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Jüdische Korrespondenz · 1920-07-02 · 24 (2.7.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
24 (2.7.1920)
Date
1920-07-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K 50, halbjährig K 25, vierteljährig K 12*50. Ausland jährlich K 70. Einzelnummer 1 Krone. 'Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Nr. 24. Wien, 16. Thamuz 5680, 2. Juli 1920. VI. Jahrgang. Der Erfolg der orthodoxen Liste. Bon den 36 Mandaten zur Knltusgemeinde erhielt die Liste der Gesetzestreuen drei — und dennoch hat sie alle Ursache, dieses Wahlergebnis als einen großen Sieg zu feiern. Der Sieg der orthodoxen Liste geht weit über den Rahmen eines Wahlerfolges hinaus. Der Orthodoxie hat es * sich mit ihrem Eingreifen in Hen Wahlkampf nicht um Mandate gehandelt. Mandate konnte sie ohne Wahlkampf erlangen. Bon rechts und von links wurde sie um ein Kompromis angegangen und. sie durfte die Zahl der ihr zu iiberlassenden Mandate diktieren. Sie hat aber jedes Kompromis abgelehnt, weil es sich ihr eben um etwas anderes als um Mandate gehandelt hatte. Die Gesetzestreuen sind auch nicht auf die Eroberung der Kultusgemeinde ausgegangen und sie strebten gar nicht darnach, die Majorität der Mandcüe zu erhalten. Worum es sich ihnen mit dem Eingreifen in den. Wahlkampf handelte, das war das Verlassen des bisherigen Winkels, das Anfgeben der Passivität, den Uebergänz zur Aktivität. Die Aufstellung einer besonderen orthodoxen Liste.bedeutet die feierliche Ankündigung, daß die Orthodoxie entschlossen ist, ihren Einfluß auf die Gestaltung der Dinge innerhalb des Judentums geltend zu machen. Sie hat mit ihrer Liste gewissermaßen bei der politischen Welt ihre Visitenkarte abgegeben. Ob sie bei diesem ersten Auftreten mehr oder weniger Mandate erlangte, tut nichts zur Sache. Die Bedeutung der Aktion liegt darin, daß die Glaubenstreuen im politischen Kampfe ein Lebenszeichen von sich gegeben und auch einen unter den gegebenen Verhältnissen als Sieg zu bewertenden Erfolg errungen haben. Denn die Bedingungen, unter welchen die Glaubenstreuen in den Wahlkampf eintraten, waren die denkbar ungünstigsten. Ohne Wahlrontine, ohne ausgebildetem Agitatorenstab, ohne Prppagandaapparat, ohne auf die Förderung seitens der Tagespresse rechnen zu können, ohne Agitatorenschule, ohne Rebnersiille, ohne Wahlfonds — mit einem Worte: ohne all der Instrumente, die die. Voraussetzung einer Wahlkampagne sind, setzte die Wahlaktion der Orthodoxie ein und mit den nur denkbaren bescheidensten Mitteln wurde der Wahlkampf geführt. Wenn es trotzdem Mnngen ist, mit dem ersten Schlage drei Mandate Hu. erhalten, so.-, ist dies ein Sieg, der sich neben dem Ernebnis für die anderen Parteien sehen läßt. Diese haben , es der Orthodoxie keineswegs leicht gemacht, ihren Erfolg zu erringen. Ganz besonders waren es die Nationalisten, die, aus noch heute unbegreiflichen Gründen, gegen die Orthodoxie einen Kampf geführt haben, der mw>Rücksichtslosigkeit und Skruppellosigkeit nichts zu wünschen*, übrig, ließ. Nichtsdestoweniger konnte die orthodoxe Liste eine verhältnismäßig ansehnliche Anzahl Stimmen erhalten.. Äpter diesen' Umständen kommt dem Wahlerfolge der Orthodoxie tine erhöhte Bedeutung zu. Die Bedeutung des Wahlrestrltakes liegt>auch darin, daß die Orthodoxie, die sich bisher von alkn polmschen Wahlaktionen fern gehalten hat, zum erstenmal die Wiglichkeit erhielt, die Schar ihrer Anhänger zu überblicken. - Die'Zahl derselben ist keineswegs gering. Man darf nicht vergessen, daß das Kultuswahlrecht derart konstruiert ist, daß gerade die. orthodoxen Kreise am wenigsten.zur Teilnahme an den Wahlen berufen sind. Aber selbst die Gesamtzahl der glücklichen Kultuswähler bildet nur einen kleinen Bruchteil der jüdischen .Bevölkerung Wiens. 18.000 Wähler bei einer Seelenzahl von 290.000 — das ist kaum 10 Prozent. Dabei haben bloß etwa 60 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimmen abgegeben. Man kann sich daher ohne viel Phantasie ein Bild von der Stärke der Glaubenstreuen in Wien machen, wenn sie selbst unter den ungünstigsten Verhältnissen etwa 900 Stimmen erhielten, was im schlimmsten perzentuellen Falle einen Anhang von 10.000 ergibt. Man wird es nicht mehr wagen dürfen, von einem „Grüppchen" zu sprechen. Eine besonders große Tragweite kommt dem Umstand zu, daß das Wahlergebnis die Tatsache an den Tag gebracht hat, daß es selbst in dem vom eigentlichen jüdischen Leben abgerissenen äußeren Bezirken Wiens Glaubenstreue gibt, die den Kern sür ein reges religiöses Leben abgeben. Die wenigen Stimmen, die in den äußeren Bezirken auf die orthodoxe Liste abgegeben wurden, liefern den Beweis, daß „lau almon Jisroel", daß auch in einer nichtjüdischen' Umgebung die Thoratreue vorhauden ist. Für die künftige Arbeit der Orthodoxie, für die zurzeit in Angriff sich befindliche Organisationsarbeit bietet das Ergebnis der Wahlen in diesen Bezirken einen wichtigen Fingerzeig. Dem Erfolg der orthodoxen Liste kommt aber noch nach einer anderen Richtung eine große Tragweite' zu. Entgegen allen anderweitigen Behauptungen war es keineswegs die Schiffschul, die in den Wahlkampf eiugegriffen hat, sondern die Agudas Jisroel, in deren Namen, die Aktion geführt wurde. Es beliebte unseren Gegnern, die ganze Sache als eine Aktion der Schiffschul^ darzustellen, um die Glaubenstreuen aus dem Osten zu haranguieren, daß es die „ungarischen" sind, die in den Wahlkampf eingreifen, die ungarischen, die man der Unfreundlichkeit (?) gegen ihre Brüder im Osten zeiht. In Wirklichkeit ist nichts falscher als diese Behauptung. Die Verleumdungen, mit welchen die Schiffschul überhäuft wird, haben wir an dieser Stelle bereits wiederholt widerlegt und zurimgewiesen. Allein, daß es sich bei der Wahlaktion nicht um die „ungarischen" gehandelt har, dies geht hinlänglich daraus hervor, daß einer der drei gewählten Kandidaten der orthodoxen Liste ein östlicher ist, wogegen gerade die nationalistische Liste zwei „ungarische" Orthodoxe an 12. und 13. Stelle ausgenommen hat, die auch gewählt wurden, während die östlichen orthodoxen Kandidaten dieser Liste sich erst an 26. und 28. Stelle befanden und auch nicht gewählt wurden. Diese Tatsache spricht Bände und bedarf keines weiteren Kommentars. Wir sind übrigens überzeugt, daß die Glaubenstreueu aus dem Osten für die orthodoxe Liste votiert hätten, wenn sie nur wahlberechtigt wären, trotz dev Einzelnen, die sich aus bekannten Gründen in den Dienst der Natiollalisten gestellt und ihre Verleumdungsarbeit mitgemacht haben. Der Erfolg des Wahltages ist daher kein Sieg der Schiffschul, sondern ein Sieg der Weltorganisation Agudas Jisroel, die die Aktivität der Orthodoxie zum Ziele hat. Mit dem Eingreifen der Wiener ^thodoxie in den Wahlkampf und dem Erfolg dieser Aktion ist der erste Schritt auf dem Wege der Aktivitätspolitik der Orthodoxie getan. Von nun an wird man bei jeder wichtigen Frage über den Standpunkt der Orthodoxie nicht mehr zur Tagesordnung übergehen können. Man wird mit der Gruppe der Glaubenstreuen rechnen und ihren Wünschen und Forderungen Rechnung tragen müffen. Die Gegner der Orthodoxie werden sich von nun an hüten müssen, ihre Taktik der Ehrabschneiderei fortzusetzen. Während 799556

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