Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 20 (4.6.1920)
- Date
- 1920-06-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Jüdische Korrespondenz Seite 5 stein, Wetterstein zu Kamenitsch, und viel Heiterkeit weckte die Verwandlung eines Herrn Hochsinger in einen Herrn Sopranitsch. Aber da in einem halbfeudalen Staate, wie es das habsburgische Kroatien ininier war, der jüdischen Bevölkerung der Handel fast als einziges Betätigungsfeld offen stand, ist es den Elementen, die sich von einer frisch-fromm-fröhlichen Judenhatz für ihre nicht gerade fortschriitsfreundlichen politischen Pläne allerhand versprechen, ein Leichtes, die Juden mit der Schuld für alle Lebensmittelschiebungen und Wuchergeschäfte, für das ganze wirtschaftliche Elend des Landes zu belasten, obwohl auch in Südslavien ganz andere Kreise von der allgemeinen Fäulnis nicht minder angefressen sind. Die Partei, die den Wiener Christlich-Sozialen wie aus dem Gesicht geschnitten ist, die „Kroatische Volkspartei" (llrvatska puvka stranlra) macht seit einiger Zeit ganz nach österreichischem oder deutschem Muster kräftig in Antisemitismus. Die Blätter dieser Partei, die, an sich schwach und wenig bedeutend, dltrch Anlehnung an die gleichgeartete „Slowenische Volkspartei" Kräfte gewinnt, haben das Schlagwort Judoslawien aufgebracht, stellen „das von Wohlleben, Behaglichkeit, Luxus und Champagner trunkene Judoslawien" dem „hungrigen, armseligen geschundenen und ausgebeuteten Jugoslawien" gegenüber, klagen die „jüdischen Blutsauger am Mark des Volkes" pathetisch an und warnen vor deni Schicksal Ungarns, das nach ihrer Darstellung durch jüdischen Einfluß — Judapest! — zu Grunde gegangen ist. Von diesem grobzölligen Antisemitismus indessen droht um so weniger Gefahr, als in ganz Südslawien und zumal in Serbien zur Entfaltung einer auf dem Glaubens- und Nassengegensatz aufgebauten Judenfeindschaft der rechte Boden fehlt. Rundschau. (Die Wahlbewegung in Wien.) Die Wahlbewegung im orthodoxen Lager ist nach wie vor sehr lebhaft und die Aktion gewinnt immer weitere Kreise. In der nächsten Zeit werden einige große orthodoxe Wählerversammlungen in den einzelnen Bezirken stattfinden. (Monarchismus und Antisemitismus.) Die Verhaftung des monarchistischen Agitators Hoynigg und seiner Genossen in Wien hat noch einmal den Beweis gebracht, daß die antisemitischen.Aktionen der Herren Orel und Genossen nichts anderes sind als reaktionär-monarchistische Unternehmungen. Hoffentlich werden nunmehr der breiten Oessentlichkeit die Augen ausgehen. (Die Reorganisation des Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisation Deutschlands.) Die zunehmende Notlage und Bedrohung der aus dem Osten ansgewanderten Flüchtlinge haben dazu geführt, daß die jüdischen Organisationen Deutschlands sich nach längeren Verhandlungen znsammengetan und das bereits früher bestehende Jüdische Arbeitersürsorgeamt zu einer Spitzenorganisation ausgebaut haben, der ausdrücklich die Vertretung und der Schutz der Flüchtlinge vor den Behörden und allen in Frage kommenden Stellen sowie die Einleitung zweckmäßiger sozialpolitischer Maßnahmen zum Wohle der Flüchtlinge Vorbehalten worden ist. Tie Räume des Arbeiterfürsorgeamtes befinden: sich jetzt Augnststraße 15. * (Der Taufschein des Abgeordneten Dr.Stransky.) Die „Tribuna" berichtet, daß im Klub der tschechischen nationaldemokratischen Senatoren Dr. Stransky als Vorsitzender des Klubs kandidiert wurde. Doch sei seine Kandidatur durchgesallen, weil sein Taufschein noch nicht alt genug sei. Als Obmann wurde-Dr. Franta gewählt. (Konferenz der jüdischen Ratsmänner in Polen.) Für den 31. Mai ist nach Warschau eine Konferenz der jüdischen Ratsmänner aus ganz Polen einberufen zwecks Besprechung der ökonomischen Lage der jüdischen Gemeinden in Polen. Einladungen sind an zirka 140 Gemeinden ergangen. (Die Wahlen in Rumänien.) Aus Czernowitz wird berichtet: Bei den hier abgehaltenen Wahlen in die gesetzgebenden Körperschaften wurde von der jüdischen Liste der gewesene österreichische Reichsratsabgeordnete Dr. Benno Straucher in die Kammer gewählt. Ein zweites Mandat erlangte der jüdische Sozialdemokrat Dr. Pistiner. (Die Wahlen in Karpathorußland.) Nach Informationen des „Ceske Slovo" werden die Wahlen ins Abgeordnetenhaus und in den Senat im karpathorussischen Gebiet bestimmt Ende Juli oder anfangs August stattfinden. Bei der starken jüdischen Bevölkerung dieses Gebietes ist mit der Wahl jüdischer Vertreter mit Sicherheit zu rechnen. (Einreisen von ausländischen Juden nach Bayern.) Wie wir vom Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands erfnhren, lausen ausländische Juden, insbesondere Flüchtlinge, die ohne besondere Einreiseerlaubnis sich nach Bayern begeben, Gefahr, ans bayrischem Gebiet sestgenommen zu werden, wo sie dann längere Zeit in Hast sitzen. Alle mit der Flüchtlingssürsorge betrauten Stellen, insbesondere auch die Durchreisekommissionen und Fürsorgestellen für Wanderarme werden gebeten, die Flüchtlinge entsprechend zu informieren, da es schwer fällt, für bereits schuldlos aus Unkenntnis in Hast Genommene ans bayrischem Gebiet die Freilassung zu erwirken. (Ein Totschlag bei einer Versammlung.) Ans Krakau wird berichtet: Dr. Schmarjahu Lewin, welcher zurzeit hier weilt, sprach letzteil Montag bei einem Massenmeeting über „Die Zukunft des Zionismus". Während in der darausfolgenden Diskussion der Bundistenführer Dr. Blum sprach, kam es beim Saaleingang zwischen den: 23jährigen Äimon Korngold, welcher auf die Tribüne gehen wollte, uni die Versammlung photographisch anszunehmen, imb einem gewissen Pejsach Glasmann zu einem Wortwechsel. Mitten in dem Wortwechsel zwischen Glasmann und Korngold zog Glasmann plötzlich ein Messer und stieß es Korngold ins Herz. Korngold war sofort tot. Das Begräbnis des ermordeten Korngold fand ans Wunsch feiner Eltern in aller Stille statt. (Hoover für die notleidenden Inden.) Ans Rew- L)ork wird gemeldet: Die Sammlung des Millionensonds für die jüdischen Notleidenden in Europa hat begonnen. Am 11. April fand ein Bankett im Aslor-Hotel in Anwesenheit von 2000 Personen statt. Nach einer Rede des ehemaligen Botschafters Elkus ergriff Hoover, der Leiter der amerikanischen Hilfsaktion, das Wort und schilderte seine Tätigkeit für die Hilssarbeit in Europa. Er wies ans die Leiden der Juden hin, die nicht nur als Menschen, sondern auch als Juden leiden, und forderte zu zahlreichen Spenden ans. Unter großer Begeisterung lvnrden 1!/'o Millionen Dollars gesammelt. (Ein neuer Stadtrat in Jerusalem.) Nach einem Telegramm der Zionist Commission hat die Verwaltung einen neuen Stadtrat in Jerusalem eingesetzt. Er setzt sich zusammen aus zwei Moslems, dem neuen Bürgermeister, Razel Nashashibi, zwei Christen und zwei Juden — Dawid Iellin und Dr. Levi. (Der türkische Vertrag.) „Times" bringen den offiziellen Text der Palästina-Klausel im türkischen Friedensvertrag: „In Ausführung des Bestimmungen des Artikels 22 des Vertrages wird die Verwaltung Palästinas einer Mandatarmacht übertragen. Die Wahl derselben und die Grenzregelung wird von den wichtigsten alliierten Mächten getroffen werden. Die am 2. November 1917 von der britischen Regierung erlassene Deklaration betreffs einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina, die von den anderen alliierten Regierungen gebilligt worden ist, wird bestätigt und der Wortlaut in den Friedensvertrag ausgenommen. Es wird auch eine Spezialkommission vorgesehen, deren Vorsitzender vom Völkerbund zu bestimmen ist, zum Zwecke des Studiums und der Regelung aller Fragen, die mit den Ansprüchen der verschiedenen Religionsgemeinschaften in Palästina Zusammenhängen. Die Bestimmungen des Mandates tverden von den wichtigsten alliierten Mächten festgesetzt und dem Völkerbund zur Billigung unterbreitet werden." Sarmliennachrichten. Ella Schlesinger und Max Freund (Wien). Verlobte. Für eine Flüchtlingsrabbinerfamilie wird um ein Paar Tefilin für einen demnächst Bar-Mizwah werdenden Sohn sowie um ein Kinderwägelchen für zwei anderthalb Jahre und fünf Monate alte Kinder gebeten. Eventuell Geldspenden hiefür. Gefällige Spenden an die Administration dieses Blattes.