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Jüdische Korrespondenz · 1920-06-18 · 22 (18.6.1920) · page 8

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
22 (18.6.1920)
Date
1920-06-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Jüdische Korrespondenz Nr. 22 von Palästina ernannte Sir Samuel unmittelbar der englischen Regierung unterstellt und dieser verantwortlich sein werde. Der genaue Zeitpunkt, an welchem derselbe sein Amt übernehmen wird, werde von der Regierung binnen kurzem mitgeteilt werden. General Deedes soll sich demnächst nach Palästina begeben. Es verlautet, daß er dorthin als erster militärischer Berater Herbert Samuels reist. (Das Begräbnis „Reb Motteles".) Aus Jerusalem wird berichtet: Zu einer ganz eigenartigen Kundgebung gestaltete sich das Leichenbegängnis des chassidischen Rabbiners Mordechai Twerski, verarmter dem Namen „Reb Mottele" in Jerusalem bekannUwar. Reb Mottele, ein Greis von 70 Jahren, ließ sich am 5. April nicht durch die Unruhen zurückhalten und ging zum Köttel Maarawi, um dort ein Gebet zu verrichten. Neben der Klagemauer wurde er von Arabern überfallen und samt seinem Diener durch Stockhiebe schwer verwundet. Am 5. Mai erlag er seinen Verletzungen. — Der Leichenzug bewegte sich unter Beteiligung von vielen Hunderten von Chassidim, Schülern der Talmud-Thoras und Jeschiboth, über die Jaffastraße und durch die alte Stadt. Männer und Greise stritten um die Ehre, beim Tragen der Bahre zu helfen. Während des Begräbnisses waren fast sämtliche jüdische Geschäfte geschlossen. Der Leichenzug, der an und für sich eine stille Demonstration gegen den Jerusalemer.Pogrom darstellte, machte nicht geringen Eindruck in der ganzen Stadt. (Kossel-Maarawi.) Auf der Sitzung des Pro-Jerusalem Komitees, die am 10. Mai unter Vorsitz von Colonel Storrs stattfand, erhob Ben Jehuda Protest gegen das Vorhaben genannten Komitees, Ausbesserungen an der Klagemauer vorzunehmen. Er betonte, daß jede „Verbesserung" oder Aenderung die Originalität dieser historischen Stätte beeinträchtigen würde. (Die Orthodoxie und die Wahlen.) Rabbiner Kuk veröffentlichte vor der Wahl folgenden Beschluß: In der am Mittwoch, den 26. Nissan 5680, stattgehabten Plenarversammlung der Rabbinen des heiligen Landes wurde beschlossen: Der das Wahlrecht der Frauen enthaltende Paragraph der Wahlordnung verstößt gegen das jüdische Gesetz und gegen den nationalen Geist. Solange dieser Paragraph in Kraft bleibt, darf kein wackerer jüdischer Mann an der Delegiertenversammlung sich beteiligen. — Es wurde weiter beschlossen, folgende Resolution zu veröffentlichen: 1. Die allgemeine Rabbinerversammlung des heiligen Landes betont, daß eine Delegiertenversammlung von der Vollmacht der Gesamtheit getragen sein muß; dies wird nur möglich sein, wenn der beanstandete Paragraph gestrichen wird. Im anderen Falle wird die künftige Delegiertenversammlung lediglich eine Parteivertretung ohne nationale Vollmacht sein. 2. Die zu wählende Delegiertenversammlung hat keinerlei Vollmacht hinsichtlich irgendwelcher das religiöse Leben berührenden Angelegenheiten, seien sie privater oder öffentlicher Natur; diese Dinge unterliegen vielmehr ausschließlich der Kompetenz des allgemeinen rabbinischen Rates von Erez-Jisroel. — Ein Sonderaufruf des aschkenasischen Rabbinats (Diskin-Sonnenfeld) verbietet in den schärfsten Worten jede Beteiligung an der Wahl. (Orthodoxe Arbeiter-Bewegung.) Die „Agudath Hapoalim Hajehudim Harischonah Hajeruschalmith Hakelalith" (First Jerusalem United of Jewish Workmen’s Society) hat in ihrer jüngsten Plenarversammlung den offiziellen Anschluß an die Agudas Jisroel vollzogen. Die Statuten dieses Arbeiterverbandes wurden' am 30. April 1918 durch die englischen Behörden ratifiziert. Er steht auf streng religiöser Grundlage und umfaßt die konservativ gesinnten jüdischen Arbeiter und Handwerker aller Berufszweige. Die von den maßgebenden religiösen Körperschaften Jerusalems approbierten und gedruckt vorliegenden Statuten sind den Grundsätzen angepaßt, die von der Agudas Jisroel für die gegenwärtig in allen Ländern auf Grund des Aguda-Programms im Entstehen begriffenen Arbeiterverbände und Gewerkschaften aufgestellt wurden. Sie bezeichnen als Ziele des Verbandes: 1. Vertretung der Interessen der Jerusalemer Arbeiterschaft, 2. Arbeitsbeschaffung, 3. Gründung einer Krankenkasse, 4. Altersversorgung, 5. Waisenfürsorge, 6. qualitative Verbesserung der Arbeit und der Fabrikation in Jerusalem und im übrigen Palästina, 7. Beschaffung von Rohmaterial unb Bedarfsartikeln zu billigen Preisen für die Mitglieder, 8. Errichtung von Arbeiterwohnungen, 9. Eröffnung eines Depots für die Erzeugnisse der Mitglieder, 10. Gründung verschiedener Wohlfahrtsanstalten für die Mitglieder des Verbandes. Der Verband unterhält bereits einen Arbeiterfonds, der allerdings den gegenwärtigen Bedürfnissen nicht genügt. Eine unentgeltliche Handwerker- und Arbeiterschule wird demnächst vom Verband eröffnet werden. Zur Hebung ihrer kulturellen Lage nehmen die Mitglieder des Verbandes zu bestimmten Stunden an Lehrkursen teil, in denen Thora gelernt, aber auch Schreiben, Rechnen, Zeichnen usw. unterrichtet werden. Rundschau. (Hildesheimer-Feier.) Aus Berlin wird gemeldet: Am Sonntag, den 16. Mai, fand im Vorraum der Synagoge der Adas Jisroel-Gemeinde die Gedenkfeier des Rabbiner- Seminars zum hundertjährigen Geburtstag seines Begründers Dr. Esriel Hildesheimer statt, die sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung gestaltete. Der Rektor, Prof. Dr. Hoffmann, ein Lieblingsschüler Hildesheimers, gab ein Bild der Entwicklung der Anstalt unter Hildesheimer und nach dessen Heimgang und begrüßte die neueintretenden Dozenten. Er gedachte im besonderen der Wirksamkeit Prof. Barths und Jakob Sperbers, die in Dr. Grünberg ihren Nachfolger finden würden. Darauf nahni dieser und Herr Abraham Kaplan, die neu in den Lehrkörper des Seminars eintreten, das Wort, um ihrem Gefühl an diesem Tage Ausdruck zu geben. Kaplan, der in Litauen eine talmudische Schulung gewonnen hat, wie sie nur die dortigen Jeschibot vermitteln, sprach hebräisch von der Bedeutung und der Eigenart des Talmud. Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer sprach zum Schluß von der Neugestaltung des Rabbiner- Seminars. In großzügiger Weise wolle man darangehen, das Seminar auch zu einer Hochschule für alle diejenigen auszugestalten, die Interesse an den im Seminar gelehrten Disziplinen haben. Es sollen neben Kursen für Studierende und berufstätige Leute aller Art in jüdischen Fächern, auch solche in profanen Fächern für Ausländer eröffnet werden. Damit würden die Lieblingspläne, für die sowohl der Misrachi wie die jüdische Presse eingetreten sind, verwirklicht werden. Zur Fundierung dieser Aktion ist eine „Hildesheimer-Jubiläumsspende" errichtet worden, für die beizutragen jeder als seine Pflicht ansehen wird, dem die Pflege der jüdischen Wissenschaft am Herzen liegt. Der Vortrag eines Gebetes bildete den Schluß der Feier. (Das Organ der deutschen Katholikenpartei gegen den Antisemitismus.) Die „Germania", das Organ der deutschen Katholikenpartei, des Zentrums, bringt einen bemerkenswerten^ Artikel, in dem sie sich mit großer Entschiedenheit gegen den Antisemitismus erklärt. Die „Germania" warnt die deutschen Katholiken, den antisemitischen Verlockungen zum Opfer zu fallen und die Judenhetze zu unterstützen, die sich letzten Endes auch gegen sie richtet. „Wir wollen", schreibt die „Germania", „ganz davon absehen, daß der Antisemitismus gegen ein Grundprinzip der christlichen Lehre der Nächstenliebe verstößt. Schließlich bedeutet der Antisemitismus auch eine politische Gefahr. Wir haben ja eben erleben müssen, zu welchen Resultaten die antisemitische Agitation führen kann. Es ist gewiß kein Zufall, daß der Antisemitismus besonders heftig auflebt, wenn es irgend etwas zu verschleiern gibt, wenn bestimmte Kreise ein Interesse daran haben, die Aufmerksamkeit von anderen Dingen auf die Juden zu lenken. Dann sollen diese an allem schuld sein. Früher machte man sie für Hungersnot und Pestilenz verantwortlich, jetzt sollen sie den verlorenen Krieg und unser ganzes Elend allein verschuldet haben. Gewiß tragen auch die Juden ihren Anteil von Schuld an unseren heutigen Zuständen, aber er ist nicht größer als unser aller Schuld. Und dann sollte doch die Tatsache besonders zu denken geben, daß gerade die Träger des politischen. und wirtschaftlichen Rückschrittes die eifrigsten Befürworter und Förderer des Antisemitismus sind. Es ist an der Zeit, einen deutlichen Trennungsstrich zwischen ihnen und uns zu ziehen."

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