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Jüdische Korrespondenz · 1920-06-25 · 23 (25.6.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
23 (25.6.1920)
Date
1920-06-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 23 Nichts ist dem glaubenstreuen Juden so zuwider, als G ö tz enoienst. Und Götzendienst im modernen Sinne dieses Wortes ist es, was unsere Nationalisten treiben. Keine Richtung, keine Gruppe verfügt über so viel Parteigötzen, wie unsere Nationalisten. Das Verdienst des Herrn X oder des Herrn A nach dieser oder jener Richtung soll nicht geleugnet werden, aber das bedingt nochnicht, daß er an jeher Stelle der berufene Mann sei. Es mag einer in der Naüonalversammlung oder im Gemeinderat bis. zu einem gewissen Grade seinen Mann stellen und dennoch nicht für die Leitung der Kultusgemeinde berufen sein. Die Herren sollten sich mit der politischen Krone begnügen und die religiöse Krone denjenigen überlassen, die dafür Sinn und Verständnis haben. Die Makkabäer hatten sicherlich um das Judentum große Verdienste, zumindest ebensolche, wie die Herren Stricker und Plaschkes. Als aber einer ihrer Nachkommen zur Hohenpriesterwürde greifen wollte, wurde ihm zugerufen: begnüge dich mit der Königskrone und lasse die Priesterkrone den Nachkommen Aharons. Götzen, die alles können, sind für die Orthodoxie nicht vorhanden, um so weniger, wenn es sich um Männer handelt, deren Interesse für das Judentum nicht einmal so weit geht, um sich der Mühe zu unterziehen, das „Alef-Beth" zu erlernen. Diesem kommt ja zumindest eine nationale Bedeutung zu... Als überstüssig erachtet es die Orthodoxie, noch besonders auf den Gegensatz zwischen ihr und der Assimilation hinzuweifen. Der Weg der Orthodoxie ist so weit entfernt vordem der Assimilation, daß kein Glaubenstreuer der Gefahr ausgesetzt ist, irre zu werden. Ganz anders verhält sich die Sache dem Nationalismus gegenüber. Dieser liefert unter der Marke des echten Judentums einen minderwertigen, vielfach schädlichen Ersatz. Da ist es leichter, Seelenfängerei zu betreiben und „Gefangene" heimzuführen. Vor Irreführung muß gewarnt werden. Die Glaubenstreuen müßten sich einmal darüber klar werden, daß nicht jeder Schönredner der berufene Führer ist. Am Tage der Wahl beginnt die Woche, die dem Bibelabschnitt „Balak" gehört. Bileam tvar ein Redner von Gottes Gnaden, unser Lehrer Moscheh war ein „Aral-Sefossaim" — und dennoch wird kein Jude darüber schwanken, wem er den Vorzug geben soll. Nicht auf die feingedrechselten Reden kommt es an, nicht der Phrasenschwall ist das wichtigste, sondern der eigentliche Inhalt, das Ziel, dem zugestrebt wird, die Taten. Und worin bestehen die Taten unserer Nationalisten? Haben sie dem Judentume und den Juden wirklich die Erlösung gebracht? — Nie ist es den Juden und dem Judentum e so schlecht ergangem, als in den letzten Jahren, da der Nationalismus angeblich die herrschende Partei im Judentume geworden ist. Nie hat die Taufseuche so furchtbar grassiert, nie ist die Zahl der Mischehen so groß gewesen, als gerade in der Periode des Nationalismus. Nie hat es sovielPogrome gegeben, nie ist so viel unschuldig jüdisch Blut vergossen worden, als in der Zeit nach dem Siege der Entente, von dem sich unsere Nationalisten so viel versprochen haben. Für die Zustände, die heute in Mittel- und Osteuropa herrschen, sind die Friedensverträge von Versailles, St. Germain, Neuille und Trianon verantwortlich, das.Diktat derjenigen, für deren Sieg die Weizmann und Sokolow so stark eingetreten sind. Freilich, unsere Nationalisten verweisen auf San Pemo und posaunen ihren Sieg in allen Tönen aus. Abgesehen davon, daß es erst der kommenden Generation zuftehen wird, darüber zu entscheiden, was San Remo den Juden und dem Judentume gebracht hat, so genügt es, auf die heutige Lage im heiligen Lande hinzuweisen, um zu verstehen, daß sich die Herren Zionisten Hüten müßten, voreilig den Lohn für ihre Arbeit zu fordern. Es mag — von den Pogromen abgesehen — darauf verwiesen werden, daß das in Jerusalem erscheinende hebräische Tagblatt „Haarez" bitter darüber klagt, daß die jüdische Auswanderung (hört: jüdische Auswanderung aus Palästina in der Zeit von San Remo!) so^ gewaltige Dimensionen annimmt! Anstatt daß die" Einwanderung steigt, greift die Flucht aus dem Lande immer mehr um sich! Das ist das Bild des heutigen Palästina — fürwahr, die Herren Stricker und Genossen würden gut tun, etwas weniger Uebermut an den Tag zu legen. Und wie verhalten sich die Führer des Zionismus gegenüber dieser Erscheinung? Auch da genügt es, auf den Protest hinzuweisen, den der Londoner Oberrabbiner Doktor Gaster, ein treuer Zionist, im „Jewish Chronicle" gegen die Aeußerungen Dr. Weizmanns eingelegt hat,wonach „diejenigen Juden, die aus eigener Initiative (d. h. ohne Mitwirkung der zionistischen Organisation) nach Palästina kommen werden, dies auf eigenes Risiko tun und Gefahr laufen, ausgewiesen zu werden, falls sie dem Lande zur Last fallen sollten." Hört also, ihr Juden: so stehen die Dinge in Palästina; von einer Seite Auswanderung, von der anderen die Drohung, diejenigen, die etwa aus Liebe zum heiligen Lande,-oder angefacht durch den Zionismus, dorthin kommen werden, als „lästige Ausländer" auszuweisen... Und auf Grund eines solchen Standes der Dinge, der gar nicht trauriger sein kann, haben die Nationalisten die Kühnheit, ihren Lohn zu verlangen und auf die alleinige Führung allerjüdischen Angelegenheiten Anspruch zu erheben!... Um Mißverständnisse zu vermeiden, sei ausdrücklich, betont, daß die Orthodoxie den Nationalisten keineswegs das Recht absprechen will, im Kultusvorstand vertreten zu sein. Im Gegenteil, offen sei es zugestanden, daß die Zionisten als eine jedenfalls ernst zu nehmende jüdische Partei das vollste Recht darauf besitzen, in der Leitung der Kehilla eine entsprechende Repräsentanz zu haben. Wir geben auch offen zu, daß der Kampf gegen die bisherigen Machthaber in der Kahalstube, die die Gemeinde in furchtbarer Weise herabgewirtschaftet haben, gerechtfertigt ist und Unterstützung verdient. Nach dieser Richtung könnten ja die Aktionen der Nationalisten und. der Orthodoxie parallel laufen. Es wäre da vielleicht das „getrennt marschieren, vereint schlagen" angebracht. Allein, wenn die Nationalisten sich nicht bloß mit den: Kampf gegen die Assimilation begnügt haben, sondern auch gegen die Orthodoxie einen Kampf eröffneten, der an Rücksichtslosigkeit nichts zu wünschen übrig läßt, so mögen sie sich gesagt sein lassen, daß ihr Auftreten den Anschein erweckt, daß es sich ihnen, nichft bloß um die Sanierung der Verhältnisse in der Knltusgemeinöe handelt, sondern darum, die Alleinherrschaft zu erhalten. Und dazu, das sei festgestellt, sind sie doch nicht berechtigt. Ihre bisherigen Leistungen, die mehr Zukunftsmusik und in -mancher Beziehung zweifelhafter Natur sind, berechtigen sie keineswegs zu derartigen Ansprüchen. Sie mögen sich etwas bescheiden und von der Ruhmrederei ablassen. Ebenso würden sie im eigenen, wie im allgemeinen jüdischen Interesse gut tun, ihrer Ellbogenpolitik zu entsagen und sich im Kampfe gegen die anderen Parteien zulässigerer Mittel zu bedienen. Verleumdung, Verdrehung und Verfälschung der Tatsachen, Terror und Drohungen und schließlich Gewaltakte sind keine jüdische Sache. Ganz besonders verwerflich ist die Kampfmethode, die die Nationalisten der Orthodoxie gegenüber zur Anwendung bringen. Die Behauptung, die Orthodoxie arbeite der Assimilation in die Hände, ist eine elende Verleumdung. Der langjährige Kampf zwischen der Orthodoxie und der offiziellen Kultusgemeinde, die Weigerung der Orthodoxie, diese Gemeinde anzuerkennen, die Bildung der „Adas-Jisroel", die Aufnahme eigener Funktionäre und schließlich das bei jeder Gelegenheit betonte Bestreben, den Trennnngsgedanken zu verwirklichen und die Möglichkeit zur Bildung einer eigenen orthodoxen Gemeinde zu erhalten, all diese feststehenden Tatsachen strafen die Behauptungen Lügen, daß die Orthodoxie irgendwie mit den Assimilanten gemeinsame Sache mache. Nicht weniger nichtswürdig ist die Behauptung, die Schiffschul verhielt oder verhalte sich unfreundlich der östlichen

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