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Jüdische Korrespondenz · 1920-05-20 · 17 (20.5.1920) · page 12

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
17 (20.5.1920)
Date
1920-05-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Jüdische Korrespondenz Nr. 17 „Vom Himmel her hast du das Recht hören lassen, die Erde erbebte und wurde ruhig (Psalm 76)." Zwischen Furcht und Frieden schwankte die Erde, da das Gottesgesetz ertönte. Es heißt nämlich, so erklärt Resch Lakisch, bei der Schöpfung des sechsten Tages im Gegensätze zu anderen Tagen, „H a schischi". Dieses H. als Artikel bezeichnet einen ganz bestimmten „Sech ste n", um dessentwillen die ganze Schöpfung entstanden ist. Der s e ch st e S i w a n im Fahre des Auszuges war es nämlich, der der Schöpfung ihren Sinn und ihre Bedeutung gab. Hätte Israel die Thora abgelehnt, der ganze Schöpfuugsbau wäre ins Wanken und die Erde aus ihren Fugen geraten. Voller Furcht um ihr eigenes Schicksal horchte daher die Erde auf, als das Donnerwort des „Onauchi" ertönte, beruhigte sich jedoch bald, da des Volkes Jubelruf „Naasse Wenischma!" zu ihr drang. -1° Es erklärt R. Simoi: Wie der Ruf „Naasse Wenischma" aus 600.000 Kehlen sich losgerungen hatte, da ließen sich ebenso viele Gottesengel zur Erde herab und setzten jedem der Sinaizeugen zwei leuchtende Kronen aufs Haupt, die Krone der Tat (Naasse) und die des Gehorsames (Nischma). Als aber Israel später das goldene Kalb umtanzte, eilten die Engel des Verderbens in doppelter Anzahl herbei, um den Sündern den Schmuck wieder zu entreißen. N. Jochanan bemerkt aber dazu: Die Kronen sind uns dennoch nicht verloren gegangen, denn sogleich hatte sie Moses allesamt liebevoll ausgenommen. Im Moseszelte harren sie nun der Stunde, da sie dem Gottesvolke wieder Zuteil iverden sollen. Heißt cs doch (Jesaias 35) von den Gotterlösten: „Wesimchas Aulom al Rauschom", die Freude f r ü h e r e r W e l t e n, das heißt die Kronen aus der Sinaizeit, werden ihre Häupter schmücken. R. Josua, Sohn Lewis, lehrt: Ms Moses zur Gotteshöhe empor gelangt war, da sprachen die Engel voll Argwohn: „Was will denn dieser Weibgeborene in unseren Regionen?" „Er wird die Thora in Empfang nehmen", gab ihnen Gott Auskunft. Da erwiderten die Engel: „Kann das kostbare Kleinod, seit einem Jahrtausend vor der Weltschöpfung in deiner Schatzkammer wohlbewahrt. einem Menschen von Fleisch und Blut anvertraut werden? Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst?" (Psalm 3.) Nun forderte Gott Moses auf. selbst den Engeln Rede und Antwort zu stehen. Da aber Moses fürchtete, durch ihres Mundes Hauch verbrannt zu werden, so durfte er hinter dem Gottesthrone Deckung nehmen. Von diesem sicheren Port aus sprach er zu seinen himmlischen Widersachern: „Wißt ihr, was in der Thora enthalten ist? Da wird das Zehngebot mit den Worten eingeleitet: ,Jch bin der Ewige, dein Gott, der dich aus Mizrajim herausgeführt hat.' Wäret ihr jemals in Mizrajim dienstbar; habt auch ihr jemals gleich uns der Befreiung cntgegengezittert? Was soll euch das zweite Gebot, da ihr in den reinsten, höchsten Regionen gar keine Götzen vor Augen habt? Wie wollt ihr am siebenten Tage ruhen und euch der Arbeit enthalten, die euch an all den anderen Tagen ebensowenig auferlegt ist? Wo habt ihr Vater und Mutter, um sie. gemäß dem fünften Gebote, zu ehren? Fehlt euch doch für Mord, Ehebruch, Diebstahl usw. jeder Anreiz und jede Voraussetzung, was sollen euch mithin alle Gesetze und Vorschriften der Thora?" Das leuchtete den Engeln so ein, daß ihrer jeder in voller Freundschaft Moses entgegentrat und ihm ein Geschenk überreichte. Selbst der Todesengel wollte nicht abseits stehen. Er spendete ihm das „Ketaures", von dem es (M. 4, 17) heißt: „Es stand zwischen den Toten und Lebenden." * Nur Satan konnte sich nicht beruhigen. Er warf sich vor dem göttlichen Throne nieder und jammerte: „Wo ist die Thora hin." „Ich habe sie der Erde geschenkt", sprach Gott. Da eilte er zur Erde, sie schickte ihn aber zu dem Meere. Das Meer verwies ihn auf den Abgrund. Er fano sie aber weder hier, noch im Tod und Verderben. Da kehrte er zu Gott zurück und klagte: „Ich habe den ganzen Erdenball durchmüylt und fand sie nicht." Jetzt nannte endlich Gott den Sohn Amrams. Flugs machte sich Satan auf den Weg zu Moses und er sprach: „Wo ist die Thora, die dir Gott gegeben hat?" „Wer und was bin ich", gab ihm Moses zurück, „daß mir die Thora werden sollte?" Da aber nun Gott Moses der Unwahrheit zeihen wollte, fügte er, sich rechtfertigend, hinzu: „Darf ich dieses kostbare aller Kleinodien für mich in Anspruch nehmen? Ich habe sie für Israel, für die Welt erhalten." Gott aber gefiel diese Sprache der Demut und er belohnte sie damit, daß er selbst die Thora an den Namen Moses knüpfte. So heißt es denn in Malachi 3: „Bedenket die Lehre des Moses, meines Dieners." * Man heißt den Berg der Gesetzgebung Sinai: 1. Weil dieses Wort in umgekehrter Buchstabenstellung „Nisar", Wunderberg, lautet. 2. Weil das Wort lautverwandt ist mit „Simon", Zeichen, gutes Omen. 3. Sinai bezeichnet auch H a ß. Alle Liebe und allen Haß schafft sich die Welt selbst, je nachdem, ob und wie sie die Sinaiwahrheiten beherzigt oder mißachtet. _ Elimelech. (Agada.) Das Buch Ruth, das von alters her am Schowuos gelesen wird, beginnt mit den Worten: „Zur Zeit der Richter war eine Hungersnot im Lande. Da zog ein Mann von Bethlehem in Juda mit seinem Weibe und zwei Söhnen in das Land Moab. Der Mann hieß Elii melech und sein Weib Noemi und seine Söhne Machlon und Kiljon. Elimelech aber starb, und sie blieb übrig mit ihren zwei Söhnen. Diese nahmen sich moabitische Frauen', die eine hieß Orpa, die andere Ruth. Nach etwa zehn Jahren aber starben auch Machlon und Kiljon." Das ist alles, was über Elimelech und seine Söhne gesagt wird. Einer freilich sehr viel späteren Zeit war es unbegreiflich, wie ein Israelit das heilige Land, das Land der Sehnsucht, das Land, das die Juden je länger, desto inniger „mit der Seele suchten", verlassen konnte, um unter Heiden zu leben. Mit alter Kunst und neuer Lust setzte das „Fabulieren" ein, und so entwickelte sich die folgende Legende. Elimelech, aus dem Stamme Juda, war ein Nachkomme des Nachschon ben Äbinadab, der in den Tagen Moses ein Stammfürst in Israel war. Elimelech war ein angesehener und wohlhabender Mann, aber er hatte kein gutes Herz. Als nun Hungersnot und Teuerung ins Land kamen, sprach er zu den Seinen: „Jetzt werden alle zu mir kommen, daß ich ihnen Brot gebe. Aber ich habe keine Luft dazu; lieber wandere ich aus" Gesagt, getan. Das war nicht schön von Elimelech, und er beging damit eine doppelte Sünde. Denn einmal übertrat er das Gebot, daß man seinem Nächsten in der Not helfen soll, und zweitens verlor er im Heidenlande die Möglichkeit, Gott in der rechten, von der Thora vorgeschriebenen Weise zu dienen. Er hätte eher Brot aus Kleie essen müssen, als aus dem heiligen Lande gehen. Darum ließ ihn Gott in Moab bald sterben. Noch eine dritte Sünde muß ihm angerechnet werden: er hat auch seine Söhne auf Abwege geführt. Freilich war die rechte Gottesfurcht auch ihnen fremd. Denn sie haben ihrem Vater keinerlei Gegenvorstellungen gemacht, als er ihnen seine Absicht, auszuwandern, mitteilte; aber die Gleichgültigkeit gegen die heilige Heimat und die jüdische Lebensführung haben sie geradezu von ihrem Vater gelernt, sonst hätten sie keine heidnischen Frauen genommen. Dieser Mangel an Gottesfurcht rächte sich auch an ihnen; denn sie starben bald dahin und ließen ihre jungen Frauen als Witwen zurück. Da zeigte der heidnische Moabiterkönig doch mehr Ehrfurcht vor Gott! Elimelech war ein reicher Mann gewesen, und so wurde sein Sohr. Machlon der Schwiegersohn des Königs von Moab, indem er dessen Tochter Ruth als Gattin heimsührte. Dieser König hatte aber die Israeliten Jahre lang bedrückt, bis ein gewisser Ehud sich aufniachte, sie zu befreien. Den Dolch unter seinem Gewände, nahte er dein Könige mit einem Geschenke. Der König, ein fetter Mann, empfing ihn sitzend. Als die Träger des Geschenks fvrtgegangen waren, sprach Ehud: „O König, ich habe geheim mit dir zu reden." Da ließ der König alle Anwesenden hinausgehen. Nun sprach Ehud: „Ich habe ein Wort Gottes an dich!" Da stand der König in Ehrfurcht auf; aber Ehud stieß ihm den Dolch in den Leib und entfloh. Der König starb; aber seine Ehrfurcht vor Gott wurde ihm damit gelohnt, daß seine Tochter Ruth nach dem Tode des Machlon die Gattin des Boas und die Stammutter des Königs David wurde. Grünes. Von Scholem-Aleichem. Wäre die Feder eines Schriftstellers ein Malerpinsel oder wenigstens ein photographischer Apparat, so würde ich dir, lieber Leser, ein Geschenk zu Ehren des bevorstehenden Festes darbringen: ,eine Grüppe dieser schönen Köpfchen dreier armer, nackter und barfüßiger, aber anmutsvoller jüdischer Kinder. Alle drei Köpfchen schwarz, das Haar gekräuselt, die Augen groß und funkelnd. Sie schauen euch verwundert an und stellen eine Frage an die Welt: Wozu? Ihr schaut sie an, bewundert sie und fühlt euch ihnen gegenüber befangen, als ob ihr an ihrer Erschaffung mitschuldig wäret. Noch drei überflüssige Seelen in die Welt gesetzt! Die drei schönen Köpfchen; Abramtschik, Moisiejtschir und Dwojre'l, sind zwei Brüder und ein kleines Schwesterchen. Abramtschik und Moisiejtschik — so pflegte sie ihr Vater, Pejsse, der Buchbinder, in unjüdischer Weise die Namen verzärtelnd, zu nennen. Würde er sich nicht vor seiner Frau Pesse schämen und wäre er nicht so bitter arm, so würde er seinen eigenen Namen von Pejsse der Buchbinder in „Peti Pierepliotschik" umwandeln. Aber da er ein wenig Angst hat vor seiner Pesse und da er ein so furchtbares Ewjon ist, so beschloß er, bei seinem alten Namen „Pejsse der Buchbinder" m bleiben, bis einmal die gute Zeit eintreten wird, jene glückliche Zeit, wenn überhanpt alles anders werden soll, wie Bebel sagt, wie Karl Marx mit Bestimmtheit behauptet und wie alle klugen, guten Leute sagen — dann wird alles anders werden. Aber vorläufig muß man von früh morgens bis spät abends auf den Füßen stehen und Papierkartons schneiden und an Kisten und Schachteln klopfen. Und so steht auch Peisse der Buchbinder den ganzen Tag auf den Beinen, schneidet Papierkartons, klopft an Schachteln und singt während dieser Arbeit alte und neue, jüdische und nichtjüdische Liedchen mit fröhlich-traurigen Melodien. Als Beispiel zitiere ich ein jüdisches Liedchen, das Pejsse der Buchbinder mit der nichtjüdischen Melodie des russischen Volksliedes „Maschenka Golubuschka" in näselndem Tone summt: Mir is gut, Oj, oj, oj! Ich bin a fröhlich Jüd, Nischt da zu essen, Oj, oj, oj! Sing ich mir a Liedel!

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