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Jüdische Korrespondenz · 1920-06-04 · 20 (4.6.1920) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
20 (4.6.1920)
Date
1920-06-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 20 (Fortsetzung von Seite 2.) Reformen, die in einer den strengsten Anforderungen der mündlichen Lehre entsprechenden Weife, ganz in ihrem Sinne durchzuführen'ivären, sollten nicht mehr auf sich warten lassen. Es ist merkwürdig, Leute, die jede Stunde bereit wären für ihre Religion das Leben herzugeben, hüllen sich in ihre Gebetmäntel und verschließen die Augen vor dem, was draußen zu deren größten Schaden vorgeht, aus heilloser Furcht, daß der Ruf ihrer Frömmigkeit durch ihr Eingreifen Schaden leiden könnte. Das muß anders werden; wer es mit unseren Glauben gut meint, muß die sittliche Kraft haben, sich je nach Umständen von Fanatikern Epikureer und von Epikureern Fanatiker schelten zu lassen. Große Sorgfalt soll der hebräischen Sprache und' der Geschichte unseres Volkes zugewendet werden und noch größere der religiösen Unterweisung. Der Religionsunterricht soll von einem einheitlichen Geiste durchdrungen sein, so daß die Lehren über Gott und Welt, über Gut und Böse und über die dem höchsten Wesen genehme Verehrungsweise einander beleuchten und nach dem vorhandenen Maße der Fassungsgabe in Geist und Gemüt dringen. In der Ethik überhaupt wird der Lehrzweck nur dann erreicht, wenn der Unterricht aufs Einsehen und Erkennen abzielt, indem er die Lernenden zur Selbsttätigkeit anregt. Den: angemessen ist die Fassung der Sitteugesetze in unserer Thora, da strahlt der ethische Geist dem Denkenden entgegen und wird leicht zur Erkenntnis. Sie sollten samt ihren heiligen Grundlagen in ihrer ganzen Wahrheitstiefe bekannt sein und jedem Juden, gleichviel ob er gelehrt oder ungelehrt, gehegt werden. Warum es denn nicht so ist, kommt daher, daß der Religionsunterricht auf der einen Seite vielfach vernachlässigt oder nur handwerksmäßig erteilt wird und die Kanzelberedsamkeit, der es zustehen würde, alle in der Bibel enthaltenen Sittengesetze und alle zu ihnen in Beziehung stehenden Lehren unserer Weisen, ihren Zuhörern so oft und so eindringlich als nur möglich rückhaltslos vorzuführen, sich nicht selten in klingenden Phrasen erschöpft und daß man auf der anderen Seite, wo man sich wirklich um Thoralernen bemüht, durch Verirrungen in mystisches Dunkel oder durch sprunghafte verschobene Denkweise und auf Witz abzielende Spitzfindigkeit das Grundlegende, Einfache und Erhabene gar oft aus den Augen verliert. Auch das muß anders werden. Die Thora ist nicht bloß für sogenannte Seelsorger oder für Leute, die vermöge ihrer Vorbildung, ihrem Studium Interesse haben, sondern für alle Angehörigen der Jakobsgemeinde vererbt worden, darum sollte alles Offen- und Klarliegende von dem, was sie über Gott und Welt, Gute und Böse, Gottesdienst und Lebensheiligung lehrt, so in allen Volksschichten bekannt sein, wie es gewisse Dogmen in der Christenheit den Bekennen: sind. Die Beraubung unserer Vorfahren um Grundbesitz, Bürgerrechte und Menschenrechte hat uns schon frühzeitig zu einem Handelsvolke gemacht, was wir vornehmlich geblieben sind. Wie die über die Handelstätigkeit bei den verschiedensten Völkern vorliegenden Erfahrungen erweisen, führt der Handel viel leichter zum Verderbnis des Wahrheitssinnes, zur Unredlichkeit uud Unsolidität, als andere Erwerbsarten. Das macht uns vor allem eine Unterweisung der Jugend, die auf Wahrheitstreue hinleitet, zur besonders strengen Pflicht, enthebt uns indes nicht der naheliegenden Verpflichtung, unsere Kinder anderen Gewerben, die das Gewissen nur wenig oder gar nicht auf die Probe stellen, wo es nur möglich ist, zuzuführen. Daß eine Umschaltung der Erwerbsarten bei den Israeliten sich aus mehreren Gründen sehr empfehlen würde und daß dabei, wo nur irgend Gelegenheit vorhanden, in erster Reihe an die Hauptbeschäftigungen des Hebräervolkes, an Acker und Gartenbau, zu denken ist, ist leicht einzusehen. Arbeit, Ordnung und Tugend waren schon als Aufenthaltsbediugungen für die ersten Menschen im Paradiese in Geltung. Damit ist die Bestimmung des Menschen angedeutet. Wie traurig ist es, daß wir-neben so vielem Unglück und Elend, neben der namenlosen Pein sehr vieler Glaubensgenossen, die nicht wissen, wohin sie das müde Haupt legen sollen, neben so drückender Armut und Not, so viele Genußmenschen haben, die einen dummen und lächerlichen Luxus entfalten und überall, wo es lustig und liederlich hergeht, vordringlich obenan sind. Wie sehr gereicht es der Judenheit zum Nachteil, daß es so viele Arbeitsfähige in ihr gibt, die im Müßigsein, in Kaffeehäusern und in Unterhaltungslokalen ihre Lebenszeit und Gut und Glück ihrer Familien vergeuden. Auch dem muß mit kluger Energie begegnet werden. Wir brauchen unabhängige Volksredner, die solche Uebel ins rechte Licht stellen. Das könnten zur Not auch die Rabbiner sein, wenn sie zeitweise ihre Kanzeln von Ort zu Ort vertauschen würden, seitdem man sich in weiten Kreisen der Judenheit auf sich selbst besonnen und in die Selbsthilfe Vertrauen zu setzen begonnen hat, haben einzelne Philanthropen und neu gegründete philantropische Vereine sich bemüht, für die bedrängten und verdrängten Glaubensgenossen Heimstätten zu schaffen, in denen sie bei fleißiger Handarbeit sich ganz unangefochten ordentlich erhalten können. So sind Handwerks- und Äckerbauschulen und jüdische Ackerbau-Kolonien entstanden, in denen eine erhebliche Zahl Erwerbsuud Heimatsloser eine Existenz fanden. Von den letzteren haben die in Palästina gegründeten und allmählich zur Blüte gebrachten die größte Aufmerksamkeit erregt und vielfach Hoffnungen erweckt. (Fortsetzung folgt.) L. Mandl. Die Juden in Aidslawornen. Nach annähernder und wohl etwas zu hoch greifender Schätzung wohnen im Staatsgebiet des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen rund 100.000 Juden; ihr Anteil an der Gesamtbevölkernng, die zwischen 12 und 14 Millionen schwankt, beträgt also 0'7 bis 0-8 Prozent. Aber nicht nur ihre Zahl, sondern auch 'ihre Herkunft, Geschichte und Rolle ist, so führt Hermann Wendel in der „Frankfurter Zeitung" aus, in den verschiedenen Gebieten des jungen Staates nicht die gleiche. Als Jsabella die Katholische die Juden aus Spanien austrieb, fanden ihrer viele wie in der Levante so in Serbien und Bosnien unter dem Halbmond Schutz und Wohnsitze. Bei den serbischen Befreiungskämpfen zu Beginn des 19. Jahrhunderts leisteten sie durch Beschaffung von Kriegsgerät und Lebensmitteln aus Oesterreich gute Dienste, und oft und nicht umsonst appellierte Fürst Milosch in den folgenden Jahrzehnten an den Patriotismus der vermögenden jüdischen Familien. Rach Rechten und Pflichten unterschieden sich die serbischen Juden nicht von den anderen Landesbewohnern, denn wenn einem, so fehlte dem Serben, der eben noch als verachteter und geduldeter Raja unter dem türkischen .Herrenvolk gelebt hatte, die 'Lust, auf Träger anderen Glaubens und anderer Wesenheit überheblich herabzusehen. Aber aus politisch-wirtschaftlichen Gründen, um bei der griechisch-katholischen Kaufmannschaft eine Stütze zu finden, beschränkte nach dem Dynastie-Wechsel von 1842 Alexander Karadjordjewitsch das Aufenthalts- und Besitzrecht der Juden auf Belgrad, und derselbe Handelsneid zwang 1861 die zurückgekehrten Obrenowitsch, wider Willen diese Einschränkung der Freizügigkeit beizubehalten. Politische Rechte aber blieben den Juden; sie waren Wähler und wählbar; unter den acht Belgrader Abgeordneten der großen Skupschtina befand sich ein Jude. Da der Berliner Kongreß 1878 dem Fürstentum Serbien die bürgerliche Gleichstellung aller Bekenntnisse auferiegte, sind seitdem die allerdings dünn gesäten Juden, deren die Statistik 1910 insgesamt 5997, davon in Belgrad 4192 aufführt, nicht nur auf dem Papier, sondern in der Tat Serben unter Serben und zum größten Teil vollkommen nationalisiert. Einem demokratischen Staat dienen sie als Beamte und Offiziere, und 1912 wurde der Belgrader Kaufmann Moses Abraham, der als Soldat im 7. Infanterie-Regiment in einem entscheidenden Augenblick der Schlacht von Kumanowo mit der Fahne in der Hand „nach vorne ausriß" und so die fliehenden Kameraden zum Stehen und zu neuem erfolgreichen Angriff brachte, viel gefeiert, nicht obwohl und nicht weil er Jude war, sondern lediglich weil er sich als tapferer serbischer Kämpfer erwiesen hatte. Während die slovenischen Landesteile kaum tausend Juden umfassen, beherbergt Kroatien und Slawonien nach der Statistik von 1910 ihrer 21.231, die zumeist aus Oesterreich oder Ungarn zugewandert sind und sich bis heute der deutschen Umgangs- und Geschäftssprache bedienen; eine Stadt wie Osijer (Effeg) erhält durch den starken jüdischen Einschlag ihrer Bevölkerung eine wesentlich deutsche Färbung, und selbst Agram erscheint dank seiner vor dem Kriege 5000 Köpfe zählenden Judenschast nicht als in der Wolle gefärbt kroatisch. Schon weil sie mit ihren Handelsbeziehungen vielfältig nach Wien und Budapest neigten, nahmen diese Juden im allgemeinen wenig inneren Anteil an dem nationalen Befreiungskampf des Kroatentums, wenn ihr Verhältnis zu den Kroaten auch keineswegs dem der deutschen Juden zu den Polen in der Provinz Posen entsprach. Zum Teil freilich assimilierten sie sich vor dem Kriege schon; Dr. Joseph Frank, der im politischen Leben Kroatiens eine große Rolle spielte, ging aus einem jüdischen Hause hervor, und neuerdings ist auch die „Südslawisierung" jüdisch-deutscher Namen in Schwang gekommen; die Sonnenschein werden zu Suntschitsch, die Herrenstein, Freuden-

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