Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 17 (20.5.1920)
- Date
- 1920-05-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 17 Weltkongreß der Agudas Iisroel. Die Nachricht über die Einberufung der ersten „Kenessijoh Gedauloh", des ersten Weltkongresses der Agudas Iisroel, für den Herbst dieses Jahres hat in den weitesten Kreisen das lebhafteste Interesse erregt und die freudigsten Gefühle ausgelöst. Die Agudas Iisroel wird auch diesmal die erste jüdische Organisation sein, die nach dem Kriege einen interstaatlichen Kongreß einberuft, ebenso wie sie als erste noch während des Krieges die Organisationsarbeit mit der Konferenz von Frankfurt vom Februar 1918 aufuahm und in den ersten Monaten nach Beendigung des Krieges mit der orthodoxen Weltkonferenz zu Zürich* im Februar 1919 vor aller Welt die Einheitlichkeit des jüdischen- Volkes dokumentierte. Früher als alle anderen jüdischen Organisationen würde die Agudas Iisroel in der Lage sein, eine Heerschau über ihre Mitglieder abzuhallen, die Schar der Glaubenstreuen zu überblicken, die trotz der Ungunst der Zeit dem unverfälschten Judentum treu geblieben und entschlossen sind, für die Hebung und Förderung desselben ihre ganze Kraft einzusetzen. Das glaubenstreue Judentum wird als erstes aus den Plan erscheinen, um die durch den Krieg unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen. Liegt schon in diesem äußeren Rahmen des Weltkongresses der Agudas Iisroel die große Bedeutung dieser „Kenessijoh Gedauloh", so zeugt die Tagesordnung derselben für die gewaltige Tragweite der Veranstaltung. Vier Punkte sind es in der Hauptsache, die die Tagesordnung des Weltkongresses der Agudas Iisroel bilden sollen. Keine äußerliche Fülle, aber es sind die Kardinalpunkte des heutigen jüdischen Daseins. Wird der Weltkongreß seiner Aufgabe gerecht werden — was wir zuversichtlich erwarten — so dürfte das Judentum geistig und materiell besseren Zeiten entgegen sehen. Thora — das soll der erste Punkt der Tagesordnung des Weltkongresses sein. Die Agudas Iisroel wird nur ihrem eigenen Programme gerecht, wenn sie an der Spitze der Beratungen ihrer ersten „Kenessijoh Gedauloh" die Behandlung der Thorafrage stellt. Trotz aller Irrungen und Wirrungen des Zeitalters ist und bleibt die Thora Hakedauscho der Grundpfeiler des Judentums, dem es Leben und Erhalten verdankt. Mögen sich diejenigen, die ein neues Judentum entdeckt haben wollen, ihrer angeblichen Erfolge rühmen, mögen sie rauschende Manifestationen veranstalten und sich als Erlöser aufspielen — ohne Thora wird das Judentum keinen Bestand haben und keine wie immer gearteten diplomatischen Schachzüge werden dern jüdischen Volke ohne Thora das Fortbestehen sichern. Das Erziehungswesen ist und bleibt das Grundelement der inneren Judensrage. Unsere Jugend, die kommende Generation, im Geiste der Thora zu erziehen, nur das verbürgt die Existenz des Judentums, und dafür zu sorgen, muß die vornehmste Aufgabe all jener Kreise sein, die der Erhaltung des unverfälschten Judentums das Wort reden. Diese Ausgabe ist um so wichtiger in unserer Zeit, da von gewisser Seite ein Tanz um die Seelen unserer Jugend aufgeführt wird, mit dem Bestreben, derselben ein Ersatzjudeutum, ein Surrogat, vorzuführen und als das richtige anzupreisen, ein Judentum, auf welches die Worte des großen Rabbi Jehuda Halevy passen: „Lasse dich nicht verführen von der griechischen Weisheit, die nur Blüten aber keine Früchte trägt." Ja, das nationalistische Judentum, das heute propagiert wird, mag äußerlich schön sein — fruchtbringend im geistigen Sinne ist es nicht. Deswegen bildet die Erziehung unserer Jugend im Geiste der heiligen Thora die Hauptaufgabe aller Glaubenstreuen und die „Kenessijoh Gedauloh" der Agudas Iisroel wird Großes vollbringen, wenn sie ans diesem Gebiete fruchtbringende Arbeit leisten wird. An zweiter Stelle wird sich der Weltkongreß mit der Erez- Jisroelfrage befassen. Diesem Problem kommt heute eine erhöhte Bedeutung zu, angesichts der neuen Möglichkeiten, die die internationale Konstellation bietet. Ohne den Stand der * Bei dieser Gelegenheit wollen wir feststellen, daß die Mitteilungen, die Oberrabbiner Dr. Chajes bei einer Versammlung über den Verlauf der Konferenz und die Aktion der Orthodoxie in der Palästinasrage gemacht hat, den Tatsachen nicht entsprechen.. D. R. Dinge in Palästina irgendwie überschätzen zu wollen, ohne auch nur einen Moment lang die gebotene Vorsicht aus deni Auge zu lassen, die jeder diplomatischen Aktion gegenüber am Platze ist, kann es doch keinen: Zweifel unterliegen, daß sich in nächster Zukunft der jüdischen Besiedelung Palästinas weite Aussichteu bieten und daß mit einer starken jüdischen Emigration nach dem heiligen Lande zu rechnen ist. Der glaubenstrenen Judenheit erwachsen aus diesem Stande der Dinge zwei große Aufgaben. In erster Reihe ist es Pflicht derselben, sich an der Besiedelung Palästinas entsprechend ihrer Zahl zu beteiligen. In zweiter Linie hat sie dafür Sorge zu tragen, daß das jüdische Palästina nicht bloß ein Land, der Juden, sondern vornehmlich ein jüdisches Land sein soll. Ein jüdisches Palästina, das dem Geiste der Thora Hakedauscha untren sein wird, hat für das Judentum nicht nur keinen Wert, sondern kann auch keinen Bestand haben. Das heilige Land wird einen nichtjüdischen Jischub ebensowenig ertragen, wie es jene jüdischen Generationen ertragen hat, welche ihrem Gotte und seiner Lehre untreu waren. Gerade diese Aufgabe, für die Jüdischerhaltung des jüdischen Jischub Sorge zu tragen, ist um so dringender, als wir leider schon heute Zeugen höchst! trauriger Erscheinungen sind, da diejenigen, welche die Wortführer im neuen jüdischen Palästina sein wollen, darauf losgehen, dortselbst ein neues Judentum zu verpflanzen, das wohl viel Ähnlichkeit mit der ägyptischen Kinokultur hat, aber dem Geiste der jüdischen Lehre, der jüdischen Tradition und dem jüdischen Leben diametral widerspricht. Deswegen wird auch die Behandlung des Palästinaproblems zu den vornehmsten Aufgaben des Weltkongresses der Agudas Iisroel gehören, und wir wollen schon heute der Erwartung Ausdruck geben, daß die Beschlüsse des Kongresses nach dieser Richtung segensreich sein werden. Neben diesen zwei Hauptproblemen des Judentums in der Gegenwart wird die „Kenessijoh Gedauloh" der Agudas Iisroel auch allen anderen jüdischen Zeitfragen ihr Augenmerk zuwenden. Es spricht für die reiche Lebenserfahrung und die .Weitsicht der Agudaleitnng, daß sie die Emigrationsftage und die Volkswohlfahrt zu Gegenständen der Verhandlungen des Weltkongresses bestimmen. Beide Probleme sind heute brennender denn je, sie erheischen dringend einer Lösung. Ganz besonders die Volkswohlfahrt mit all ihren komplizierten Erscheinungen bedarf sehr ernster Erwägungen und Lösungsmodalitüten im Sinne und im Geiste des unverfälschten Judentunis. Der erste Weltkongreß der Agudas Iisroel wird schließlich auch dazu berufen sein, die Organisation der Orthodoxie, die in allen Ländern vor sich geht, zu fördern unb einer Ausgestaltung und Vollendung zuzuführen. Die große Weltorganisation der Orthodoxie soll zur Tat werden und das glaubenstreue Judentum, das das Gros des jüdischen Volkes bildet, soll iniierhalb desselben den gebührenden Einfluß und die gebührende Geltung erlangen. Der Weltkongreß der Agnda Iisroel soll Kraft seiner Beschlüsse eine große Tat werden, wie schon seine Einberufung eine bedeutende Leistung darstellt. Es ist die Aufgabe der Glaubenstrenen in allen Ländern, sich zur Arbeit aufzuraffen und schon jetzt die Vorbereitungen für den Kongreß zu treffen, damit derselbe auch äußerlich in imponierender For>n vor sich gehen soll. Auf zur Arbeit! Achad-Harabanim. (Ohne den Beschlüssen der Aguda-Leitung vorgreisen zu ivollen, möchten wir uns den Vorschlag erlauben, den ersten Weltkongreß der Agudas Iisroel in Wien stattfinden zu lassen. Es ist keineswegs der Lokalpatriotismus, welcher uns biefeu Wunsch diktiert, sondern das Interesse der Orthodoxie im allgemeinen.. Nicht bloß die geographische Lage Wiens als Zentralverkehrspunkt zwischen Ost und West läßt diese Stadt als besonders für die Abhaltung des Kongresses geeignet erscheinen, sondern auch —und dies in erster Reihe —die gegenwärtigen Valutaverhältniffe sprechen besonders hiefür. Das Gros der Orthodoxie befindet sich im Osten Europas und die entwertete Valuta der dortigen Staaten würde es den breiten Massen der Orthodoxie vielfach erschweren, den Kongreß entsprechend zu beschicken. Die Abhaltung des Kongresses in Wien