Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 18 (28.5.1920)
- Date
- 1920-05-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mr. IR Jüdische Korrespondenz Seite? Rabbi Levi-Iizchok von Berditschew ges. A. (Chassioische Erzählungen.) 3. Der Z a d d i k als Makler. Der heilige Rabbi Levi-Jizchok von Berditschew war immer darauf bedacht, die Dornen ans dem jüdischen Garten auszureißen; so oft er hortc, daß jemand seinem Nächsten unrecht getan hatte, wandte er alle Mittel an, um den Schlechten auf den richtigen Weg zu bringen und ihn durch Weisheit und Predigt zu bekehren. Ein kleiner Makler sah auf eineni Markte einen Wagen mit Waren, für die sich keine Käufer fanden Und als er gleich darauf einen anderen Markt besuchte, sah er dort einen Wagen mit anderen Waren, für die ebenfalls keine Käufer waren. Und wie der Makler diese Waren betrachtete, siel ihm ein, daß es für beide Kaufleute sehr günstig wäre, die Waren auszutauschen: ein jeder würde die Ware des anderen in seiner Stadt gut verkaufen können. Da er aber ein kleiner Makler war und fürchtete, daß die Kaufleute auf seinen Vorschlag nicht eingehen würden, wandte er sich an einen großen, bekannten Makler mit dem Vorschlag, den Tausch zu vermitteln; den Verdienst tvürden sie aber unter sich teilen. Der große Makler vermittelte das Geschäft, wollte aber nachher dem kleinen Makler seine Hälfte des Gewinnes nicht bezahlen. Dieser verklagte ihn beim Rabbi Levi-Jizchok. Als der große Makler auf alles Zureden des Rabbi nicht eingehen wollte, sagte ihm dieser fölgendes: „Du sollst. wissen, daß auch ich Makler bin zwischen Gott und den Juden. Ich pflege die jüdischen Verdienste in den Himmel zu bringen und dafür in Tausch himmlischen Lohn zu vermitteln. Ich lah bei den Juden dreierlei schlechte Waren: Sündeit, Verbrechen und Vergehen; und im Himmel sah ich dreierlei gute Waren: Verzeihung, Vergebung und Versöhnung. Und ich bemühte mich sehr, diese Waren gegeneinander einzutauschen. Wie ich mit diesem Vorschlag vor Gott kam, sagte er mir. ich solle zuerst mit den Inden sprechen. Und wie ich zu den Juden kam,-wollten sie auf mich gar nicht hören; sie sagten, daß ihre Waren ihnen gut genug seien und sie sie gar nicht tauschen wollten. Ich gab ihnen die Versicherung, daß Gott gerne noch etivas draufgeben würde, nur dainit sie auf den Tausch eingingen. Schließlich gelang es mir nach großer Mühe, die Juden zu bewegen, auf meinen Vorschlag einzugehen. Wie ich wieder vor Gott trat, um ihn um die Draufgabe zu bitten, sah ich bei ihm noch drei Gattungen von Waren liegen, für die man im Himmel gar keine Verwendung hat; diese Waren heißen: Kindersegen, Leben und Einkommen. Ich bat nun Gott, daß er diese Waren auf den Tausch draufzahle, und er ging mir zuliebe darauf ein. Wie ich wieder Weggehen wollte, sagte mir der Eivige: ,Levi-Jizchok, es gefüllt mir gut, daß du dich sehr für die Juden bemühst. Sag mir, womit ich dich dafür belohnen soll/ Ich antwortete, daß ich 'es nicht des Lohnes wegen tue. Als Gott däs hörte, sagte er mir: .Die dreierlei Waren: Kindersegen, Leben und Einkommen, die ich ihnen auf deine Fürbitte dranfgegeben habe, sollen in deiner Hand liegen. Du darfst sie nach deinem Gutdünken verteilen und entziehen/ ..Und nun sage ich dir jetzt, du großer Makler: wenn du dich mir fügst, gebe ich dir Leben. Und wenn du mir nicht folgst, so kann ich dich mit dem Gegenteil strafen, weil du den kleinen Makler um sein Einkommen betrögen hast." Der große Makler folgte aber dem Rabbi nicht und ging erbost weg. Bald darauf wurde er gefährlich krank und schickte dem Rabbi sagen, daß er ihn um Verzeihung bitte und sich seinen! Beschluß fügen ivolle. 4. D i e g e st o h l e n e n Brautkleider. Unter den nächsten Anhängern des heiligen Rabbi Levi-Jizchok von Berditschew war ein Mann, der in einem Dorfe bei Berditschew wohnte. Dieser Mann wollte einmal seine Tochter verheiraten und besuchte natürlich zuvor Rabbi Levi-Jizchok, daß er ihn segne. In der Nacht von Sonntag auf Montag gruben Diebe einen unterirdischen Gang in sein Haus und stahlen die ganze Aussteuer der Braut. Am Montag früh fand man die Brauttruhe leer stehen, und alle waren darüber sehr betrübt. Der Brautvater begab sich sofort zum Rabbi Levi-Jizchok und klagte ihm sein Leid. Er sagte ihm, daß die Hochzeit noch in dieser Woche sein müsse und daß daher keine Zeit bleibe, neue Brautkleider anzufertigen. Der Rabbi tröstete ihn und sagte, daß der Eivige, gelobt sei sein Name, ihm sicher helfen werde, die' gestohlenen Sachen -wiederzufinden. Der Brautvater fuhr heiin und hoffte den ganzen Montag, die Sachen, wieder zu bekommen. Am Dienstag fuhr er ivieder zuni Rabbi und sagte, daß er die Sachen noch immer nicht gefunden habe und daß die Hochzeit morgen oder übermorgen stattfinden müsse. Der Rabbi schickte ihn zu seinen Gehilfen, den Beisitzern des geistlichen Gerichts. Der Brautvater erzählte ihnen seinen Fall, doch die Richter sagten, die Sache sei doch nicht so, daß sie irgendein Urteil fällen könnten. Er ging wieder zum Rabbi und sagte ihm, daß die Richter in dieser Sache kein Urteil fällen könnten. Rabbi Levi-Jizchok ließ sich nun einen Bogen Papier geben und schrieb in jede der vier Ecken: „Du sollst nicht stehlen!" Er faltete das Papier zusammen, gab es dem Mann und sagte: „Fahre nach Hanse und sei unbesorgt. Mit Gottes Hilfe ivirst du nun das Gestohlene finden." Der Mann nahm das Papier und fuhr nach Hause. Doch er verstand nicht, wie ihm die Hilfe kommen sollte. Sein Hans stand neben einem Waloc, und wie er in die Nähe seines Hanfes kam, sich er, wie man durch den Wald etwas trug und wie etwas Weißes zwischen den Bäunlen schimmerte. Der Mann eilte in den Wald und fand alle gestohlenen Brautkleider, irr ein weißes Laken gehüllt, im Walde liegen, und es fehlte gar nichts Er brachte alle die Kleider nach Hause und feierte mit großer Freude die Hochzeit seiner Tochter, doch er begriff noch immer nicht, warum ihn der Rabbi zu den Richtern geschickt und warum er auf allen vier Ecken des Papiers „Du sollst nicht stehlen!" geschrieben hatte und wieso ihm die Hilfe gekommen war. Bald darauf fuhr er nach Berditschew zum heiligen Rabbi Levi- Jizchok, um ihm zu melden, daß er das Gestohlene wiedergefunden habe, und ihm zu danken. Er fragte den Rabbi, wie sich alles zugetragen hatte, und der Rabbi sagte ihm folgendes: „Ich wußte, daß die Diebe die Kleider in ein Laken eiugewickelt und in die Erde vergraben hatten, um sie später wieder auszugraben. Ich schickte dich zu den Richtern in der geheimen Hoffnung, sie würden ein Urteil fällen, daß die Erde das gestohlene Gut nicht annehmen solle Und wenn es die Diebe noch so tief vergraben hätten, müßte die Erde auf einen solchen Beschluß hin das Gestohlene wieder herausgeben. Doch die Richter verstanden ineine Absicht nicht. Darum nahm ich den Bogen Papier und schrieb mein eigenes Urteil, das ich über die Erde verhängte: Du sollst nicht stehlen! Und die Erde mußte sich mir fügen und spie die vergrabenen Sachen wieder aus. Als die Diebe zu der Stelle kamen, wo sie die Sachen vergraben hatten, fanden sie sie oben auf dem Erdboden liegen. Die Diebe vergruben nun die L-achen an einer anderen Stelle und fanden sie dann wieder oben auf der Erde liegen. Du sahst sie gerade, wie sie die Sachen trugen, um sie au einer dritten Stelle zu vergraben. Und so wurde dir geholfen.. Es ist gar kein Wunder, sondern nur die Wirkung eines auf Grund der Thora erlassenen rechtmäßigen Beschlusses, denn die ganze Schöpfung und auch die Erde unterliegt den Gesetzen der Thora." vom allgemeinen österreichischen israelitischen Tanbstummeninstitut in Wien, HI. Rudolssgasse rr. Dieses Humanitütsinstitut, das Hunderten von unglücklichen jüdischen Kindern Rettung gebracht hat, besteht seit 1844. Diese Wohlfahrtsanstalt gab ihnen die Lautsprache wieder, so daß sie in der menschlichen Gemeinschaft verkehren können. Sie lehrte die unglücklichen. gehör- und sprachlosen Menschen lesen, schreiben, zeichnen, rechnen, beten, die Welt kennen, sie gab ihnen Bildung und Wissen und Fertigkeiten nnd bereitete sie für ein Handwerk vor. Hunderte von Taubstummen beider Geschlechter aus allen Staaten der früheren Doppelmonarchie leben als Schüler des Wiener israelitischen Taubstummeninstituts jetzt geachtet und gut von ihrer Arbeit und sind Gründer von Familien geworden. Ohne dieses Institut wären sie alle verkommen, Bettler und Landstreicher geworden und eine Last für die Familie, die Gemeinden, das Land und den Staat, Zweier Männer muß bei diesen! Anlaß besonders gedacht werden, des Gründers H i r s ch K o l l i s ch, eines einfachen Nikolsburger Kaufmannes, der im Zeiträume von zwei Monaten die Idee zur Gründung des Instituts faßte und verwirklichte, und des ersten Direktors' Joel Deutsch, ebenfalls eines Nikolsburgers, des genialen Lehrers und Meisters, von dem die Direktoren des Budapester jüdischen Taubstummeninstituts, der Döblinger Landes-Taubstummenanstalt und Lehrer in London, Deutschland und Amerika lernten. Die Kriegsereignisse haben auch diesem Institute großen Schaden zugefügt und nur mit größter Mühe hält es sich aufrecht. Die Hilfe der Juden Polens, von wo 95 Proz. der Zöglinge kommen, hat versagt. Die Herren sind nur Versprecher und treiben lieber Politik als Humanität. Die Hoffnung des Wiener israelitischen Taubstummeninstituts, welches das erste, größte und bedeutendste jüdische Taubstummeninstitut der Welt mar. bilden jetzt die orthodoxen Juden von Wien und der ganzen Welt, daß sie nicht diese Stätte der werktätigen Menschenliebe und der Gottesanbetung durch Stumme werden sinken lassen, sondern daß sie vielmehr beitragen werden, um es weiter auszugestalten. Wir rufen insbesondere die Herren Rabbiner Siegmund Fürst, Siegmund Bondy. Max Hofbauer und Heinrich Pappenheim zu schneller und gründlicher Hilfe auf. Die zweite große Hoffnung für das Institut ist das wackere, opferfreudige, selbstlose Sanierungskomitee mit dem ehrwürdigen Herrn Rabbiner Dr. Max Grunwald an der Spitze. Ihn und alle Herren des Komitees soll der bevorstehende Schulschluß und die Frage der Wiedereröffnung des Instituts im Herbste 1920 bewegen, inachtvoll zum Wiederaufbau der Stätte des Heils und der Vervollkommnung schwer geschädigter Kinder beizutragen. Heuer soll schon durch die Initiative des um die Gehörlosen und Schwerhörigen hochverdienten Nniversitätsprofessors Dr. Gustav Alexander ein jüdischer Kindergarten für Taubstumme im Alter von fünf Jahren an errichtet werden, eine Vorschule für diese Armen. Das israelitische Wiener Taubstummeninstitut soll ferner ehestens ein Zentrum für die pädagogische Behandlung der Schwerhörigen werden und weiterhin sollen auch seine Schuljahre vermehrt und ein geordneter Handwerksunterricht eingeführt werden. Zur Erhaltung des Bestehenden und zur Verwirklichung des Geplanten, das eine Notwendigsi-it für die volle Ausnützung der