Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 17 (20.5.1920)
- Date
- 1920-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ für die Interessen des Judentums. Bezugspreis: Ganzjährig K 50, halbjährig K 25, vierteljährig K 12-50. Ausland jährlich K 70. Einzelnummer 1 Krone. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Ni*. 17 Wien, 3. Siwan 5680, 20. Mai 1920. VI. Jahrgang. 8u den Kultuswahlen Ln Wien. Sonntag, den 27. Juni 1920, werden die Kultussteuerzahler in Wien zur Urne schreiten, um einen neuen Kultusvorstand zu wählen, an Stelle des bisherigen, der bereits seit acht Jahren amtiert und zum großen Teile aus kooptierten Mitgliedern besteht. Der Kampf der bisherigen Machthaber in der Kahalstube und derjenigen, welche an ihre Stelle treten möchten, hat vorläufig mit dem Erfolge der letzteren geendigt, da der bisherige Vorstand sich nur widerwillig zur Ausschreibung der Wahlen entschlossen hat und dies gewissermaßen unter dem Druck, des Religionslehrerstreiks und des angedrohten Streiks der Beamtenschaft tun mußte. Die Gehaltsregulierung der Beamtenschaft erfordert nämlich die Aufnahme einer Millionenanleihe und eine dauernde Belastung der Gemeinde, die der gegenwärtige Vorstand nicht auf eigene Verantwortung unternehmen wollte. Im Wege eines „technischen Kompromisses" mit der Opposition wurde daher ein neues Präsidium gewählt, dessen Aufgabe die Ausschreibung und Durchführung der Neuwahlen sein soll. Diesem Umstande ist die nunmehr erfolgte Ausschreibung der Wahlen zu verdanken. Es war gewissermaßen eine stille Revolution, welche in der .Revoüttwn-mit einer Koalition als Resultat. Die Geschichte dieser Wahlausschreibung mag sicherlich interessant sein — sie tritt jedoch an Bedeutung hinter der großen Tragweite zurück, die den Wahlen zukommt. Es handelt sich diesmal um keinen einfachen Personen- oder Parteikampf, sondern um einen Systemwechsel, um eine Reform an Kopf und Gliedern, mit kurzen Worten darum, ob die zweitgrößte jüdische Gemeinde Europas fernerhin verknöchert und verdorrt bleiben soll, eine bureaukratische Maschine ohne Saft und ohne Kraft, oder ob sie das werden soll, was eine jüdische Gemeinde sein muß: jüdisch und nur jüdisch! Denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die jüdische Gemeinde Wiens, wie sie heute aussieht, weder nach innen noch nach außen hin ihrer Aufgabe gerecht wurde und wird. Die Orthodoxie in Wien, der die Großgemeinde nichts bieten konnte, kümmerte sich bisher wenig um dieselbe. Sie strebte ihrem Ziele, eine eigene orthodoxe Gemeinde zu errichten, konsequent zu und betrachtete die offizielle Kehilla als eine, im Sinne der Staatsgesetze existierende Institution, die man erhalten muß, so lange es eben nicht anders geht. Heute aber, da wir vor einem Systemwechsel stehen, erachtet es die Orthodoxie für geboten, nicht mehr passiv abseits zu stehen, sondern aktiv einzugreifen und sich innerhalb der Gemeinde zur Geltung zu bringen. Wenn schon ein Systemwechsel eintreten soll, warum auf halbem Wege stehen bleiben? Es wird dem unverfälschten Judentum wenig zufagen, wenn das areligiöse Nationaljudentum an Stelle des sogenannten liberalen treten wird. Wenn schon — denn schon! Die jüdische Gemeinde in Wien muß jüdisch werden! — Dies ist die Parole, mit der die Orthodoxie in die Wahlbewegung eingreift, indem sie zum erstenmal mit einer eigenen orthodoxen Liste auftritt. Im Zeichen dieser Plattform will die glaubenstreue Judenheit Wiens all diejenigen um ihre Fahnen scharen, die Sinn und Interesse für die Jüdischkeit haben. Die jüdische Gemeinde ist in erster Reihe eine religiöse Institution, dazu berufen, die religiösen Interessen zu wahren. Der religiöse Geist muß daher in derselben vorherrschend sein. Wir wollen an dieser Stelle die Bedeutung und die Leistungen der anderen jüdischen Strömungen und Richtungen nicht in Zweifel ziehen. Mag sein, daß sie nach gewissen Richtungen manches für sich haben. Allein, wenn jemand einen Prozeß zu führen.hat, so vertraut er seine Sache einem Advokaten an; wer krank ist, ruft die Hilfe eines Arztes an; wer ein Haus bauen will, der zieht einen Architekten zu Rate. Man wird auch den berühmtesten Advokaten nicht ans Krankenbett rufen, und selbst die tüchtigsten medizinischen Koryphäen werden nicht herangezogen, wo es gilt, einen Bau aufzuführen. Die Kultusgemeinde ist eine religiöse Institution und nur diejenigen, die ein religiöses Leben führen und Sinn und Verständnis für religiöse Dinge haben, sind berufen, die Gemeinde zu leiten. Es mag gar mancher nach verschiedener Richtung seinen Mann stellen, in der Kultus gemeinde hat er nichts zu suchen. Jede jüdische Organisation, jeder Jude, der Gutes anstrebt, hat seinen Wert; — „ein hakodausch boruch humekapeach sechar kol birjah“ — aber es muß immer der richtige Mann an die richtige Stelle kommen. Auch der bewährteste Parteiführer hat nicht.immer die Eignung^ eine Kultusgemeinde zu leiten. Für den glaubenstreuen Juden kann nur der Glaubenstreue der richtige Kultusvorsteher sein. Die nichtreligiösen Agenden zu besorgen, dafür gibt es genugjüdische Parteien, Institutionen und Organisationen. Die Kultusgemeinde soll und muß eine religiöse Institution sein! Indem die Orthodoxie diesmal in den Wahlkampf eingreift und für die bevorstehenden Kultuswahlen eine eigene Liste aufstellt, gibt sie sich der Erwartung hin, daß all diejenigen, die dem religiösen Judentums treu sind, dieser Liste ihre Stimme geben werden, ohne Rücksicht auf ihre sonstige Parteistellung im politischen Leben. Das selbständige Auftreten der Orthodoxie wird auch die Anomalie aus der Welt schaffen, daß die qualitativ und quantitativ stärkste jüdische Gruppe in der Oeffentlichkeit nicht entsprechend zur Geltung kommen konnte. Die einst berühmte jüdische Kehille in Wien, die im Laufe der Zeit nach und nach der Neologie verfiel, muß wieder jüdisch werden! — Mit dieser Parole zieht die Orthodoxie in den Wahlkampf, indem sie eine eigene Liste aufstellt. Sie kompromittiert sich nicht durch irgendwelche Kompromisse nach rechts oder nach links. Sie betreibt keine Mandatpolitik, sondern schreitet unentwegt ihrem Ziele zu. Die Kandidaten, die ihre Liste enthalten wird, werden volle Juden sein, die aufs Ganze ausgehen: Die religiöse Gemeinde den religiösen Juden! Die Würfel sind gefallen. Die Orthodoxie tritt aus der Passivität heraus und greift aktiv ein. In den nächsten Tagen wird die Kandidatenliste veröffentlicht sowie ein, die weitesten orthodoxen Kreise umfassendes Wahlkomitee gebildet werden. Es wird die Sache der Glaubenstreuen sein, sich um die aufgepflanzte Fahne des religiösen Judentums zu scharen und derselben zum Siege zu verhelfen. Die große Begeisterung, die die Aufstellung einer orthodoxen Liste in den weitesten Kreisen der Orthodoxie auslöste, verheißt einen großen moralischen und sachlichen Erfolg. Am haschem, chisku wenis’chasku! Jehudi-Chered. 799556