trefflichen Ausführungen mit reichem Beifall. * — Die Landesorganisation der Agudas Jisroel in Litauen wurde von der litauischen Regierung bestätigt. Als Begründer und Leiter wurde eingetragen: Rabbiner Chaim Oser Grodzensky, Rabbiner Meier Bassin, CH. Sch. Tapp und I. Gurewitz. Nachdem also der Aguda-Organisation nach der Bestätigung keine Hindernisse mehr im Wege stehen werden, ist zu erwarten, daß sie sich zu einer starken, das gesamte öffentliche Leben der Orthodoxen Litauens umfassenden Organisation entwickeln wird. - — Der Hauptkommisfär des jüdischen Nationalfonds in Beßarabien, Ingenieur Gottlieb, hatte sich an die dortige Aguda- Organisation mit dem Vorschlag gewendet, sich an den allgemeinen Sainmlungen für den Wiederaufban Palästinas zu beteiligen. Nach verschiedenen Beratungen hat die Aguda beschlossen, ihre Sammlungen separat durchzuführen und wegen Uebergabe der Spenden an das zionistische Komitee erst beim Zentralbureau in Zürich anzusragen. ^Auf Grund dieser Anfrage erhielt nun die Aguda in Kischinew die telegraphische Antwort aus Zürich, daß das Zentralbureau derzeit in dieser Frage Verhandlungen mit der zionistischen Organisation führe. — Aus Friedrichstadt (Lettland) wird gemeldet: Trotz der derzeit im Lande herrschenden antijüdischen Stimmung und obwohl die Zahl der Juden nur einen geringen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung ausmacht, wurde Rabbiner Ch. A. B. Paul, Präsident der Agudas Jisroel-Ortsgruppe zum Vize-Bürgermeister von Friedrichstadt gewählt. ~ . Die UeberMe in Syrien und llordpaläsüna. Der „N. Z. Z" wird aus Jaffa, 31. Mai, geschrieben: Borgestern iss König Faissal, von Damaskus kommend, in Ludd vorbeigefahrcn. um sich nach Aegypten zu begeben. Dort wartet aus ihn ein französischer Kreuzer, um ihn nach Marseille su bringen. Er unternimmt eine zweite Diplomatenreise nach Paris und London, nachdem seine erste vom vorigen Jahre bisher offenbar keine Früchte getragen hat. Die an seine erste europäische Reise geknüpften Hoffnungen der Großmächte auf eine Stabckisierung und Pazifizierung der Lage in Syrien haben sich nicht erfüllt. Zeugen davon sind die Zustände in den verschiedenen Gebieten Syriens und ganz, besonders (Fortsetzung auf Seite 6.)