Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 22 (18.6.1920)
- Date
- 1920-06-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Jüdische Korrespondent Seite 3 für die Kultuswahlen 35 Prozent der abgegebenen Stimmen erlangen. Noch einen scharfen Zugriff, und sie hatten Aussicht auf den Sieg. Nichtsdestoweniger haben sie kaum zwei Jahre später sich mit 2 (sage und schreibe: zwei) Mandate von 36 begnügt, um nur wenigstens zwei ihrer Führer in die Kultusstube hineinzubringen. Taucht da nicht der Verdacht auf, dieHerren wollten endlich einmal ihre Mandatsucht befriedigt sehen. Mit welcher Stirne wagt es die Strickerklique. heute der Orthodoxie Mandatsucht vorzuwerfen, die ja immer alle Mandatangebote der offiziellen Gemeinde abgelehnt hat. Die Männer, die heute an der Spitze der orthodoxen Liste stehen, könnten schon vor Jahrzehnten Kultusvorsteher sein, wenn sie sich mit der Assimilation irgendwie in ein Techtel- Mechtel einlassen wollten, nach dem Beispiel von Stricker und Genossen. Ja, diese Herren, die heute nicht genug über Siegfried Fleischer schimpfen können, haben sich seinerzeit mit ihm an den Kompromißtisch gesetzt. In dieser Beziehung sollten sie also weniger großsprecherisch tun. Sie rechnen zwar mit der Vergeßlichkeit der breiten Volksmaffen — aber so kurz ist das Gedächtnis weiter Volkskreise doch nicht. Auf das kurze Gedächtnis der jüdischen Oeffentlichkeit baut die Strickerklique auch mit der Behauptung, die Schiffschul-Orthodoxie habe sich der Ostjuden nicht angenommen, wogegen die Zionisten die einzigen Beschützer derselben sind. Was die Wiener organisierte Orthodoxie während der Kriegszeit für die Ostjuden getan hat, das können diese selbst bezeugen, das ist der gesamten Oeffentlichkeit bekannt und es hätte keinen Sinn, darüber noch einmal viel Worte zu verlieren. Allein, wir möchten Herrn Stricker und seine Hintermänner fragen, ob sie schon .die Aeußerungen Strickers im September 1914 im „Jüdischen Asylverein" vergessen haben? Ktingen ihnen die Worte des heutigen Hflzudenöeschützers Stricker nicht mehr in die HHren: „Wan muß alles anmenden, um uns die gallischen Aküchtkirrge vom Kats zu schaffen?" Haben sie chon den Verlauf der Gerichtsverhandlung vom 6. Mai 1916 Werke bezeugen die Frömmigkeit einer Persönlichkeit. Nur durch das ganze Leben, durch die Betätigung im Kleinen, durch das Verhalten der Freude gegenüber und dem Leiden, durch die Bewährung in allen Lagen wird das innerste Wesen des Mannes offenbar. Aber ist seine Seele rein und lauter, ist er schlicht und grad, hat er immerdar Gott gefürchtet, das Böse gemieden und das Gute getan, dann ist der Eindruck auf die Mitwelt unauslöschlich, und vor allem die Schüler.-preisen die Herrlichkeit des Meisters. Vielgestaltig und mannigfaltig ist Denken und Wollen der Menschen. Nicht jeder Schüler folgt der Weisung seines Führers. Sein Denken führt ihn in andere Richtung, er hält die Lehren seines Meisters für veraltet, sein Streben geht nach anderen fielen, er will nicht innerhalb der vermeintlich engen Schranken seines Lehrers sich betätigen. Aber war die Persönlichkeit des Führers lauter und klar, war die'Frömmigkeit echt, dann begegnet sich alles in gleicher Verehrung. Und so ist es unserem Rabbi ergangen. Zwei Stimmen wollen wir hören von Männern, die sich schieden in ihren religiösen Ueberzeugungen. Im „Israelit" des Jahres 1860« heißt es: „Willst Du Dir, lieber Leser, einen Begriff machen von diesem Manne? So nimm alle Tugenden, die den Menschen wie den Juden zieren, zusammen: echte, ungeheuchelte Gottesfurcht, unbegrenzte Menschenliebe, strengste Rechtlichkeit, unnennbare Begeisterung für unsere heilige Religion, unermüdliche Tatkraft, übermenschlichen Fleiß, wahrhaft antike Uneigennützigkeit, dabei staunenerregende Gelehrsamkeit in der Philosophie, in den exakten Wissenschaften, in den klassischen wie in den modernen Sprachen und namentlich in der speziell jüdischen Wissenschaft, im Talmud und den Poßkim, nimm Dir, lieber Leser, all diese herrlichen Eigenschaften und noch viele andere zusammen und denke Dir dann den Mann, den all seine Schüler schwärmerisch lieben, dem alle, die ihn kennen, mit der größten Verehrung anhangen, — denke Dir diesen Mann, der 70 Schüler um sich sammelt und sie Tag und Nacht Thora lehrt, dem Tausende und aber Tausende die größten Wohltaten verdanken, der viele Hungrige speist und vielen Kranken Verpflegung und Heilung zukommen läßt, deffen immerwährende»Kemilot Obesseä« niemals ermüdet." Und der Herausgeber der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" widmete unserem Rabbi einen Nachruf, aus dessen Worten die verhaltenen Tränen klangen, daß solche Schönheit verging, daß so Edles versank, und dies, weil auch er einst zu den Füßen dieses Mannes geseffen, weil auch ihm das Wunder dieser Persönlichkeit aufgeaangen und das Bild auf ihn wirkte über den weiten Weg hinweg, der thn jetzt von seinem Lehrer trennte. ° S- 376. vergessen, bei welcher Dr. S. R. Landau, der damals in seiner „Nationalzeitung" Stricker wegen dieser Aeußerung gebührend kritisiert hat und deswegen von Stricker für Ehrenbeleidigung geklagt wurde, vom Landesals Berufungsgericht mit der Begründung freigesprochen worden ist, daß er den Wahrheitsbeweis erbracht hat? (G.Z. Bl.XV.362/16.) Angesichts dieser durch Gerichtsverhandlung erwiesenen Tatsache gehört wahrlich eine außerordentliche Unverfrorenheit dazu, sich heute als Beschützer der Ostjuden aufzuspielen und diejenigen, die so viel für dieselben getan haben, zu verleumden. Das ist nicht nur unjüdisch, sondern auch unklug. Wer Butter am Kopfe hat usw. Die Herren Zionisten und ihre „Parade-Orthodoxen" versichern in einem fort, sie werden in der Kultusgemeinde schon die religiösen Interessen wahren. Wie es damit bestellt ist, beweist ihre Kandidatenliste. Die meisten, die an der Spitze stehen, können nicht einmal das „Alef-Beth" — man kann sich also leicht vorstellen, welches Verständnis sie für religiöse Fragen haben. Die angeblich orthodox-misrachistischen Kandidaten kommen erst an 12. und 13. Stelle, so daß sie kaum Aussicht haben, gewählt zu werden. Einer derjenigen, den sie zum Führer der angeblich hinter ihnen stehenden „30 orthodoxen" Bethausvereine ernannt haben, steht auf der Kandidatenliste erst an 26. Stelle. Diese Taktik bedeutet nichts als Verhöhnung der Glaubenstreuen, die sich den Nationalisten angeschloffen haben. Erwähnenswert sei noch, daß ein orthodoxer Bethausvorsteher, Herr^M. S., auf die Zumutung, er möge auf die zionistische Liste kandidieren, geantwortet hat: ich kann mit Poschim auf einer Liste.nicht figurieren. Diese Erklärung eines aufrechten Mannes ist eine moralische Ohrfeige für diejenigen, die angeblich auf dem Boden der Thora stehen und nichts dagegen haben, zusammen mit öffentliche Mechalle- Schabes zur Kultusgemeinde zu kandidieren. Beschämend ist es geradezu, wenn die Herren Stricker und Genossen bei jeder Gelegenheit feierlich versichern, sie hätten beileibe nichts gegen die jüdische Religion.... Man bedenke Ein Frommer ist er gewesen. Aber nicht von der Frömmigkeit, die in Gefühlen schwelgt, die aufgeht in den Kultus der Empfindungen. Die ganze Schale seines Zornes konnte er ausqießen über die, deren Gottesdienst, wie er sagte, „Lipppenwerk und Ohrengeklingel, jene Schlingpflanzen unserer Konfession, die keine Religion kennen, sondern nur Aesthetik, kein Gottesgebot, sondern nur äußeren Anstand/" Er nennt diese Frömmigkeit „deutschen Chassidismus, willkürlichen Kultus der Gemüter und inhaltlose süße Empfindelei."« Und wie mit der Front nach links, so mußte er auch nach rechts hin kämpfen gegen die Frömmigkeit des ungarischen Chassidismus. Das war ein mühseliger, aufreibender und unerquicklicher Kampf für ihn, mit Menschen zu streiten, die doch sein eigen Fleisch und Blut, denen er sich verbunden fühlte in der Achtung vor dem Gesetz. Die Phasen dieses Kampfes hier zu schildern, ist unmöglich. Genug, er war der Erste, der auf die Notwendigkeit des Kampfes hinwies, und er hat ihn ununterbrochen geführt, aber schwer hat er an ihm getragen und Schmerzliches gelitten, wenn er die Männer seines Bundes, die ihm zur Seite stehen sollten, reden hörte: „Schrecken rings um ihn! Lasset uns Abrede halten, vielleicht läßt er sich verführen, daß wir ihm beikommen können und unsere Rache an chm erleben." Und doch hat der Chassidismus einen berechtigten Kern, und doch bleibt es wahr, daß Frömmigkeit nur dem Menschen eigen ist mit tiefem Gefühl, und sicher hat der Sänger der Hallelpsalmen das Gottesgebot nicht geübt als angelernte Menschensatzung. Das Haus Jakobs ist ein Feuer, das Haus Josephs eine Flamme. Wir dürfen vom Osten lernen: unserem Gotte zu dienen in Freude und in lohender Begeisterung des Herzens. Und auch unser Rabbi hat sein deutsches Empfinden am Feuer des Ostens entzündet. Er hatte nicht Zeit, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben, denn bei ihm war in Wahrheit jede Minute einem heiligeren Zwecke gewidmet. Aber in Ruhepunkten seiner Tätigkeit brach es hervor so stürmisch heiß, so goldig warm. Zwei Momente nur führe ich Euch vor. die mir ferne Persönlichkeit so lebendig erhalten haben, als sähe ich ihn jetzt mit leiblichen Augen, als hörte ich den Klang seiner Stimme. Wenn er zu Chasara herabkam, die Früchte des Lernens zu pflücken, welch himmlisches Glück leuchtete da aus seinen Augen, wie strahlte sein Antlitz, verklärt von göttlicher Freude, wie ging dann ein Flüstern und Raunen durch unsere Reihen, wie wurde uns warm ums Herz, als weilte ein Engel in unserer Mitte! Und wenn wir die Nacht zum Feste der Offenbarung hindurch bei ihm gelernt und er vor dem vmuä trat. 7 Beleuchtung der von Professor Jeitteles versandten Broschüre „Die Emanzipation" S. 9. — - „Israelit" 1866, S. 213.