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Jüdische Korrespondenz · 1920-05-20 · 17 (20.5.1920) · page 13

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
17 (20.5.1920)
Date
1920-05-20
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 17 Jüdische Korrespondenz Seite 13 „Vielleicht möchtest du schon einmal aufhören mit deinem goi'schen Liedchen! Ganz verliebt hat sich der Mann in die Goim! Seit der Uebersiedlung nach der großen Stadt ist er ein ganzer Goi geworden!" So sagt seine Frau Pesse zu ihm und „begräbt ihn neun Ellen tief" für seine goi'schen Liedchen und die goi'schen Namen, die er den Knaben verliehen hat. Als sie aber das dritte Kind, das Mädchen, geboren hatte, rief sie ihn zu sich heran und sagte ihm so streng, wie es nur ihre Kräfte erlaubten: „Hörst du, Pejsse? Sollte sich auch die Welt umdrehen, meine Tochter muß nach meiner Mutter Dmojre'l heißen. Ich werde den Mutternamen Dwoire'l nicht verkaufen, nicht verwechseln lassen! Ich will nicht! Ich will nicht! * Alle drei: Abramtschik, Moisiejtschik und Dwojre'l wurden an einem Orte geboren und erzogen — zwischen der Wand und dem Ofen Alle drei sehen jeden Tag das gleiche Bild: Der fröhliche Papa schneidet Papierkartons, klopft an Schachteln und singt Lieder, und Lie sorgenvolle Mama kocht, backt, fegt das Zimmer aus und kann nie fertig werden. Beide sind immer an der Arbeit: Mama am Ofen, Papa bei den Schachteln. Wozu braucht man so viele Schachteln? Wer braucht so viele Schachteln? Die ganze Welt scheint mit Schachteln überfüllt zu sein! So denken wahrscheinlich die drei schönen Köpfchen und sehnen sich immer darnach, Papa möge schon viel, recht viel Schachteln fertig kriegen und möge sie auf den Kopf aufschichten und in beide Hände fassen — vielleicht tausend Schachteln — und möge nach dem Marktplatz gehen und von dort zurückkehren ohne Schachteln, nur mit Geld für Mama und mit Semmelchen, Hörnchen und Zuckerwerk für die Kinder. Ein guter, ach, ein guter Papa ist das! Ein Goldstück! Mama ist auch gut, aber zornig. Oftmals bekommt man von ihr einen Seitenhieb, eine Maulschelle. Sie mag es nicht, daß man ihr „ein Hekdesch (Unordnung) anmacht"; sie kann es nicht vertragen, daß Abramtschik den Abfall der Papierkartons zerschneidet, daß Morsiejtschik Kleister beim Papa stiehlt, und daß Dwojre'l Brot aus Sand und Wasser bäckt. Die Kinder sollen nicht Papa-Mama spielen, still und ruhig sollen sie sitzen. Die Mutter scheint nicht zu wissen, daß das junge Blut kocht, daß die jungen Köpfchen arbeiten, daß die jungen Seelen sich mit aller Gewalt sehnen — wohin? Nach außen! Zum Licht! Zum Fenster! Zum Fenster! * Im ganzen ist nur ein Fenster, ein Stückchen Fenster vorhanden. Alle drei Köpfchen schlagen sich um das Stückchen Fenster, und was sieht man dort? Eine Wand. Eine hohe, breite, graue und nasse Wand. Sie ist immer naß, sogar im Sommer!... Leuchtet hier einmal die Sonne hinein! Gewiß leuchtet die Sonne hinein, daß heißt, nicht die Sonne selbst, sondern ein Widerschein der Sonne. Geschieht dies einmal, so ist das ein Fest! Alle drei schönen Köpfchen drängen sich an das Stückchen Fenster, schauen hinauf und sehen ganz oben einen langen, schmalen blauen Streifen. O seht ihr, Kinder? Das ist der Himmel! So sagt Abramtschik. Abramtschik weiß es. Abramtschik besucht den Cheder. Er lernt schon „Kometz Aleph!" Der Cheder ist auch gar nicht weit, gleich im nächsten Haus, an der nächsten Tür. Ach, was für Wunder Abramtschik immer und immer wieder erzählt! Abramtschik erzählt, er habe mit eigenen Augen gesehen — möge er so alles Gute sehen — eine hohe Mauer mit vielen, vielen kleinen Fensterchen. Abramtschik erzählt, er habe mit eigenen Augen gesehen — möge er so alles Gute sehen — einen hohen Schornstein und wie dem Schornstein eine Rauchsäule entstieg. Abramtschik erzählt, er habe mit eigenen Augen gesehen — möge er so alles Gute sehen — eine Maschine, auf der man ohne Hand näht. Er erzählte, er habe einen Wagen gesehen, der ohne Pferde fährt. Noch viele ähnliche Wunder erzählt Abramtschik vom Cheder und schwört darauf mit Mamas Schwüren, und Moisiejtschik und Dwojre'l hören und seufzen und beneiden ihn, der alles weiß, alles! Abramtschik weiß zum Beispiel, daß ein Baum wächst. Zwar hatte er mit eigenen Augen noch nicht gesehen, wie ein Baum wächst. Von Bäumen ist. in der Gaste keine Spur! Jedoch weiß er (er hatte es im Cheder gehört), daß ein Baum Früchte trägt, und deshalb muß man vor dem Fruchtgenuß den Segensspruch „Bore Pri Ha-etz" sagen. Abramtschik weiß (gibt es etwas, das er nicht wüßte?), daß zum Beispiel Kartoffeln oder Gurken oder Zwiebel oder Knoblauch aus dem Boden wachsen, und deshalb sagt man über sie den Segensspruch „Bore Pri Haadamah" — alles weiß Abramtschik! Nur weiß er nicht, wie dies wächst, denn er hatte dies auch nie gesehen, denn die Gaste hat keinen Garten, keine Felder, keine Bäume, keinen Grashalm. Gibt's nicht! Nur große Mauern, graue Wände, hohe Schornsteine, aus denen Rauchsäulen steigen, und viele Fensterchen, Tausende von Fensterchen und Maschinen, die ohne Hände nähen, und Wagen, die ohne Pferde fahren — sonst nichts! Nichts! Man sieht auch nur selten ein Vögelchen. Manchmal kommt irgendein verirrter Sperling — grau, wie die graue Wand, er pickt die grauen Steine an und eilt schnell davon..'. Von Geflügel sieht man manchmal vor Sabbat ein Viertel Geflügel, ein Viertel mit einem blassen, ausgezogenen Fußknochen. Wieviel Füße mag so ein ganzes Geflügelstück haben? Wahrscheinlich vier! Nimm dir em Beispiel von einem Pferd! So entscheidet der Aelteste, Abramtschik, und Abramtschik weiß ja alles! . . . Nicht nur Geflügelfüße — Mama bringt manchmal auch ein Geflügelköpfchen mit verglotzten Aeuglein, mit einem weißen Häutchen überzogen. . . Tot — sagt der Aeltere, Abramtschik, und die drei Köpfchen schauen einander an und seufzen... Geboren und erzogen in der großen Stadt, unter großen Mauern, in großer Enge, Elend und Armut, hatten die Kinder nie Gelegenheit, einen Vogel oder sonst ein Tier zu sehen. Und doch kannten die Kinder die Namen sämtlicher Tiere. Woher? Von Abramtschik. vom Cheder, im Cheder weiß man alles. Nur für die Kenntnis einer Katze hatten sie das' Cheder nicht nötig. Sie hatten eine eigene Katze, eine graue Katze, grau wie die graue, große Mauerwand — die einzige Lebensfreude. Sie spielen immer mit der Katze, setzen ihr ein Taschentuch auf den Kopf, nennen sie „Mchiteneste" und lachen, lachen, lachen ohne Ende! Kaum bemerkt Mama dieses Spiel, so bekommt's ihnen nicht gut; dem einen — einen Puff, dem anderen — einen Seiteuhieb». dem dritten — eine Ohrfeige. Die Kinder gehen dann auseinander nach ihren Plätzen, der Aelreste, Abramtschik, erzählt etwas, und die jüngeren, Moisiejtschik und Dwojre'l, lauschen, schauen auf ihren ältesten Bruder und horchen. Abramtschik sagt, Mama habe recht, Abramtschik sagt, man dürfe nicht mit einer Katze spielen, weil eine Katze ein unreines Geschöpf und ein „Masik" sei. Alles weiß Abramtschik, alles! Es ist kein Ding auf der Welt, das er nicht wüßte. * Alles weiß Abramtschik. Er weiß, daß ein Land auf der Welt sei, ferne, ferne von hier, das man Amerika nennt. Dort, in diesem Amerika, haben sie Freunde und Bekannte. Tort, in diesem Amerika, sei es für die Juden unberufen wohl und lustig. Dorthin, nach diesem Amerika, werden sie, wenn Gott will, im nächsten Jahre hinüberreisen, wenn sie die Schiffskarten von dort bekommen werden. Ohne Schiffskarten kann man eben nach Amerika nicht reisen, weil man über ein Meer reisen muß. und auf dem Meer bläst ein Sturmwind und schleudert das Schiff hin und her — lebensgefährlich. Alles weiß Abramtschik. Alles — sogar was auf jener Welt vorgeht. Er weiß zum Beispiel, daß sich auf jener Welt ein Paradies, natürlich für Juden, befinde. Im Paradies wachsen Bäume und auf den Bäumen die schönsten Früchte. Dort fließen Baumöl-Teiche. Dort liegen Diamanten und Brillanten auf der Straße; willst du, so kannst du dir die Tasche mit ihnen füllen. Dort sitzen fromme Juden, lernen Tag und Nacht und genießen vergnügt die „Sch'chine". So erzählt Abramtschik, und die Aeuglein Moisiejtschiks und Dwojre'ls brennen. Sie beneiden ihren älteren Bruder, der das Cheder besucht und alles weiß. Weiß er doch sogar, was im Himmel vorgeht. Abramtschik erzählt, daß der Himmel sich zweimal im Jahr „spaltet". In der Nacht des toschanah-Rabbah und in der Schowuothnach spalte sich der Himmel. war hat er noch nie gesehen, wie sich der Himmel spaltet, da man von dort aus keinen Himmel sieht, aber seine Kameraden haben eS gesehen, und sie schwören, daß sie es mit eigenen Augen gesehen haben, mögen sie so alles Gute sehen. Werden die doch nicht falsch schwören. Es ist jammerschade, daß es in ihrer Gasse keinen Himmel gibt. Nur ein langer, schmaler, blauer Streifen ist da, aber was kann man auf einem solchen Streifen sehen? Es ist Hon viel, wenn man einige kleine Sternlein erblickt und den Widerschein des Mondes. Und um seinen Bruder Moisiejtschik und sein Schwesterchen Dwojre'l zu überzeugen, daß sich der Himmel spaltet) geht Abramtschik auf Mama zu und zieht sie am Rock. „Mama, ist es nicht wahr, daß sich der Himmel an diesem Schowuoth an Mitternacht spaltet? „Den Kopf werde ich dir spalten!" So antwortet ihm die Mutter und versetzt ihm einen Puff. Sie ist am Rüsttage des Festes furchtbar beschäftigt. Sie hat sich soeben mit dem Hinaustragen des «Hekdesch" von Papas Kartons und Schachteln abgequält, nun kommt der und verdreht ihr den Kopf mit dem Himmel. Nach dieser schmerzlichen Abfertigung von seiten der Mama wartet Abramtschik auf den Vater. Der Vater war nach dem Marktplatz mit einer ganzen Masse Schachteln gegangen. „Kinder, was bringt Papa heute nach Haus?" fragte Abramtschik, und die Kinder beginnen zu raten, welches Geschenk Papa heute bringen wird. Sie zählen an den Fingern alles, was man vom Marktplatz holen kann, alles, was ein Menschenauge sehen und ein Menschenherz begehren kann: Semmelchen, Hörnchen', Bonbons, aber niemand konnte es erraten. Auch ihr werdet's nicht erraten. Pejsse, der Buchbinder, brachte diesmal keine Semmel, keine Hörnchen und keine Bonbons. Er brachte Gras, einen Haufen Gras, wunderliche, lange, grüne, wohlriechende Grashalme! Und alle drei schönen Köpfchen, Abramtschik, Moisiejtschik und Dwojre'l umringten den Vater. „Papa, was ist das? Das da?" „Das ist Grünes." „Was heißt das: Grünes?" „Grünes auf Schowuos, Juden müssen Grünes haben auf Schowuos!" „Wo nimmt man das her, Papa?" „Wo man das hernimmt? Man kauft es auf dem Markte, auf dem Markte." So sagt Papa, indem er das grüne, wohlriechende Gras über dem eben jetzt aufgefegten Fußboden auseinanderstreut, und er freut sich, daß es so grün und so wohlriechend ist, und er sagt zur Frau lustig, wie es so seine Art war: „Pesse, ein gut Jom-tow dir!" „Masel tow! Ein neuer Hekdesch! Die Bengel werden schon eine schöne Wirtschaft hier anrichten!"

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