Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 18 (28.5.1920)
- Date
- 1920-05-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz Njv 18 (Fortsetzung von Seite 4.) Besonders in Jaffa war die Agitation während der letzten Tage eine äußerst rege. Eine Flut von Wahlproklaulationen ergoß sich über die Stadt. Auch an Inschriften auf den Gehsteigen und Zäunen fehlte es nicht. Am tätigsten zeigten sich der Hapoel-Hazair, die Achdnth Haawoda, die Sefardim und die Jemeniten, während die Bürgerpartei (Esrach) weniger rührig lvar. Die Wahlbeteiligung in Jaffa betrug über 3700 Wähler und Wählerinnen; gewühlt wurden 2 Mitkadmin, 2 Esrach, 11 Sefardim, 6 Jemeniten, 2 Misrachi, 11 Achdnth Haawoda und 8 Hapoel Hazair. Von den 512 Wählern des „Gcdud" stiulmten 374 auf die Liste der Achdnth Haawoda, 50 auf die des Hapoel Hazair, während Jabotinsky 80 Stimmen erhielt. Jn^ Richon-le-Zion wurden gewählt: 2 Jemeniten, 2 Achduth Haawoda und 1 Esrach, in Haifa 6 Achdnth Haawoda, 3 Sefardim, 2 Mitkadmin, in Petach-Tikwah Linksstehende 4, Esrach 3, Misrachi 2, Frauen 2, Jemeniten (orthodox) 2, in Liberias Hapoel Hazair 7, Misrachi 3, Sefardim 3, in Rechvboth Esrach 2, Misrachi 1. Unter den Gewählten in Jaffa befinden sich Chacham Baschi Uziel, Dr. Mossinsohn, Rabbiner Fischmann, Bagratschow, A. Löw, A. Charlap, Gliskin, Meierowitz und Liebmann. Das Wahlresultat in Jerusalem ist noch unbekannt, da die dortigen Wahlen sowohl wegen des Pogroms als des Beschlusses der ersten Rabbiner-Konferenz, wonach die orthodoxen Juden sich an den Wahlen nicht beteiligen sollen, auf den 2. Mai verschoben wurden, um bis dahin mit den Orthodoxen zu einer Verständigung zu gelangen, Nach den letzten Nachrichten fand am 27. April in Jerusalem eine neuerliche Rabbiner-Versammlung bei Rabbi Kook statt, an der sich auch die gemäßigte Linke beteiligte, wobei es zu einer Verständigung kam. Die Rabbiner stimmten einer Beteiligung der Orthodoxen zn, unter der Bedingung, daß sie das Recht haben, als besondere Gruppe, ohne die Frauen an den Wahlen teilzunehmen, wobei es jedoch jedem Familienhaupt zusteht, auch für seine Frau zu stimmen. Sollten die Frauen auf ihr passives Wahlrecht nicht Verzicht leisten, dann werden 2 Delegiertenhäuser eingerichtet werden, ein orthodoxes ohne Anteil der Frauen, und ein allgemeines. Bei wichtigen allgemeinen Angelegenheiten ist die Zustimmung beider Häuser erforderlich. Auch die Misrachisten haben trotz ihrer Teilnahme an den Wahlen sich gegen das passive Wahlrecht der Frauen ausgesprochen. Interessant ist, daß die Liste der orthodoxen Sefardim, bei denen die Frage des Frauenwahlrechtes nicht direkt zur Diskussion stand, trotzdem keine einzige Frau als Kandidatin enthielt. — Vor Schluß des Blattes erhalten wir die Nachricht, daß die Wahlen in Jerusalem am 1. Mai stattgesunden haben. Es beteiligten sich über 8000 Personen an den Wahlen. Das provisorische Resultat ist folgendes: Sefardim 1649 Stimmen, Achduth Haawoda 822, Jemeniten 738, Hapoel Hazair 457, Bucharen 454, Unparteiische 357, Beamte 252, orthodoxe Mitkadmim 120, Misrachi 55. Die Stimmenzahl der thoratreuen*Juden wie auch die manch anderer Parteien ist noch nicht festgestellt. (Das neue Fremdengesetz in England.) Dieser Tage trat das neue englische Fremdengesetz, welches bekanntlich mehrere, auch von der englischen Presse angefochtene Härten aufweist, in Kraft. Die wesentlichste Bestimmung des Gesetzes verfügt, daß kein Fremder ohne Erlaubnis eines hiezu bestellten Einwanderungsbeamten landen darf, ohne sich der Gefahr der Deportation auszusetzen. Ehemals feindliche Ausländer bedürfen der Landungsbewilligung des Staatssekretärs des Innern. Besonders beunruhigend wirkt jener Artikel des Gesetzes, welcher die Verfügung der Deportation im Effekt ganz dem Ermessen des Staatssekretärs des Innern anheimstellt. Auf eine diesbezügliche Anfrage im Unterhaus antwortete der Staatssekretär: „Deportationen werden über meinen Auftrag in Ausübung der mir durch das Fremdengesetz vom Jahre 1920 übertragenen Machtvollkommenheit ausgesührt werden. Gegen die Juden gerichtete Unterscheidungen hat es in . dieser Frage niemals gegeben und gibt es auch heute nicht Jeder Fremde, ob Jude oder nicht, der ohne vorherige Erlaubnis in dieses Land kommt, muß darauf gefaßt sein, daß er in sein Heimatland deportiert wird." (Jüdische Auswanderung aus Polen.) Nach einer Times-Meldung aus Warschau verlassen 80.000 Juden Polen, um sich nach Südamerika zu begeben. (Sabbath-Bill in Amerika.) Samuel Dicksteins Sabbath-Bill, welche den Juden, die den Sabbath halten, am Sonntag zu arbeiten erlaubt, wurde von dem Parlament des Staates New Jork mit 126 gegen 13 Stimmen angenommen. Die Zustimmung des Senats und der Landesregierung steht in Aussicht. (Die Jerusalemer Ausschreitungen im Film.) Wie Jewish Correspvndenz Bureau meldet, weilte ein englischer Filmfabrikaut im April in Jerusalem, da er gelegentlich des Nebi-Mouffa-Feiertages die mohammedanische Prozession aufnehmen wollte. Er stellte seinen Apparat beim Jasfator auf und begannn die Kurbel zu drehen, als die Prozession das Tor passierte und die Kümpfe begannen. Er drehte ruhig die Kurbel, während Juden und Araber rund um ihn kämpften, bis er endlich gezwungen war, die Operationen aus Angst, daß seile Apparat in den Kampf mit hineingezogen werden könnte, einzustellen. Nächsten Tag verständigte er das Gericht, daß er die Kämpfe auf den Film ausgenommen hat. Der Richter ordnete die Vorführung des Films vor der Sitzung des Gerichtes an. Der Film zeugte, daß die Polizei, anstatt die Kämpfenden auseinanderzuhalten, selbst an den Ausschreitungen teilgcuommen hat. Der Film wurde auch als Zeugnis gegen manche Angeklagten benützt. (EineKundgebung des Oberrabbiners Dr.Herz.) Die englischen Tageszeitungen veröffentlichen eine Kundgebung des Chief-Rabbis Dr. Hertz, in der er unter anderem sagt: „Wir scheinen vergessen zu haben, daß seit Beginn der Neuzeit kein Land durch sich und für sich allein leben kann. Jedes Volk ist von anderen Völkern für sein eigentliches Leben abhängig. Während des Krieges ertönte in Deutschland ein Haßgesang. Wir ergötzten uns darüber, trotzdem wir die deutsche Haltung hätten verständlich finden müssen, wenn wir uns der militärischen Verhältnisse jenseits des Rheins erinnerten. Wenn wir auch während des Krieges keine Haßgedanken hegten, so muß jedoch festgestellt werden, daß viele von mls seit dem Waffenstillstand von der Haßidee stark befallen sind. Hysterie ist im Kriege schon böse genug, weit schlimmer ist sie in Friedenszeiten. Rache als Staatsweisheit hat niemals und nirgends wahre Einsicht und Klugheit verraten. Nur dadurch, daß wir schnellstens zu den normalen Verhältnissen vor Ausbruch des Krieges zurückkehren, werden wir imstande sein, die wirtschaftlichen Zustände zu sanieren und die Völker vor dem politischen, finanziellen und moralischen Bankerott zu retten." (Die Juden im Weltkriege.) Im „Halberstüdter Tageblatt" lesen wir folgende intereffante und beachtenswerte Zusammenstellung: „Daß die Juden im Weltkriege ihre vaterländischen Pflichten voll und ganz erfüllt haben, davon zeugen nicht allein statistische Ergebnisse, sondern vor allem die jüdischen Heldengräber in aller Herren Länder. Aber lassen wir auch übersichtliche statistische Ermittlungen sprechen. Am Kriege haben deutscherseits teilgenommen (in runden Zahlen angegeben): 100.000 Juden '(gleich zirka 20 Prozent der jüdischen Gesamtbevölkerung), 80.000 Juden (gleich - zirka 80 Prozent) Frontteilnehmer, 20.000 Juden als Kriegsfreiwillige, 2000 Juden wurden zu Offizieren befördert, 10.000 Juden wurden mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet, 1000 Juden wurden mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet, 10.000 Juden sind gefallen. vereinsnachmchten. Die P. T. Borstände der orthodoxen Bethäuser und Vereine werden ersucht, regelmäßig Berichte über ihre Sitzungen und Aktionen zwecks Veröffentlichung einzusenden. Wien. Die Landesregierung von Niederösterreich hat die Satzungelt des Elternvereines der Talmud-Thora-Volksschule mit Oefsentlichkeitsrecht, II., Malzgasse 16, bestätigt. Zum Obniann des Elternrates wurde Herr Religionslehrer Wilhelm Töch, zu dessen Stellvertreter- Herr Oberlehrer Jakob Kohn, zum Kassier Herr Rudolf Kohn gewählt. In den Bezirks-Elternrat wurden die Herren Samuel Auerbach und Wilhelm Doch delegiert. . '