Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 17 (20.5.1920)
- Date
- 1920-05-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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T- Seite G Jüdische Korrespondenz Nr. 17 (Dozentenjubiläum des Herrn Dr. Wohlgemuth.) Aus Berlin wird gemeldet: Auf eine 85 jährige Lehrtätigkeit am Rabbiner-Seminar konnte zu Beginn dieses Semesters Herr Dozent Dr. I. Wohlgemuth zurückblicken. Er war damals, obgleich erst selbst eben aus der Anstalt entlassen, auf Grund seiner hervorragenden Talmudkenntnisse und seiner wissenschaftlichen Befähigungen, als Dozent angestellt worden und übernahm zunächst den Talmudunterricht in der Unterabteilung. Aber schon nach wenigen Jahren wurde ihm ein Lehrauftrag für Poßkim, für Neligionsphilosophie und wiederum nach einigen Jahren für Homiletik erteilt. Die Eigenart seines Talmudunterrichtes hat ihn bei seinen Schülern beliebt gemacht, mehr aber noch das persönliche Interesse, das er an jedem Einzelnen von ihnen nahm und die Förderung, die er ihnen in wissenschaftlicher und materieller Hinsicht zuteil werden ließ. Auch seine hervorragende schriftstellerische Begabung hat er in seinen wissenschaftlichen Beilagen zu den Jahresberichten, aber auch sonst durch zahlreiche Monographien und seit sechs Jahren durch Begründung und Herausgabe des „Jeschurum" in den Dienst des gesetzestreuen Judentums gestellt. Die Wiederkehr des Tages seines Eintritts in das Lehrerkollegium wurde in schlichter Weise am Eröffnungstage des neuen Semesters gefeiert. Nach einer Ansprache seines Kollegen Dr. Eppstein verlas der älteste Hörer eine Adresse, die Lehrer, Schüler und Kuratoren unterzeichnet hatten, und es überreichte namens des Kuratoriums Herr Dr. Pinchas Kohn mit einer kurzen Ansprache Ehrengeschenke. (Die rituelle Fleischversorgung der Juden.) Aus Dresden wird berichtet: Gegen bie Versorgung der rituell lebenden Juden mit Fleisch waren hier antisemitische Angriffe erfolgt, welche behaupteten, diese Versorgung enthalte eine Bevorzugung der Juden vor der übrigen Bevölkerung. Nun hat darüber der Schlachthofsdirektor Angermann an den Dezernenten des städtischen Schlachthofs einen Bericht erstattet, in welchem es heißt: „Im allgemeinem ist zu sagen, daß eine wirkliche Benachteiligung der übrigen Bevölkerung durch die reichlichere Belieferung der Juden mit Frischfleisch kaum festzustellen sein dürfte, und zwar deshalb, weil das gelieferte Frischfleisch mit Knochen den Juden zu demselben Preise angerechnet worden ist wie die teuren Konserven und weil letztere meist wertvoller waren als das oft recht minderwertige Frischfleisch, das ihnen überwiesen worden ist. Die Ausstellungen, die von den Schlächtern bei der Beurteilung der geschlichteten Tiere gemacht werden, beziehen sich nicht auf die Qualität der Schlachtstücke. Nach den rituellen Vorschriften der Juden ist unter Umständen ein junges ausgemästetes Rind zu verwerfen, während ein anderes abgemagertes Tier von den Schächtern für tauglich — koscher — befunden wird, nach den allein maßgebenden Grundsätzen der wissenschaftlichen Fleischbeschau gegebenenfalls aber als untauglich zn erklären ist." (Die Jude» in Polen.) Wie aus Warschau gemeldet wird, geht nunmehr die polnische Regierung an die Durchführung der im Friedensvertrag bezüglich der nationalen Minderheiten übernommenen Verpflichtungen. Sie bereitet die Abänderung des Artikels 464 der russischen Landorduung für Polen vor, welcher den Juden die Beschäftigung mit der Bergwerksindustrie verbietet. * (Die erste» jüdischen Emigranten aus Polen durch die Verwandtenaktion abtransportiert.) Aus Warschau wird gemeldet: Am 2. d. M., um 12 Uhr mittags, ist aus Danzig der Dampfer „Mexiko" mit 546 Passagieren abgefahren. Darunter befinden sich mehr als 500 Juden, welche aus Polen und den übrigen osteuropäischen Ländern nach Amerika wandern. Es sind ausschließlich solche, deren Angehörige in Amerika ansässig sind, von welchen ihnen auch bescheinigt wurde, daß sie sie zu sich nehmen. Sie haben auch die Schiffskarten von ihren Angehörigen erhalten. — Der Dampfer „Mexiko" ist Eigentum der „General Company Transantlantic", welche einen regelmäßigen Emigrantendienst Danzig—New Hork via Havre eiiiridjtet. (Der Völkerbnndrat wird sich mit der Lage der Juden in Polen befassen.) Im englischen Unterhause teilte auf eine Anftage über die Lage der Juden in Polen Cecil Harmsworth mit, der Bericht der zur Beratung dieser Frage eingesetzten Kommission werde bald dem Völkerbundrate vorgelegt werden, da es sich hier um eine Angelegenheit handle, für die der Völkerbund verantwortlich sei. (Kredite für jüdische Kleinhändler und Handwerker in Polen.) Ueber Initiative des Joint Distribution Committee fand in Warschau eine Beratung der intercffiertcu Kreise über die Frage der Kredite an jüdische Kleinhändler und Handwerker statt, welche unbedingt notwendig sind, damit diese Berufe wieder produktiv arbeiten können. Als organisatorische Grundlagen für diese Kredite wurden in Betracht gezogen die Bankform, die Form der Leih- und Sparkassen und die Form einer aus den Kleinhändler- und Handwerkerorganisationen gebildeten Gesellschaft, welche zinslose Darlehen gewährt. Da zurzeit eine Bankgründung nicht möglich ist imb auch die Anlegung eines Netzes von neuen Spar- und Leihkassen Schwierigkeiten begegnet, wurde beschlossen, die dritte Form (Gesellschaft für zinslose Darlehen) zu organisieren, welche in Amerika bereits mit bestem Erfolg angewendet worden ist. Ferner wurde beschlossen, zu der Aktion auch die bereits bestehenden jüdischen Spar- und Leihkassen heranzuziehen, welche infolge des Geldmangels vielfach ihre Tätigkeit eingestellt haben. Sie sollen unter der Kontrolle der Darlehensgesellschaft Kredite an Kleinhändler und Handwerker gewähren. Bei der Beratung wurden von den Anwesenden für das Grundkapital der zu gründenden Gesellschaft, deren Arbeitsplan auf einer gemeinsamen Beratung mit den Vertretern des Joint in Kürze festgesetzt werden soll, fünf Millionen Mark gezeichnet. Das Joint Distribution Committee ist bereit, für eine solche Gesellschaft bis 50 Millionen Mark aufzuwenden. (Die Orthodoxie in der Tschecho-Slowakei.) Die Statuten der Organisation der orthodoxen Gemeinden in der Slowakei wurden. von der Regierungsbehörde legalisiert. Somit hat die orthodoxe Organisation in der Slowakei ihre gesetzliche Anerkennung gefunden. (Die Sabbatruhe in Lettland.) Die Liga zum Schutze des Kleinhandels in Riga protestiert gegen das projektierte Gesetz über die obligatorische Schließung der Geschäfte am Sonntag und legt dar, daß die Annahme dieses Projektes vom ökonomischen Standpunkte sehr gefährlich sein könnte, denn die jüdischen Geschäfte müßten zwei Tage hintereinander ihre Geschäfte schließen: am Samstag und am Sonntag. Aber außer diesen schädlichen Folgen würde die Verwirklichung dieses Projektes, so sagt die Liga, eine moralische Bedrückung gegen die zahlreichen lettischen Bürger jüdischer Abstammung bedeuten, was in dem demokratischen Lettland nicht Vorkommen dürfe (Die Sabbatrnhe im Staate Albany.) Aus New Äjork wird berichtet: In der gesetzgebenden Körperschaft des Staates Albany wurde der vom Astemblyman Samuel Dickstein eingebrachte Gesetzesantrag, wonach denjenigen Juden, welche erlviesenermaßen die Sabbatruhe halten, gestattet wird, am Sonntag zu arbeiten, mit 126 gegen 13 Stimmen angenommen. Es ist anzunehmen, daß der Senat sich diesem Votum anschließen und der Staatsgouverneur das Gesetz in kürzester Zeit in Kraft treten lassen lvird. (Bolschewismus und Jndentnm.) Nach einer „Journal"-Meldung aus Moskau, hat die Sowjetregierung eine Proklamation erlassen, in der sie die jüdischen Gemeinden als gefährlich für die Erziehung des russischen Proletariats zum Kommunismus bezeichnet. Sie befiehlt infolgedessen die Schließüng aller jüdischen Lehranstalten und Institutionen im ganzen Gebiet von Sowjetrußland. — Wie paßt dieses zum Gerede vom „jüdischen Bolschewismus"? (Der jüdische Kongreß.) Auf einer in New Jork stattgefnndenen Konferenz jüdischer Organisationen des ganzen Landes unter Beteiligung von gegen hundert Delegierten, die 2 Millionen Juden vertraten, wurde beschlossen, daß der jüdische Koilgreß für den 6. Juni nach Philadelphia einberufen werde, lvo er permanent tagen soll. (Das Joint Distribution Committee gegen die Welthilfskonferenz.) Auf der letzten Sitzung der Exekutive des Joint Distribution Committee wurde die Frage der Welthilfskonferenz behandelt und folgende Resolution angenommen: <