Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 22 (18.6.1920)
- Date
- 1920-06-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3495278-3495461-3495482--1388-3497280- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 22 Seite 5 Jüdische Korrespondenz JUGENDGRUPPEN-BEIBLATT Jene Kerren, welche sich vor der Wahl und am Wahltage an der Agitation «nd an den anderen Woraröeiten beteiligen wollenmelden sich im Zentralwahktokat der „Wereinigten glaubenstreueu Iudenfchaft", II.» Atoßgasse 1. Rund um die Urne. Der Wahlkanipf ist entbrannt. In Kürze wird die Entscheidung fallen, ob es den Gesetzestreuen ermöglicht wird, die ihnen gebührende Position in der Gemeindestube der Wiener Judenschast einzunehmen. Der Kampf ist kein leichter, denn die skrupellose Gegnerschaft bedient sich bisher ungekannter, mit der hergebrachten jüdischen Gesittung schwer vereinbarer Mittel. Das überlaute Lager der Nationalisten hat aus der Rüstkammer seiner Schlagworte die populärsten herausgeholt, um die Wählerschaft zu berücken. Die leicht entzündbare Jugend mit ihrem Flattersinn und mit ihrer Freude an klangvollen Worten mengt sich, von dem Wirbel der Agitation getrieben, in unsere Versammlungen, wo sie den Mangel an Argumenten mit persönlicher Zudringlichkeit wettzumachen sucht. Nicht die milde Poesie Herzls spricht aus ihren Reden, nicht der Abglanz seiner hehren Persönlichkeit spiegelt sich itt ihrem Auftreten, aber auch nicht der ewig junge Zauber der jüdischen Lehre verleiht ihrem Eifer Adel und mäßigende Würde. Vielmehr wollen sie mit der Dissonanz eines wirren und betäu- . benden Kriegsgeschreies jedes nüchterne Wort übertönen, das rein und abgeklärt aus dem Born der jüdischen Tradition quillt. Ein verhängnisvoller Irrtum täuscht, euch junge Heißsporne, über den wahren Sinn des Judentums hinweg. Vor kaum einem halben Dutzend Jahre kamen viele von euch aus der Chederstube des Ostens in die „freie" westliche Atmosphäre und mitgerissen von dem Taumel der Großstadt, warfet ihr, wie einen Ballast, gar bald das. einzige Kleinod, den wertvollen Schatzden Limud Thora, ab. Von da ab begann der Weg der Irrungen. Ihr standet am Scheidewege. Der Kompaß war zertrümmert und so habet ihr den Heimweg, den Pfad zu euren Eltern verloren, denn vergesset nicht, ihr Stürmer und Dränger: das Judentum ist kein schillernder Regenbogen, der seine bunten Pforten, in einem kühnen Augenblick über Berg und' Tal, über Himmel und Wolken spannt, um im nächsten Momente in nichts zu zerstieben. Das Judentum ist kein leicht gezimmertes Lusthäuschen, wo im Dämmer träumerische Gestalten, heimatlose Schwärmer, krankhafte Dichterlinge, schöngeistige Grüße wechseln, kein Tummelplatz für obdachlose Gesinnungen! Das Judentum hat seineHeimstätte in dem festgefügten, Jahrtausende alten Bau des LehrundBethauses, dessenPfeiler denStürmen und derUngunst der Jahrtausende siegreichTrotz boten. Da gehet wieder hin, wo aus vergilbten Folianten verjüngt und nie gealtert die echte Lehre zutage gefördert wird, lauschet demütig und aufmerksam aus die Worte der begeisterten Lehrer, und ihr werdet Sinn und Deutung des Judentums wieder finden. Ohne Flitter und Tand wird es vor euch stehen, ohne irdischen Trug und ohne irdisch ohnmächtige Verheißung. Doch ihr jungen Worthelden, ihr werdet nicht kommen, denn eure Wege führen abseits von jenen Hallen, wo vor euch ungezählte Geschlechter Trost, Erbauung und Glück fanden. Diese Welt scheint euch überwunden und vom Zeitgeist belächelt und das ist der schmerzliche Zwiespalt, der unüberbrückbar unsere Lager trennt und uns die Pflicht auserlegt, den Schutzdamm des a'lten Judentums zu besteigen und ihn vor moderner Unterwaschung und Lockerung mit starker Hand zu schützen. Ein zukünftiges Geschlecht wird uns für diese entsagungsvolle Arbeit Dank wissen. a—. Jüdische Moral und Parleipotttik. Als Samson Rafael Hirsch in Frankfurt seine Gemeinde zu hoher Blüte gebracht hatte, war.es sein Bestreben, auch in der übrigen Judenschast wirken zu können. Er gründete in Frankfurt den Verein zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums, welches zur Folge hatte, daß sich bald in ganz Deutschland solche Vereinigungen bildeten, welche in enge Beziehungen zueinander traten. Diese freie Vereinigung war zugleich die Grundsteinlegung für die spätere Gründung der Agudas Jisroel. Rabbiner Hirsch hat es selbst gesagt, daß er es noch gerne gesehen hätte, wenn in der ganzen Welt solche Vereinigungen erstanden wären. Leider war ihm dies nicht mehr vergönnt. Aber durch seinen Chorew und durch seine 19 Briefe und nicht zuletzt durch seinen Jeschurun hat Rabbiner- Hirsch diesen Gedanken in das Judentum getragen, und diese Idee, vereint mit den Ideen des Chasam Soser und den Ideen eines Bal Schem Tow sind es, welche die Gründung der Agudas Jisroel bewirkt haben. Rabbiner Hirsch hat es für notwendig befunden, daß sich die glaubenstreue Judenschast in einen Verband zusammenfaßt und so, nach innen gekräftigt und nach außen stark, die Möglichkeit einer gemeinsamen Arbeit mit den Nichtreligiösen zu schaffen. So lange die Orthodoxie nicht nach innen fest organisiert ist, kann sie sich nicht der Gefahr anssetzen, die ihr bei der gemeinsamen Arbeit mit Nichtreligiösen droht. Stramme Aguda-Organisation ist die Vorbedingung für eine jüdische Einheitsfront. Der Chasam Soser hat gesehen, daß die einzige Möglichkeit, um dem verderblichen Einfluß der Reform entgegenzutreten, die Schaffung einer scharf gesonderten orthodoxen Organisation ist. Rabbi Bal Schem Tow hat gesehen, daß die einzige Möglichkeit, gegen das Ueberhandnehmen der Apikorsim aufzutreten, nur die ist, eine Organisation der Gesetzestreuen zu schaffen. Allerdings hat diese Organisation die Form erhalten, wie sie den Zeit- und Ortsumständen des Bal Schem Tow enffpricht. Rabbi Bal Schem Tow hat eine Organisation geschaffen, in deren Mittelpunkt der Zaddik, der Rebbe stand und in welche sich die Angehörigen dieser Organisation alljährlich mehrere Male tttder Zentrale dieser Organisation beim Rebbe eingefunden haben. Der Chassidismus, welcher das wahre Judentum in Polen erhalten hat, kann ebensowenig geleugnet werden, wie etwa, daß die durch den Chasam Soser geschaffene, stramme Disziplin der Orthodoxie das Thorastudinm in Ungarn gefördert hat und daß die freie Vereinigung, respektive der Gedanke der freien Vereinigung des Rabbiner Hirsch, gleichbedeutend mit dem Gedanken der heutigen Agudas Jisroel ist. Insbesondere waren diese drei Organisationen für die Jugend und für die große Masse notwendig. Daß die Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins der Thorajugend durch diese Bewegung gefördert wurde, ist selbstverständlich. Wenn nun die jüdischnationale Bewegung, deren schönste Leistung die Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins ist, eben die Hebung dieses jüdischen Selbstbewußtseins zurückstellt vor der Parteipolitik und die Agudas Jisroel, welche das jüdische Selbstbewußtsein heben will, aber sich nicht der zionistischen Organisation unterordnet, bekämpft, wie sie es beispielsweise getan hat, indem sie die Schlome Emune Jisroel, das ist die polnische Landesgruppe der Agudas Jisroel-Organisation, verleumdet hat, sie hätte der englischen Regierung gegenüber erklärt, die