Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1920-06-18 · 22 (18.6.1920) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
22 (18.6.1920)
Date
1920-06-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3495278-3495461-3495482--1385-3497277
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 22 nicht erst argumentiert zu werden. Kein Mensch mit gesundem Sinn wird den Glaubenstreuen zumuten, sie könnten in den Kandidaten der „nichtjüdischnationalen Liste" irgendwie berusene Vertreter des Judentums erblicken. Eine Kampagne gegen diese Liste zu sühren, hieße offene Türen einrennen. Die Aufstellung der orthodoxen Liste ist Kriegserklärung und Kampf bis zur äußersten Konsequenz. Mehr wäre weniger. Ganz anders gestalteten sich die Verhältnisse, als die Herren Stricker und Genossen sich anschickten, die Kultusgemeinde zu erobern. Da hat man es mit einer Richtung zu tun, die aus Täuschung der Unbewußtsinnigen berechnet ist. Die Herren Zionisten wollen den breiten Volksmassenein Surrogatjudentum bieten, sie garnieren ihre areligiösen Bestrebungen mit einer falschen Etikette; sie, denen das religiöse Judentum zumindest gleichgültig ist, wollen gar glauben machen, sie und nur sie vertreten und verfechten das allein richtige Judentum. Da mußte eingegriffen werden, um Unheil zu verhüten. Die jüdische Oessentlichkeit, insoferne sie noch unverfälscht jüdisch fühlt und denkt, soll aufgeklärt und auf die Gefahr aufmerksam gemacht werden, die von dem „Mogen-David-Judentum" droht, das die Quintessenz des Judentums in derblauweißen Fahne und in einigen Brocken Hebräisch sieht, selbst wenn deren Inhalt eine Verneinung und vielfach eine Blasphemie der Thora darstellt. Da war es die heilige Pflicht der Glaubenstreuen, rechtzeitig in die Bresche zu treten und vor der drohenden Gefahr zu warnen. Mögen es unsere Nationalisten noch so übel nehmen: offen und unverblümt sei es gesagt, daß der moderne Nationalismus, wie ihn seine Wortführer predigen, eine Gefahr für das Judentum bedeutet, für welches das jüdsche Volk seit Jahrtausenden gelebt, gestritten und gelitten hat. Diese Gefahr ist umso größer und aktueller, als sich leider Männer finden, die aus Mandatssucht oder aus anderen einleuchtenden Gründen den Nationalisten Vorspann leisten und ganz offen „dem Blinden Rabbr Lsriel Hildesheimer Ein Lebensbild. Von Dr. I. W o h l g e m u t h. (Schluß.) Das alles, wie erwähnt, nur willkürlich gewählt aus der großen r des Vorhandenen, umfangreiche Broschüren, über viele Nummern erstreckende Artikelserien; aber alles beherrscht von dem einen Streben, vor die Bresche zu treten, die die Reform immer und immer wieder in die Mauern der Halacha zu legen versuchte. Nur wenn die Tradition angegriffen war, nahm er das Wort. Ein einziges Mal, als in den Beschlüssen der Rabbiner-Versammlung zu Mihalowitz die Reinheit und Schlichtheit der Halacha von der Hyperorthodoxie gefährdet wurde, gmg er aggressiv vor. Der erste der neun Beschlüsse dieser Versammlung lautete: Man müsse ein Gotteshaus verlassen, in welchem der Rabbiner in reiner Landessprache predigt. Aber auch hier ist er der Angriffene. „Die heilige Pflicht zwingt mich," heißt es dort, „diesen Artikel zu schreiben, der mir, ich täusche mich nicht darüber, nicht wenige Freunde entfremden dürfte und, was das Schmerzlichste ist, auch einige, die meine ganze Hochachtung und Verehrung genießen und immer genießen werden." Und jetzt entwickelt er an der Hand aller halachischen Quellen Inhalt und Umfang des Begriffes „Chukkol hagojim“ und prüft an diesem nun gewonnenen Maßstabe die neun Beschlüsse jener Rabbiner-Versammlung. Diese Artikel sind noch heute eine Fundgrv.be für wichtige halachische Fragen, wie alle seine Zeitungsartikel nicht für die Zeit, sondern für die Dauer geschrieben sind. Gedankenblöcke sind da aufgehäust, aus welchen gar mancher Baustein zu gewinnen ist. Die Form, in der sie geboten werden, erscheint freilich eigenartig. Unser Meister hat hier einen Fehler, den Fehler seiner Tugend. Er schrieb, wie er sprach, und er sprach, wie er dachte. Und seine Gedanken waren ein stetig sprudelnder Quell, ein reiß^der Gebirgsstrom, in den in jedem Augenblick von allen Seiten neue Bäche sich ergossen. So enthält oft eine Periode einen mathematischen Satz, einen Bibelvers, ein Zitat aus Shakespeare, einen talmudischen Ausspruch und eine lateinische Wendung. Und doch, wenn man in die Form sich versenkt, gewinnt auch der Moderne sie lieb, wie man die Natur liebt; denn hier ist ein Schriftmort, auf das die Heuchelei der Gesellschaft sich noch nicht erstreckt, man liebt sie, wie man Jean Paul liebt; und hier ist mehr als Jean Paul — den Zettelkasten trug unser Meister im Kopfe. Und auch das teilte er mit Jean Paul: in die bunte Fülle flocht er einen köstlichen Humor. Da übersetzt er ,6bataim tlräok rooh“: „Das ist der Fluch der bösen Steine vor die Füße legen wollen". Denn nicht anders als der bewußten Irreführung der glaubenstreuen Massen können wir das Verhalten jener Männer zeihen, die trotz der unleugbaren Gefahr, die seitens des Nationalismus droht, sich demselben während des gegenwärtigen Wahlkampfes zur Verfügung stellen und den Anschein zu erwecken helfen, als gehören die Glaubenstreuen zum nationalistischen Heerbann. Das Verhalten dieser Männer ist umso trauriger, als gar manche s i ch n i ch t s ch e u e n, a u ch d i e Au t o r i t ä t i h r e s „I i ch u ß- Aboth" in die Wagschale zu werfen und damit den Glauben zu erwecken, als wären ihre heiligen Ahnen (sechussomjogen ölenu) mit diesem Tun und Treiben irgendwie einverstanden. Das ist entschieden ein Autoritätsmißbrauch! Abgesehen davon, daß die Orthodoxie sich gezwungen sah, in die Wahlbewegung einzugreifen, gerade weil die Nationalisten sich anschickten, die Kehilla zu erobern, sieht sie sich während der Wahlkampagne zu einem Abwehrkampf gezwungen, da gegen sie ein niedriger Verleumdungsfeldzug geführt wird, tvie er ärger gar nicht zu denken ist. Es gibt keine Lüge, keine Verdrehung, keine Fälschung, mit der sich die Strickerklique nicht gegen die Orthodoxie bedient hat und bedient. Glauben denn die Herren so wenig an die Zugkraft ihres Programmes, daß sie zu derartigen schändlichen Mitteln greifen müssen? Ist ihnen die Angst vor einem Erfolg der orthodoxen Wahlliste so sehr in die Glieder gefahren, daß sie ganz einfach die Grenze zwischen zulässig und unzulässig aus dem Auge verloren haben? Ist dies der Fall, dann allerdings wäre ihre Taktik hegreiflich, nur müßten sie zugeben, daß sie.selbst nicht an iHren Sieg glauben. Die Verleumdung, daß die Orthodoxie mit den Assimilauten Hand in Hand geht, ist bereits widerlegt worden. Wir möchten aber bei dieser Gelegenheit noch darauf Hinweisen, daß die Herren Stricker und Genossen gar kein Recht haben, einen solchen Vorwurf zu erheben, da sie sich selbst im Jahre 1912 durch das Kompromiß mit der Assimilation prostituiert haben. Im Jahre 1910 konnten die Zionisten Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären/" Oder er schildert einen armen Bachur, „der im Bewußtsein seiner Armut gedrückt und anspruchslos auftritt, ohne Reisekoffer und Handtasche sich unfreiwillig zu einer alten Philosophie bekennt, die alles Ihrige mit sich trägt."- — Den Satz Geiger's: „Im Gebete ist das Zuvrel gefährlicher als das Zuwenig" glossiert er mit der Bemerkung: „Also wäre es wohl am besten, aus Besorgnis vor dem schrecklichen Zuviel, insofern nämlich kein Menschensohn absolute Grenzen abscheiden kann, lieber gar nichts zu beten, worin auch einige der Gemeinden, welche durch das Gebetbuch des Jahres 54 sehr gekräftigt sind, sehr nishar sein sollen."^ Oder er beurteilt die Geiger'sche Broschüre: „Notwendigkeit und Maß einer Reform des jüdischen Gottesdienstes" unter den vier Gesichtspunkten: „Sinn, Unsinn, Leichtsinn und Wahnsinn/" Doch alles zur Zeit: In Predigt und Streitschrift, da überlies er sich dem Fluß der Gedanken und Bilder. In seinen wissenschaftlichen Werken kam der Mathematiker in ihm zur Geltung, und der Philologe: gerade aufs Ziel, scharf disponierend, Tatsächliches bietend. In einer Zeit, da die Verfasser in dem Vorwort ihres Werkes sich in gemütliche Unterhandlungen mit „dem lieben Leser" ergingen, schickte er seine „Verwaltung der jüdischen Gemeinde zu Halberstadt'" mit dem Vorwort in die Welt: „Diese Arbeit soll einen dreifachen Zweck erreichen: 1. Vielfach verbreiteten Unwahrheiten entgegentreten; 2. die Gemeindemitglieder mit ihren Gemeinoeverhöllnifsen bekanntmachen; 3. einen Beitrag zur Geschichte der Israeliten in den letzten Jahrhunderten liefern." Punktum! Auch seine mathematische Begabung stellt er in den Dienst des Religiösen. Der Bericht der Rabbmatschule zu Eisenstadt vom Jahre 1868 enthält eine Berechnung der jüdisch-rituellen Masse und Geldwerte und „Die astronomischen Kapitel in Maimonides' Abhandlung über die Neumonds-Heiligung" ist der Inhalt des Seminar-Programms von 1880. Und eine Probe philologischer Akribie gab er in seinem letzten umfaffenden Werke, der Edition der Ralaebotb 6eäo1otb in vier Bänden, der Frucht seines Greisenalters, dem monumentalen Zeugnis seines Wissens in der Halacha. Doch Werke haben auch andere geschaffen, aber keiner hat wie er eine Schule gegründet, die Menschen gemodelt nach seinem Ebenbilde. Und dies, weil' keiner wie er sein Denken gelebt. Ein Denker war er und ein Frommer. Nicht Sprüche und Lehren, nicht Schriften und r«Motto der Broschüre: Beurteilung der Geiger'schen Broschüre usw. „Israelit" 1860, S. 333. Noch einmal über die Jeschiba-Angelegenheit. „Israelit" 1866, S.10. 3 Beurteilung der Geiger'schen Broschüre usw. „Israelit" 1860, S.358. 4 Ebendaselbst, S. 334. — * Halberstadt 1849.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.