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Jüdische Korrespondenz · 1920-06-25 · 23 (25.6.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
23 (25.6.1920)
Date
1920-06-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K 50, halbjährigK 25, vierteljährig K 12*50. Ausland jährlich Iv 70. Einzelnummer 1 Krone. Organ für die Interessen des' orthodoxen Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. «in-. 23. Wien, 9. Thamuz 5680, 25. Juni 1920. VI. Jahrgang. An die glanbenstrenen KultustvShler. Wien, 25. Juni 1920. Nur noch zwei Tage trennen uns von dem großen Moment, da ihr berufen sein werdet, an der Urne zu erscheinen, um mit eurem Votum über das Schicksal der Wiener Kehilla zu entscheiden. Sozusagen in elfter Stunde erachten wir es als unsere Pflicht, noch einmal die Frage zu beantworten: was will die Orthodoxie mit ihrem Eingreifen in den Wahlkamps und was bezweckt sie mit der Aufstellung einen eigenen Liste? Im Gegensatz zu den anderen Parteien, die den Wahlkampf führen, bewertet die Orthodoxie ihre Anhänger als reif und erachtet es als überflüssig, sich demagogischer Mittel zu bedienen. Sie hat es nicht nötig, die Gegner so schwarz als möglich darzustellen, um desto weißer zu erscheinen, sie verwirft jeden Terror, jede Gewalt, jede Täuschung und Irreführung, sie hat es nicht nötig, mit Verdrehungen und Verleumdungen zu operieren. Die Orthodoxie hat nicht die Absicht, die Gemeinde zu „erobern". Sie ist sich darüber, klar^ daß die jüdische Gemeinde in Wien sich aus den verschiedensten Kreisen zusammensetzt und daß jede Strömung und Richtung, insofern^ sie nur das Gute will, das Recht hat, in der Gemeindeleitung vertreten zu sein. Schon dieser Umstand konnte die Orthodoxie von der Aufgabe entheben, den Wahlkampf mit jenen, unjüdischen Mitteln zu führen, die sich leider andere Parteien anzuwendeü erlaubten. Die Orthodoxie bezweckt mit ihrem Eingreifen in den Wahlkampf in erster Reihe innerhalb des Kultusvorstandes für die Wahrung der religiösen Interessen einzutreten, die bisher nicht genügend berücksichtigt wurden und denen gegenüber man gewissermaßen Toleranz übt. Für den Glaubenstreuen gilt das „Wajhi bijeschurun Melech!“ — Die Thora muß herrschend sein in Israel, sie muß im jüdischen Leben die erste Stelle einnehmen. Deshalb konnten die Versicherungen der bisherigen Machthaber in der Kehille, sie würden der Orthodoxie eine ziemlich starke Vertretung in der Leitung der Kultusgemeinde einräumen und ihre Wünsche berücksichtigen, nicht befriedigen. Die Vertreter des unverfälschten Judentums erwarten in religiöser Hinsicht keine Gnade und keine Rücksicht, sie erheben Anspruch auf Recht. Deswegen mußte die Orthodoxie auch den Lockrufen aus dem zionistischen Lager die Gefolgschaft versagen, weil auch die Nationalisten nicht besseres zu bieten hatten als die Versicherung, sie werden nichts gegen die Interessen der Religion unternehmen. Derartige negative Versicherungen waren die Juden oft aus dem Munde gerechter und wohlwollende»Nichtjuden zu vernehmen und mit Dank zu quittieren gewöhnt, — aus dem Munde von nonplus-ultra-Juden — und unsere Nationalisten geben sich als solche aus — derartiges zu hören, bedeutet eine Schmach, ein Aufgeben jeden Selbstbewußtseins. Der Jude, der an die Aufrichtigkeit seiner eigenen Gesinnung glaubt, der auf dem Boden der Thora steht, muß darnach streben, dieser Anschauung auf allen Gebieten des Lebens zum Durchbruch zu verhelfen. Tut er dies nicht, lauft er anderen Götzen nach, schwört er zum Programm anderer Parteien, die für die Thora höchstens eine gnädige Toleranz haben, dann verleugnet er sich selbst und gibt damit kund, daß er den Glauben an sich selbst verloren' hat. Das müssen sich jene angeblich Glaubenstreuen gesagt sein lassen, die, obwohl eine orthodoxe Liste aufgestellt wurde, zu nichtreligiösen Fahnen schwören und dadurch eine Schwächung der Glaubenstreuen herbeiführen, was sich später schwer rächen kann. Wenn die Repräsentanz der Orthodoxie in der Kehilla nicht wünschenswert stark sein wird, so wird das dem Verrat jener Kreise zuzuschreiben sein, die aus Unkenntnis der Verhältnisse oder aus gewissen einleuchtenden Gründen zuliebe das eigene Lager verlassen und zum Heerbann der Religionsgegner überlaufen. Denn das muß festgestellt werden: die Ideologie der Nationalisten ist a- und antireligiös undsie bemühen sich auch eifrig, dieselbe in Taten "umzusetzen. Es ist traurig genug, daß die Glaubenstreuen im heiligen Lande um die Wahrung der religiösen Interessen gegen diejenigen einen heftigen Kampf führen müssen, die sich brüsten, die „Geula", die Erlösung herbeigeführt zu haben. Die Glaubenstreuen bedanken sich höflichst für eine solche „Erlösung". Gerade, weil die Orthodoxie ein so großes Gewicht daraus legt, unentwegt und unbehindert für die Wahrung der religiösen Interessen einzutreten, mußte sie jeden Gedanken eines Kompromisses mit irgend einer Partei von sich weisen. Wollte sie im Kompromißwege Mandate erlangen, sie war dazu vor Jahren imstande, ohne Arbeit, ohne Kampf, ohne ihre Anhänger gemeinen Verdächtigungen und Verleumdungen, die gar oft die persönliche Ehre berühren, aussetzen zu müssen. Die Orthodoxie steht auf dem Standpunkt: klein aber rein! Mag ihre Repräsentanz in der Kultusgemeinde nicht allzugroß sein, sie wird sich rühmen können, aus eigener Kraft dazu gelangt zu sein und sich nicht durch Kompromisse kompromitiert zu haben. Auf dem Wege eines Kompromisses Mandate zu erlangen, das überläßt die Orthodoxie denjenigen, für welche das Mandat die Hauptsache ist, die Mandaten zuliebe zu unjüdischen Kampfmitteln greisen. Die Orthodoxie" ist kampfgewohnt, sie hat den Rummel der Reform überlebt, die Haskala-Periode überdauert und sie hat auch keine Angst, vom Nurnationalismus überrannt zu werden. Auch in der Periode der Reform, auch während des Haskaladranges gelang es den Wortführern jener Richtung, aus dem Lager der Glaubenstreuen Zuzug zu erhalten. Das hat aber die Orthodoxie nicht dazu veranlaßt, ihre Abwehrposition aufzugeben. Das Schlagwort, daß die Orthodoxie Anhänger verliert, wenn sie sich dem Nationalismus entgegenstellt, verfängt beim Glaubenstreuen nicht. Nur faule Früchte fallen vom Baume. Wen das Herz zum Nationalismus zieht, mag getrost den Weg dorthin finden. Seinetwegen wird kein guter Jude dasselbe tun.

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