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Jüdische Korrespondenz · 1920-05-28 · 18 (28.5.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
18 (28.5.1920)
Date
1920-05-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz 1 Nr. 18 . Die Grthodoxie in der Lultusgemeinde. Der Beschluß der organisierten Orthodoxie in Wien, anläßlich der bevorstehenden Wahlen in die Kultusgemeinde aus der bisherigen Passivität herauszutreten und mit einer eigenen Liste in den Wahlkampf einzugreifen, hat in den orthodoxen Kreisen die lebhafteste Zustimmung gefunden, ja geradezu Begeisterung ausgelöst. Wenn man auch JDie bisherige Passivität voll und ganz gebilligt hat, wenn auch das Streben der führenden Kreise, die Möglichkeit zur Errichtung einer eigenen orthodoxen Gemeinde zu erlangen, Verständnis und solidarische Unterstützung gefunden hat, so wurde es dennoch bei jeder wichtigen Gelegenheit schmerzlich empfunden, daß die zahlenmäßig und geistig stärkste Gruppe der Wiener Judenfchaft von jeder direkten Einflußnahme auf die Gemeindeangelegenheiten fast ausgeschlossen und dazu verurteilt war, müßig zuzusehen, wie die zweitgrößte jüdische Gemeinde Europas immer weniger jüdisch wurde, immer mehr Geist und Leben einbüßte und zu einem rein mechanischbureaukratischen Apparat herabgewürdigt wurde. Es mag ja richtig sein, daß die leitenden Kreise der Kultusgemeinde sich in der Regel den Wünschen und Forderungen der Glaubenstreuen nicht verschlossen habeil. Allein schon dieser Umstand war peinlich, daß die Orthodoxie, die ja materiell — schon mit Rücksicht auf die indirekten Einnahmen der Gemeinde — am meisten zur Erhaltung derselben beitrug, so immer gewissermaßen auf die Gnade der Machthaber in der Seitenstettengasse angewiesen sein mußte. Deswegen wirkte der Beschluß der organisierten Orthodoxie, diesmal — angesichts der veränderten Verhältnisse — aus der Reserve herauszutreten und mit einer eigellen Liste in den Wahlkampf eiuzugreifen, geradezu befreiend und belebend auf die breiten orthodoxen Massen. Sie habeil die Elnpfindling, daß sie mit einem Male aufgehört haben, die „Tolerierten" zu sein. Sie werden in der Kahalstube durch eigene, frei gewählte Vertrauensmänner vertretell sein und die Genugtuung haben, daß der religiöse Geist aus der Verwaltung der Kultusgemeinde nicht mehr verbannt sein werde. Denn das muß ausdrücklich betont werden: Indem die Orthodoxie in den Wahlkampf eingreift, strebt sie keineswegs darnach, die Herrschaft über die Gemeinde an sich zu reißen und etwa den freigesiunten Juden ihren Geist aufzuzwingen. Die Orthodoxie wünscht in erster Reihe, entsprechend ihrer Zahl und ihrer Steuerleistung in der Leitullg der Gemeinde vertreten zu sein. In zweiter Reihe werden ihre Repräsentanten darnach strebeil, daß die Kultusgemeinde in Erfüllung ihrer eigentlichen Aufgabeil die religiösen Jllteresseil berücksichtige und den Wünschen und Forderungen der Glaubenstreuen Rechnung trage. Die Freisinnigen werden nach lvie vor llach ihrer Fasson selig werden können. In ihren Kämpfen, dort, wo solche nötig sind, bedient sich die Orthodoxie bloß einer Waffe: die Andersgesinnten zu überzeugen! Nach dieser Richtung wird sicherlich das Möglichste geschehen. Bei jeder Gelegenheit werden die orthodoxen Vertreter in der Kahalstube sich bestreben, die Vertreter der anderen Richtungen zu überzeugen, daß die Kultusgemeinde eine religiöse Institution sei und die Aufgabe habe, für die Wahrung der religiösen Interessen Sorge zu trageil. Aber die Orthodoxie, respektive ihre Vertreter in der Kultusgemeinde, will die Tätigkeit der Kehille keineswegs so eng begrenzt sehen. Die Kultusgemeinde soll auch politisch und sozial ein Wart der jüdischen Interessen sein — freilich, ohne ihre eigentliche Aufgabe religiöser Natur zu beeillträchtigell. Das Programm, das die Plattform der orthodoxen Liste bildet, umfaßt folgende Punkte: 1. Absolut demokratisches Megime, in dem nur die Tüchtigkeit entscheidet, wo jedermann gehört wird und jedermann zu seinem Rechte kommt. 2. Besorgung ritueller Angelegenheiten in echt jüdischem Geiste. 3. Soziale Kürsorge in lveitestem Umfange, Ausbau wirtschaftlicher uild humanitärer Institutionell, wobei die Gemeinde anregend und führend wirken soll. 4. Sorge für einen Keligionsnnterricht, der unsere Jugend mit unserem heiligen Schrifttume als Lehre und Gesetz vertraut »lacht uiiö geeignet ist, religiöse Juden zu erziehen. Wenn nicht angängig zumindest Dispens für die Kinder jener Eltern, die ihre Kinder religiös erziehen wollen, von dem offiziellen Religonsunterrichte, der bisher sowohl dem Lehrplane als dem Umfange nach wertlos ist und. durch irreligiöse Lehrer nur schädlich wirkt. - 5. Die soziale Fürsorge muß einsetzen bei der Besoldung der Beamten. Der tüchtigste Beamte kann, mit Sorgen belastet, nicht die Arbeit leisten, die von ihm verlangt werden muß. Deal sorgenfreien Beamteukörper, speziell dem so erprobten Sekretariate, wird eine Fülle von Aufgaben zugewiesen werden müssen, die bisnun unnützerweise den Vorstand in Anspruch genomiilen haben. 6. Die Woylfahrtsinstitutionen der Gemeinde sind zn rekonstruieren, das allgemeine Interesse für selbe zu erweckeil, damit sie entsprechend fundiert werden. 7. Ire Gemeinde hat in allen Melangen, welche Anden und Judentum betreffen, einzugreifen und stch um jedes jüdische Interesse anzunehmen. 8. Die Subventionen für die B e t h ä u s e :, speziell auch für die o r t h o d o x e n, sind in einem Betrage zu er höhe n, der denselben eine gedeihliche Entwicklung verbürgt. Diese Bethäuser, die viele tausende Besucher umfassen, entlasten die Gemeinde ganz gewaltig und sind der Förderung würdig. 8. Die Ginwanderung nach Malastina wird frei. Das Land unserer Väter, unserer glorreichen Vergangenheit, von welchem aus der Welt die reine Gotterkenntnis wurde, wird uns wieder zugänglich. Der Strom der Wanderer nach Palästina, wie auch der Auswanderer aus dem Osten nach anderen Ländern, wird sich über Wien ergießen. Die Besiedlung unseres Landes zu fördern und die Auswanderer vor Schaden zu bewahren, ist Pflicht jedes Juden, jeder jüdischen Gemeinschaft, im höchsten Maße der zweitgrößten Gemeinde Europas. Es muß daher ein jüdisches Gmigrationsarnt, von der Knltusgemeinde errichtet, beziehungsweise gefördert werden.. Dieses Programm, das in kurzen Zügen das Bild der Gemeinde wiedergibt, wie sich die Orthodoxie eine solche vorstellt, ist sicherlich geeignet, der orthodoxen Liste die weitesten Kreise zu gewinnen, selbst solche, die nicht direkt der Orthodoxie angehören, die aber Sinn und Verständnis für religiöse Interessen und Bedürfnisse haben. Der Einzug der orthodoxen Vertreter in die Kultusgemeinde wird sicherlich auch die Organisatiousarbeit der Orthodoxie fördern. Sie wird dadurch eine neue Plattform gewinnen, um für ihr Programnl zu lverben. Die Aufstellung der orthodoxen Liste, deren Erfolg nicht zweifelhaft sein kann, könnte daher unter Umständen einen wichtigen Wendepunkt in dem Leben der Orthodoxie in,Wien und weit über dessen Weichbild hinaus bilden. Jehudi-Chored. Die wahlbewegung. Die Kampagne anläßlich der bevorstehenden Knltuswablen in Wien ist bereits in voller Entwicklung und im allen Lagern geht es ziemlich lebhaft zu. Bis zum 30. Mai müssen die Kandidatenlisten offiziell angemeldet werden. Bisher ist es sicher, daß sich vier Listen uin die Stimme der Wühler bewerben werden: 1. Die Liste des Zentralwahlkomitees, das alle nichtjüdischnationalen Gruppen umfaßt; 2. die orthodoxe Liste; 3. die zionistische Liste; 4. eine Liste Dr. Schwarz-Hiller, der mit einem eigenen Programm auftritt. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß noch einige Listen hervortreten. So verlautet etwas über das Auftreten einer „jüdischen Volksgruppe" mit einem eigenen radikal-demokratischen Programm. Auch die „Misrachisten" sollen sich angeblich mit dem Gedanken einer eigenen Liste hernmtragen, nachdem sst mit der Reihenfolge, die ihren Vertretern in der zionistischen Liste Angewiesen werde, nicht einverstanden sind, da diese kaum die Aussicht hätten, gewählt zu werden. * Die Versammlungstätigkeit ist im vollem Flusse. Sehr eifrig wird im orthodoxen Lager gearbeitet, wo täglich Sitzungen der Wahlkomitees stattsinden -und eine sehr intensive Werbe-

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