Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 23 (25.6.1920)
- Date
- 1920-06-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Jüdische Korrespondenz Seite 3 Orthodoxie gegenüber. Man frage die Leiter der galizisch en „Agudas-Jisroel", bei wem sie Hilfe und Förderung gefunden haben, als sie nach der Evakuierung Galiziens gezwungen waren, die Tätigkeit der Organisation nach Wien zu verlegen; wer ihnen zur Gründung und Erhaltung der Chadarim für Tausende Kinder verholsen hat,-wer für die religiösen und materiellen Bedürfnisse der unzähligen Flüchtlinge gesorgt hat, bevor die großen Hilfsaktionen eingesetzt haben? Man frage die in Wien weilenden Rabbiner und Dajanim, wie nicht minder die zahlreichen Takmide-Chachamim aus. Galizien, wer ihnen beigestanden ist in der ersten Zeit ihres Hierseins, in der Zeit, als der Zionistenführer es für richtig gefunden hat, die Abschaffung der Flüchtlinge zu fordern? Man erkundige sich schließlich bei den Flüchtlingen aus Palästina, was die zionisterseits so verleumdete Schiffschulleute für ihre Erhaltung und Heimbeförderung getan haben, während die zionistische Organisation für diese Äermsten aller Armen nicht einmal ein freundliches Wort hatte. Angesichts dieser Tatsache gehört wahrlich viel Mut dazu, gerade von dieser Seite gegen die Orthodoxie den Vorwurf zu erheben, sie . mache einen Unterschied zwischen der Orthodoxie des Westens und des Ostens. Im Gegenteil, bis zu einem gewissen Grade kann dieser Borwurf gegen die Nationalisten erhoben werden, und zwar gestützt auf ihre Kandidatenliste. Wenn sie sich schon dazu entschlossen haben, ihre Kandidatenliste für die Kultuswahlen mit einigen Angehörigen der Orthodoxie zu schmücken, um das Verlangen nach den orthodoxen Stiminen einigermaßen zu rechtfertigen, so haben sie zwei Vertreter d-er „ungarischenOrthodoxie", P. und A.,an 12. und 13. Stelle gesetzt, wo sie zumindest einige Chancen haben, obwohl gerade ihr Anhang kaum nennenswert ist. H i n g e g e n haben sie den Vertreter der „polnischen Orthodoxie", die ja-immerhin zahlenmäßig sehr stark ist, erst an die 26. Stelle gesetzt, wo'er nur als Zählkandidat figuriert. So berücksichtigen die Nationalisten die Interessen der polnischen Orthodoxie, nm welche ein solcher Hexentanz aufgeführt wird. Erwähnenswert ist, daß die Herren Nationalisten sich anderseits darauf verlegt haben, diejenigen Ostorthodoxen, die mit der organisierten Orthodoxie gehen, durch Drohungen und Terror znm Rücktritt zu zwingen. Das dürfte auch bei Herrn G. W. zutreffen, der sich genötigt sah, seinen Rücktritt von der Kandidatur dem zionistischen Organ bekanntzugeben, damit er endlich des von dieser Seite ausgehenden Druckes los sei. Wenn die Herren Nationalisten glauben, mit derartigen Mätzchen die Position der Orthodoxie zu erschüttern, so werden sie gar bald eine Enttäuschung erleben. Durch den Truck der öffentlichen Meinung in die Enge getrieben, hat sich das zionistische Landeskomitee veranlaßt gesehen, d eine offizielle Kundgebung zur Wahlbewegung zu veröffentlichen. Die ersten zwei Abschnitte der Kundgebung befassen sich mit der Frage des nationalen Katasters. Die Orthodoxie, die selbst auf nationaler Grundlage, freilich religiös-nationaler, steht, behandelt diese Frage bloß vom rein taktischen Standpunkt. Sie ist wohlnicht der Meinung, daß die Anerkennung der Juden als besondere Nation eine direkte Beeinträchtigung ihrer staatsbürgerlichen Rechte involvieren werde/ aber wenn die Herren Stricker und Genossen mit einer solchen Emphase versichern, sie werden es nicht zulassen, daß ein Zwangskataster eingeführt, und daß daraus eine Beeinträchtigung der Gleichberechtigung erwachse, so mögen wir nur die Frage aufwerfen, über welche Mittel die Herren denn verfügen würden, falls es in Oesterreich zu einem Regime Kunschak (was Gott verhüten möge) käme und dieses die Konsequenzen aus der nationalen Anerkennung der Juden anders als die Zionisten ziehen werden wollen? Glaubt Herr Stricker tatsächlich, imstande zu sein, mit seinen Reden das Unheil aufzuhalten!? Da liegt entschieden eine Selbsttäuschung, wenn nicht.gar ärgeres vor. Die Reden der Stricker und Plaschkes mögen gewissen Volksversammlungsteilnehmern imponieren, diese mögen die Preisfrage behandeln, ob Stricker oder Plaschkes ein besserer Volksredner ist — im Parlamente hat noch nie eine Rede die Gegner überzeugt, und es wäre schlecht um die Juden in Oesterreich bestellt, wenn sie bloß auf den Effekt der Stricker-Reden angewiesen wären. Interessanter als die ersten zwei ist schon der dritte Abschnitt, der folgendermaßen lautet: „3. Der Wiener Kultusgemeinde obliegt die Verttetung .aller in Wien wohnenden Juden, ohne Rücksicht auf deren politisches oder nationales Bekenntnis. Demgemäß haben selbstverständlich auch die Gemeindemitglieder, welche sich nicht als Nationaljuden bekennen, vollsten Anspruch auf Vertretung ihrer sozialen und politischen Rechte und auf Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse. Die Führung der Gemeinde muß so erfolgen, daß kein Gemeindemitglied einem politischen oder religiösen Zwang ausgesetzt oder m seiner Ueberzeugung gekränkt wird." Alles sehr schön und gut. Aber fragen möchte man, warum denn die Nationalisten die Aufstellung einer eigenen orthohoxen Liste so übel nehmen? Wenn sie selbst zugeben, daß der Kultusgemeinde die Vertretung aller in Wien lebenden Juden ohne Rücksicht aus deren politisches und nationales Bekenntnis obliegt, dann ist es ja nur recht und billig, daß alle diese Kreise durch eigene Vertreter in der Kahalstube repräsentiert sind. Warum also dieser wilde Haß gegen die anderen Listen, der vor keiner Verleumdung und Verdächtigung zurückschreckt? — Fürwahr, mit dieser Kundgebung haben sich die Nationalisten selbst gezüchtigt, sie haben selbst das Geständnis geliefert, daß ihre Taktik falsch und daß ihr Tun und Lcrssen unbillig ist. Stärker als jeder Gegner haben die Nationalisten die Hinfälligkeit ihrer Kampfesweise zutage gefördert. Parteiherrschaft und Berufspolitiker bilden den Krebsschaden eines jeden Volkes. Es war wirklich von Unheil, daß die Assimilanten durch Jahrzehnte hindurch unbeschränkt in der Wiener Gemeinde geherrscht haben und man wird es in allen jüdischen Kreisen als eine Befreiung empfinden, wenn diese Herrschaft am Tage der Wahl endgültig gebrochen sein wird. Hüten wir uns aber davor, den Teufel mit Betzebub auszutreiben und an Stelle der bisherigen Parteiherrschäft ein neues Parteiregime die Zügel ergreifen zu lassen. Da wird es kaum besser werden. Die Gefahr liegt da noch näher, als gleichzeitig mit dem Parteiregime eine Wirtschaft von Berufspolitikern droht, für die es gewähnlich keine höheren Interessen gibt, als die ihrer einseitigen Politik. Sagen wir es offen: Wir erblicken in der Eventualität einer nationalistischen Herrschaft in der Gemeinde eine große Gefahr für dieKehilla, für die Verwaltung und für den jüdischen Geist. Keine Phrase und keine Versicherung kann darüber hinwegtäuschen. Indem die Orthodoxie diese Gefahren bannen will, hat sie sich entschlossen, in den Wahlkampf eil,zugreisen und mit einer eigenen Liste aufziltreten. Getreu ihrem oemokratischen Charakter als Volkspartei enthält ihre Liste keine Namen mit klingenden Titeln, aber auch keine Berufspolitiker, Advokaten und Aerzte, sondern Männer aus dem Volke, die sich bisher im kleinen Wirkungskreise bewährt haben und die die Gewähr bieten, ln der Kahalstube keine Politik zu treiben, sondern für die Erfüllung der Aufgaben der Kultusgemeinde Sorge zu tragen. Wer die Schäden, die jede Politik der Verwaltung schlägt, kennt, der wird die Tragweite, die der orthodoxen Repräsentanz zukommt, richtig einzuschätzen wissen. Die Orthodoxie gibt sich daher der Erwartung hin, daß ihre Liste auch seitens jener Kreise Unterstützung finden wird, die nicht ausgesprochen zur Orthodoxie gehören. In erster Reihe erwartet sie naturgemäß die Förderung ihrer Aktion seitens der Glaubenstreuen, die, unbeirrt durch Seelenfängerei, Verleumdungen und Verdrehungen, der Fahne des unverfälschten Judentums treu geblieben sind. An diese ergeht der Appell, am Tage der Wahl nicht bloß selbst zur Urne zu schreiten und ihre Stimme für die orthodoxe Liste abzugeben, sondern auch für die Sache des Judentums Werbearbeit zu leisten. Wer zum Erfolg