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Jüdische Korrespondenz · 1920-05-20 · 17 (20.5.1920) · page 8

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
17 (20.5.1920)
Date
1920-05-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Jüdische Korrespondenz Nr. 17 von pessach bis Zchrvuos. Von Rabbiner A. Weiß (Wien). Im Midrasch Rabah lesen wir: „Wenn ihr in das Land kommet, welches ich euch gebe usw., sollt ihr ein Omer von den Erstlingen eurer Ernte dem Priester bringen. Hierüber bemerkt Rabbi Jochanan: Laß dir nie das Gebot des Omers als gering erscheinen, denn durch dieses ward Awrohom wert gefunden, das Land Knaan zum Besitz zu erhalten, wie es heißt: Ich werde dir und deinen Nachkommen nach dir das Land deines Aufenthaltes geben, aber mit der Bedingung, daß du meinen Bund beobachtest; das ist das Gebot des Omerbringens." Mit dem Omerzählen beginnen wir am zweiten Pessachtage und fahren fort bis zum Matan Thora-Tage. Die Sfira ist das Bindeglied zwischen dem Feste der Befreiung vom Sklavenjoche und dem Feste der Offenbarung, an welchem der Menschheit das höchste, das kostbarste Gut, der größte und wertvollste Schatz gegeben wurde. Es ist hiermit Sinn und Zweck der beiden durch das Omer ineinander verschlungenen Feste leicht zu erkennen; Pessach und Schwuos reichen einander die Hände; weil sie einander ergänzen, weil sie einander angehören, denn sie rufen es uns in die Seele hinein: Freiheit und Thoratreue sind zwei unzertrennliche Teile, die ein harmonisches Ganzes bilden! Wirkliche, vollkommene, sittliche Freiheit gedeiht nur im Zeichen der Thoratreue. „Usfartem lochem.“ Am Feste des Cherus ist der Beginn des Zählens; wir zählen einem lange erwarteten Freunde Tage und Stunden entgegen; wir rechnen mit banger Ungeduld, wie viel vergangen von der Zeit, die verstrichen sein muß, um uns dem Feste des Churiis zu nähern, an dem uns die von Haschem eingegrabene Schrift geschenkt wurde; es tut dem Herzen wohl, mit jedem Tage dem Ziele näher zu kommen, denn das jüdische Herz ahnt und weiß es, daß Freiheit ohne Thora keine rechte Freiheit zu nennen ist; darum sehnt es sich von Cherus zu Churiis, nach dem Tage, der unseren Vorfahren das Kleinod gebracht, en loch ben-chaurin ela mi scheossek bathora. Denn lediglich durch den Thora-Geist kann Freiheit uns zum Heile gereichen. Dies sagt uns .klar und deutlich der oben angeführte Satz. Ich gebe euch Land, Freiheit und Selbständigkeit! Voraussetzung für die Gewinnung und Festhaltung desselben ist die Wahrung und Treue des Gottesbundes. Mit anderen Worten: Ich versetze euch in ewige Pesfachstimmung; aber lebet und webet im Zeichen der Schwuosfahne! „Usfartem lochem.“ Zählen sollen wir diese Tage! Was pflegen wir zu zählen? Doch nicht das Unbedeutende und Wertlose; doch nicht das, dessen Besitz uns nichts kümmert, das uns klein und geringfügig ist. — Wir drücken unsere Gleichgültigkeit gegen das Wertlose dadurch aus, daß wir es des Zählens nicht würdigen, wir lassen es ungezählt. Nur für das Bedeutsame und Wertvolle, das uns kostbar scheint, suchen wir die Zahl, um dadurch die Menge dieses unseres Besitzes festzustellen. Nun wohlan, wir zählen diese Tage, weil sie uns schwerwiegend und wertvoll sind, wir wollen sie gleichsam festhalten; führen sie uns doch zu Matan Thora, und solche Tage, die uns an( das Choreb-Ziel gemahnen, sind schon des Zählens wert. Die anderen Tage des Lebens, die leer und gehaltlos, ohne Spur jüdischer Regung an uns vorübergehen, mögen ungezählt bleiben; waren sie nicht jüdischem Schaffen und Wirken geweiht, verdienen sie es nicht, festgehalten zu werden. Die Sfira führt uns den Weg zur Thoratreue; zählen wir jene Tage, an denen wir unserem Israel-Berufe leben, lassen wir die übrigen Zeiten des Nichtschaffens unbeachtet und ungezählt, sondern wir unsere Tage, die dem Keudesch, jüdischen Idealen geweiht sind, von den übrigen Tagen des gewöhnlichen Lebens; dann werden wir auch alle Werte und Unwerte des Lebens einer Erwägung unterziehen und prüfen, welche Güter einen ewigen Wert für die jüdische Seele haben und welche bloß für den Schein, für das Flüchtige und den Moment allein Erfolg versprechen. Und sondern das Reine vom Unreinen, das Jüdische vom Unjüdischen. So tat es Awrohom Uwinu. „Soken bo bajomim.“ Er war alt geworden und kam mit seinen Tagen; die einzelnen Tage des Stammvaters waren Zeugen seines Gotteswirkens, er zählte sie, darum gingen die Tage nicht im Alter auf, sondern waren einzeln zu werten und zu schätzen und so konnte er das Ziel erreichen, Beritti lischmaur, den Gottesbund zu wahren, seinen Gottesweg gesondert vom Wege der Heiden und Gottlosen wandeln. Darum ward er der bo bajomim, der Tagezähler, der dadurch den Weg zur Gottestreue gefunden — gewürdigt der Versicherung: „Ich gebe dir und deinen Nachkommen das Land!" Denn die Selbständigkeit und Freiheit im Zeichen der Bundestreue machet uns zu einem Muster- und Gottesvolke. „Usfartem lochem.“ So sollt auch ihr zählen! „Lochern“ um euretwillen selbst, das Zählen der Tage führe uns zum Zählen und Werten aller Güter des Lebens. — Wenn wir im Alltagsleben, im Geschäfte und in anderen Dingen alles genau in Erwägung ziehen, so genau als möglich in Zahlen und Ziffern festsetzen, wie es um uns steht, was gewonnen und was verloren ist. Warum sollen wir in heiligen Dingen, im jüdischen Leben weniger genau und sorgfältig mit uns verfahren. Sind doch jene nur Chaje schaah, zeitliche, vergängliche Güter, während diese, Chaje olam habah, Werte ewigen Lebens sind, bleibende Schätze, die unser ewiges Heil bilden und uns niemals genommen werden können. Zähle und schätze alles gehörig ein! Wenn du in deinem Jagen und Haschen nach Genuß, Gewinst und Geld — das Gottesgesetz anfgibst, die religiösen Vorschriften, Tfila und Schabbos, die du als heilig erachten sollst — bei Seite schiebst, frage dich, was du da eingetauscht, wieviel du gewonnen. Was ist mehr? Jenes oder dieses? Lege beides auf die Wage nud prüfe, welches mehr wiegt. Welches von beiden ist das Vergängliche und was ist das Ewige? Was das Irdische und was das Göttliche? Was wird schwinden und bleichen, und was ist bleibend? Und wenn 'wir von der geraden Vernunft uns leiten lassen, müssen wir uns sagen: Wir wollen nicht in der Arbeit, dem Dienste, den uns das Leben auferlegt hat, gedankenlos und gesinnungslos wie ein lasttragendes Tier untergehen; wir wollen von Zeit zu Zeit unseren Geist erheben, unsere Gedanken, Worte und Taten auch höheren Zielen weihen, damit alles Göttliche und Edle der jüdischen Menschennatur in uns nicht ersterbe. Dann rufen wir aus mit David Hamelech: „Meowaj tachkemoni.“ Ich bin weiser als meine Feinde, nämlich als die Thorafeinde, denn jene klammern sich an das Irdische und Vergängliche allein, „Mizwoussecho, kileolam huli“, während ich mein Leben nach deinen Geboten regle, leolam, die ewigen Wert haben, li hu, ferner mir stets angehören, deren Besitz bei allen Stürmen der Welt unantastbar mir bleibt. „Usfartem lochem.“ Zählen sollet ihr! Es sind gerade jene Tage, an denen das jüdische Volk die blutigsten Verfolgungen, die größten Bedrängnisse über sich ergehen lassen mußte, woran das herzerschütternde Aw Hürachmim-Gebet uns gemahnt; lediglich deshalb, weil es das Ziel und ihm das so heilige Gut nicht missen, nicht aufgeben wollte. Mit dem Kostbarsten, was das Menschenkind hienieden besitzt, mit ihrem Leben, mit dem Leben seiner größten und edelsten Männer hat Israel dieses Erbe bezahlt. Solche Tage müssen einzeln gezählt und gewogen werden — diese Tage mit ihren Geschehnissen sind die markantesten Künder der Gottestreue und Thoraliebe unserer Uwaus und Jmuhaus. _ (Schluß folgt.) Die Gesetzestafeln. Von Rabbiner L. Als Gott sie verkündet hatte, scharten sich die Engel um seinen Thron und sprachen: „O Herr, du hast Großes den Menschen gegeben. Keine Lehre ist reiner, kein Wort erhabener, das je auf die Erde kam. Wird es bleiben auf Erden? Wird nicht auch das verklingen, wie alles verklingt und vorüberrauscht? Eine Weile Erhebung, eine Weile Begeisterung, ein „naase wenischwa“, ein Hören und Schallen und Streben, ein Empor (Fortsetzung auf Seite 10.)

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