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Jüdische Korrespondenz · 1920-06-18 · 22 (18.6.1920) · page 9

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
22 (18.6.1920)
Date
1920-06-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 22 Jüdische Korrespondenz Seite 9 (Zentrum gegen Zionismus.) Der von der „Germania" vertretene Flügel der Zentrumspartei macht jetzt anläßlich der Beschlüsse von San Remo über Palästina gegen den Zionismus mobil. Das einflußreiche klerikale Blatt schreibt: „Die,Germania' hat im Verlause des Krieges sehr oft auf die zionistischen Bemühungen in den beiden gegnerischen Lagern hingewiesen und zum Ausdrucke gebracht, was für eine Benachteiligungder Kirche und der ganzen Christenheit es wäre, wenn Palästina in erster Linie den Juden zur Verfügung gestellt würde. Sowohl bei den Mittelmächten, als bei der Entente waren einflußreiche jüdische Kräfte an der Arbeit, um auf alle Fälle, wie der Weltkrieg auch ausgehen möge, die Durchführung der zionistischen Pläne sicherzustellen. Es ist ihnen gelungen, auf beiden Seiten ein geneigtes Ohr zu finden und es sah fast so aus, als ob Vierbund und Vielverband in der Beachtung und Befolgung der jüdischen Ratschläge wetteifern wollten. Ohne irgendwie Antisemit sein zu wollen, kann man es nur tief beklagen, daß die Katholiken der verschiedenen Länder in der hochwichtigen palästinensischen Frage nicht dieselbe Rührigkeit entfaltet haben und somit der Heilige Stuhl in San Remo nur relativ bescheidene Forderungen erheben und durchsetzen konnte. Doch ist noch nicht alles verloren, und es gehört zweifellos zu den wichtigsten Aufgaben der jetzt überall sich ankündigenden internationalen katholischen Organisationen, auf Palästina ein wachsames Auge zu haben und für die Christenheit zu retten, was noch zu retten ist." — Welche Benachteiligungen die Christenheit von einer toleranten jüdischen Verwaltung Palästinas zu erwarten hätte, vergißt das Zentrnmsorgan anzuführen. (Soldatenexzesse in Wilna.) Der „Tag" von Wilna berichtet: Am 27. und 28. Mai gab es in Wilna wieder Exzesse gegen die Juden. Soldaten, welche mit den Truppentransporten angekommen waren, trieben sich in der Stadt umher. überfielen in der inneren Stadt, der Halle und der Stefansgasse die vorübergehenden Juden, schnitten ihnen die Bärte ab, mißhandelten sie und beraubten sie auch in einigen Fällen. Besonders arg war das Treiben, als die uniformierten Huligans einige Straßen absperrten, in denen sie ihre Gewalttaten verübten. Der Wilnaer Rabbiner Rubinstein wandte sich an den Kommandanten der 7. Armee mit der Bitte um Abhilfe. Der Kommandant gab telephonisch dem Stadtkommando Auftrag, starke Patrouillen zum Schutze der bedrohten jüdischen Bevölkerung auszusenden. Die jüdische Bevölkerung ist noch immer in Unruhe und Schreck. (Der wirtschaftliche Ruin der russischen Juden.) Ein Mitglied der Abordnung russischer Konsumgenossenschaften, die sich vor einiger Zeit in Kopenhagen aufhielt, machte dem Berichterstatter der „Jewish World" nähere Angaben über die wirtschaftliche Situation der russischen Juden. Er äußerte hierbei, daß eine nennenswerte Auswanderung nach Amerika oder Palästina in absehbarer Zeit nicht möglich sei. Die einzige Hilfsmöglichkeit bestehe darin, den russischen Juden Land zu geben. Die Sowjet-Regierung sei auch geneigt, Land für jüdische Jnnenkolonisation zur Verfügung zu stellen. (Proportionale Einwanderung nach Amerika.) Der nationale Ausschuß für „konstruktive" Einwanderungs- . Gesetzgebung hat im RepröMtantenhaus ein Gesetzprojekt, betreffend die Immigration, emgebracht. Danach soll die Kontrolle der zukünftigen Einwanderung einem Ausschuß übertragen werden, der aus den Staatssekretären für Arbeit, Handel, Inneres und Agrikultur sowie einem speziellen, vom Präsidenten zu ernennenden Vertreter bestehen soll. Die Zahl der zugelassenen Einwanderer soll im Verhältnis zur Gesamtzahl der im letzten Jahre in Amerika naturalisierten Bürger aller Staaten bestimmt werden. Es sollen bloß zehn Prozent dieser Gesamtzahl zugelassen werden. (Hebräisch und Bibel.)"Jn einer seiner letzten Nummern weiß das Organ der Misrachisten „Hamisrachi" in Warschau eine lehrreiche Geschichte aus dem heiligen Lande zu erzählen. Ein Herr teilt mit, wie er sich mit zwei elf- bis zwölfjährigen Knaben unterhielt, die eine hebräische Schule in Palästina besuchten und perfekt Hebräisch sprachen sowie große Kenntnis der modernen hebräischen Literatur aufwiesen. Der Gewährsmann zog ein „Chumesch" aus der Tasche und wollte dem Knaben einen Satz daraus zitieren. Wie groß war jedoch sein Erstaunen, als die Knaben das Buch mit großer Neugierde betrachteten und fragten, was für eine Schrift dies denn eigentlich sei? Sie hätten bisher von der Existenz eines solchen Buches gar keine Ahnung! So also soll die „Hebräisierung" aussehen? Mit solchen Methoden soll unsere Jugend „jüdisch" erzogen werden! (Ein neuer Chacham-Baschi.) Der Oberrabbiner von Adrianopel, Chajim Bigerano, ist zum stellvertretenden Chacham-Baschi als Nachfolger Haim Nahoums gewählt worden. Nahoum reist nach Paris ab, wo sich seine Familie befindet; er hat sich durch die Motivierung seiner Demission — Ausschluß der ausländischen Gemeindemitglieder vom Wahlrecht — jedenfalls einen guten Abgang bereitet. Die „Sanzer-Klaus" m Wien. Vom Vorstand der „Sanzer-Klaus" erhalten wir folgende Zuschrift: Seit 54 Jahren besteht in Wien. II., ein Bethausverein „Sanzer- Klaus", in welcher hervorragende Talmudisten, die Besten unter den Guten, ihre religiöse Andacht verrichteten. Dieser Verein war infolge fortwährender Kündigung gezwungen, oft seine Bethausstätte zu wechseln, und vor kurzem war er sogar der gänzlichen Ausmietung preisgegeben. Dadurch wäre eine altehrwürdige, allgemeine Einrichtung zugrunde gegangen. Die Bethausbesucher sowie die Einrichtungsgegenstände, Sifreh Thoras, und heilig gehaltene Bücher waren nach allen Windrichtungen zerstreut. Der Vorstand des Vereines setze seine ganze Hoffnung darauf, an Herrn S. Komet heranzutreten, der für die Juden in'Wien schon verschiedene humane Institutionen und ein Bethaus gegründet hat, und diesbezüglich einen besonderen Ruf genießt, um einer Zersplitterung oder gar Auslösung vorzubeugen. Und es darf kein Zweifel darüber walten, daß Herr Komet allein berufen war, die Angelegenheit zu festigen und zu fördern. Trotz aller bekannten Schwierigkeiten der Wohnungsverhältnisse, vergessend auf seine eigene geschwächte Gesundheit, ist es Herrn Komet mit Aufwand aller Energie gelungen, Räumlichkeiten im eigenen Hause, Floßgasse Nr. 9, freizumachen, diese sogar noch zu erweitern, und so den Verein, der knapp vor der Auflösung stand, in geeigneten Lokalitäten unterzubringen. Noch mehr fällt aber die Art und Weise der Uebergabe derselben ins Gewicht. Um den Bestand des Vereines für künftighin zu schützen 1 und zu sichern, vermachte Herr Komet diese Räumlichkeiten testamentarisch und grundbücherlich dem Vereine. Auch erließ er dem Bethausverein für immerwährende Zeiten die Mietbezahlung mit der Bestimmung, daß eine der Lebensaufgaben des Vereines bleibt, alljährlich aus den Einkünften und Spenden eine arme jüdische Tochter zu verheiraten, aus dem Vereinsvermögen die Auslagen des Hochzeitsfestes zu bestreiten und brüderlich an demselben teilzunehmen. Der Verein, hocherfreut über diese Bestimmungen, hat einstimmig den Beschluß gefaßt, alles aufs strengste und genaueste einzuhalten, und beschloß noch weiter, nach Ableben des Herrn Komet, dieses alljährliche Hochzeitsfeit an seinem'Jahrzeitstags zu feiern. Bei den Mitgliedern des Vereines und auch den auswärtigen Juden hat diese Neueinrichtung des Bechausvereines „Sanzer-Klaus" ein großes Interesse und hervorragenden Eifer hervorgebracht. Es entstand eine häufige Beteiligung am Vereine und es liefen allseits Spenden ein. Der Verein, dessen Bestehen mit dem Namen des Herrn Komet ewig verknüpft bleibt, ist ins volle Blühen und Gedeihen gebracht! Personalnachricht. Gratuliere herzlichst meinem Cousin, Herrn Chaim Hager, Sohn des Rabbiners Moses Hager s. A. aus Zablotürv, zu seinem vom Ehrwürden Herrn Oberrabbiner aus Buczaez bekommenen Rabbiuatsprüfungszeugnis (Uurmrwsa) und wünsche ihm viel Glück. Jakob Gottesmann. Neue Bücher. „Theodor Herzls Lehrjahre (1860—1895)." Nach den handschriftlichen Quellen von Leon Kellner. R. Löwit-Verlag. Wien-Berlin 1920. Preis geb. Mk. 10-—. — Zum erstenmal erscheint hier eine Fülle gänzlich unbekannten Materials aus dem Nachlasse Theodor Herzls, von Freundeshand geordnet und mit zahlreichen unveröffentlichten Bildnissen geschmückt, in Form einer feffelnd erzählten Biographie. Aus Briefen. Tagebuchblättern, persönlichen Erinnerungen und anderen Quellen läßt der Verfasser vor uns das Bild einer großen Persönlichkeit erstehen. Wir lernen Herzls Familie kennen, sehen ihn als Kind, als Jüngling, als Mann, im Kreise der Seinen und im Verhältnis zu seiner Umgebung, verfolgen mit Spannung seine ersten schriftstellerischen Versuche, seine Enttäuschungen und seine Erfolge, sein lange vergebliches Ringen um die Bühne, sein allmähliches Vordringen in der Journalistik, zu deren Meister er sich

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