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Jüdische Korrespondenz · 1920-05-20 · 17 (20.5.1920) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
17 (20.5.1920)
Date
1920-05-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 17 Weltanschauung zu befähigen und zu stärken, dieses Ziel kann generell nur durch Schulen herbeigeführt werden. Wichtiger als „die Schul" bleibt die Schule.* (Fortsetzung folgt.) Ltho-ZLonLsmus. (Gedanken über das Erlösungsproblem.) % «Fortsetzung.) Man braucht nur die politischen Vorgänge der letzten Jahrzehnte und die gegenwärtige Weltlage zu betrachten, sieht man schon jetzt, wohin der Mangel an Denkgläubigkeit, durch den künstliche Verdummung einerseits und thörichte Verblendung anderseits über die Gemüter Macht gewonnen, die Menschheit führt. Jn^Entsetzen sträubt sich die gesunde Vernunft gegen die Annahme einer Möglichkeit, daß die großartigen Errungenschaften des Menschengeistes dazu da wären, um einem Haß, Boßheit und Verachtung atmenden, Blut und Mark zehrenden Affentume zu dienen. Daß man unterseeisch fährt, um die ganze Erde Zeichen gibt, auf ungeheuere Entfernungen spricht, mit elektrischen Sonnen hantiert und in den Lüsten stiegt, macht die Gesunkenheit und Verwilderung, sowie die Not und das Elend nur um so ungeheuerlicher. Da gibt es nur einen einzigen Weg zur Umkehr, den der Menschengeist finden muß und wird, die Zuwendung zu seinem Ursprünge, die Zuwendung zu Gott, der den Sternenhimmel geschaffen, die Erde und alles was auf ihr sprießt ins Dasein gerufen und der sie bewohnenden Menschenbevölkerung die Seele und den sich auf ihr bewegenden Geschöpfen den Lebensgeist gegeben. Nur ein Jnnewerden der Beziehungen der Vernunftwesen zum Urquell ihrer Anlagen, zur sittlichen Intelligenz, jene religiössittliche Ueberzeugung, die von den Propheten Gotteserkenntnis genannt wurde, vermag hier Wandel zu schaffen und solche Erleuchtung des Gemütes findet dort, wo der Gottesbegriff in Einheit und Reinheit vorhanden, wenn der Wille dem Guten und Wahren zugewendet ist, eher und kräftiger statt. Aus alldem erhellt, daß es in unserer Gegenwart, wo die zur sittlichen Entwickelung unerläßliche zentrale Wahrheit einerseits durch Verdunkelung um ihre Segenskraft gebracht wird und auf anderer Seite, in vielen Geistern, die durch seichte Aufklärung geblendet, bis zum Verschwinden erblaßt, von großer Bedeutung ist, daß auf Erden ein Volk lebt, das für sie, in zäher Ausdauer und unerschütterlicher Glaubenstreue, mit Hintansetzung von Lebensglück und Gut, Zeugenschaft ablegt. Nicht ob der Aussichten auf paradiesisches Wohlbehagen im Jenseits, sondern ob der großen Grundsätze, ein einziger alleiniger Gott als Schöpfer aller Dinge, eine im Ganzen und Großen zusammenhängende Welt als Stätte seines Waltens, eine trotz ihrer Mannigfaltigkeit zusammengehörige Menschheit und Achtung der Ebenbildlichkeit des Höchsten, an allen vernunftbegabten Wesen, haben unsere Vorfahren all die entsetzlichen Qualen über sich ergehen lassen, die durch Heuchelei und einige Selbstbelügung unschwer abzuwenden gewesen wären, und noch heute erträgt der denkende Israelit all die Zurücksetzungen und Kränkungen, die ihm ob seiner Religion von den zurückgebliebenen und' sittenfaulen Elementen der Völker zugefügt werden, nur um ihretwillen. So fruchtlos das allen ätzenden, zersetzenden und gewaltsamen Einflüßen Trotz bietendes Festhalten unseres Stammes an dem Glauben und den Satzungen seiner Religion in verschiedenen Zeiten schien und vielen noch immer zu sein scheint, war und bleibt es geeignet, die grundlegenden metaphisischen und ethischen Ideen, die ihn dazu bewogen, immer wieder und wieder in Erinnerung zu bringen. So muß und wird es kommen, daß unsere Ideale, die man schon so oft als belanglos und abgetan beiseite geschoben und immer vom Neuen hervorgeholt und sich mehr oder minder angepaßt, zu eigen zu machen versucht hat, schließlich als hochheilige Güter der Menschheit erkannt und anerkannt, zu dauernder Geltung kommen. * Wir behalten uns vor, zu diesen Ausführungen Stellung zu nehmen. D. R. Wenn die im erstaunlichen Maße fortschreitende Wissenschaft, Kunst und Bildung, nicht einer schrankenlosen Entwickelung und Verbreitung aller kaum denkbarer Gemeinheiten, Laster, Roheiten und Infamien dienend ebenso fortschreitend, mehr Gemüter vertieren sollen, wird man sich im gesellschaftlichen und politischen Leben und vor allem im religiösen, sehr ernstlich auf den biblischen Grundsatz besinnen müssen, nach dem die Psyche des Vernunstwesens ein Heiligtum ist, dem an und für sich Achtung gebührt und die Achtung des Wesens wird auch die seiner angeborenen Rechte mit sich bringen. Gewaltsam drängt sich die Frage auf: Wieso kommt es, daß die schon Tausende Jahre an allen Ecken und Enden gepredigte Lehre von der Nächstenliebe so wenig verfängt? Was ist schuld daran, daß die an sie geknüpfte Moralregel, nach der es eines jeden Menschen Pflicht ist, daß er was, wenn ihm selbst zugefügt, von seiner Person als Unrecht empfunden würde, andern zu tun unterlasse, obwohl selbe allgemein bekannt war und ist, nur hie und da richtunggebend geworden? Warum schwebt das moralische Licht, das den Religionen entströmt, gar so oft, seiner Bestimmung entgegen, wie ein Irrlicht über den Sümpfen? Das ist nur die Folge der Entweihung der Menschenseele, der Mißachtung der ihr anerschaffenen Heiligkeit, die Verkennung der Heilswahrheit des Bibelwortes „An dem Tage, da Gott den Menschen erschaffen, hat er ihn in seinem Ebenbilde gemacht", die Nichtbeachtung der Quelle, aus der die moralischen Anlagen die Kraft schöpfen, die ihren Regungen gebieterischen Charakter verleiht. Woher soll Nächstenliebe kommen, wo die Achtung des Spezifisch-Menschlichen fehlt und woher sollen sich Gerechtigkeit und Menschlichkeit einfinden, wenn man den Nebenmenschen die elementarste Wertschätzung vorzuenthalten gewohnt ist?! Diese Erkenntnis wird ftüher oder später zum Durchbruche kommen und mit ihr auch die Einsicht, daß was, wenn von einem Einzelnen an Mitmenschen begangen, für verdammenswert gilt, an einer ganzen Gesellschaftsklasse oder gar an einem Volke verübt, nur umso größere Verurteilung verdient und wo soziale oder politische Frevel von Gesamtheiten ausgehen, die allerschärfste. Sie mag wohl noch ferne sein, doch gewiß kommt die Zeit, wo man die zehn Gebote im Geiste unserer Propheten auffassen wird. Dann wird der Mißbrauch des göttlichen Namens zu dem falschesten Zwecke, zur Erzeugung von Haß, Verachtung und Menschenhetze, strenger verdammt werden, als der schwärzeste Meineid, das Gesetz „Du sollst wider den Nebenmenschen kein falsches Zeugnis oblegen" vieltausendfache Verurteilung, der Verleumdung eines ganzen Volkes ergeben, das Verbot nicht lüstern zu sein, nach dem Eigentume anderer, in ungemein verstärktem Maße, auf die politische Lüsternheit, auf die Raublust, die über Staatsgrenzen schielt, angewendet werden, ähnlicher Weise das Gesetz „Du sollst nicht stehlen" auf abstehlen von Menschenrechten und auf Bodendiebstahl, diesseits oder jenseits der Grenzen, in welcher Form immer und schließlich das Verbot, „Du sollst nicht morden" auf den Massenmord, durch Schwert und Feuer, durch Not, Elend, Aushungerung und Verseuchung, auf das große Kollektiv-Verbrechen, das jede Art anderer einschließt, auf den Krieg in allerstrengstem Sinne bezogen werden. Unsere Gewärsmänner für die Tendenz der erwähnten Sittengesetze sind die Propheten Jesaia und Micha, die vor siebenundzwanzig Jahrhunderten geweissagt haben, daß in später Zukunft eine Zeit kommt, wo die Völker ihre Kriegswerkzeuge in Geräte zu friedlicher Arbeit umwandeln werden, da kein Volk mehr wider das andere das Schwert ziehen und Kriegsführung nicht mehr gelernt werden wird. Den Gesichtspunkt, von dem aus die Gottesmänner in die nebelhaft ferne Zukunft hineingeblickt, war die Auffassung, daß die Offenbarung am Sinai stattgefunden, damit auch die andern Völker die dort verkündeten Lehren sich zu eigen machen und Heil finden. Wird nun der ethische Geist, der aus ihnen spricht, im Völkerleben herrschend, hört alle gesellschaftliche und politische Niedertracht, da sie machtlos geworden, allmählich von selbst auf und mit ihr der Zündstoff aller Angriffskriege.

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