Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 16 (7.5.1920)
- Date
- 1920-05-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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.Nr. 16 Jüdische Korrespondenz Seite 3 wurde jedoch von den englischen Truppen verhindert in die Altstadt, auf die sich die Unruhen beschräntlen, zu gelangen. Um -'> Uhr des zweiten Tages wurde, der Belagerungszustand verhängt. Englische Patrouillen ließen niemand ohne Erlaubnis in die Altstadt hinein, welches Verbot fast nur Juden betraf, da die Araber Passierscheine von der Stadtverwaltung ausgestellt erhielten. Der jüdische Selbstschutz w.ar außerhalb der Altstadt und der Hauptstraßen versammelt und verhinderte'so 311111, Teil die Ausbreitung der Unruhen auf die anderen Quartiere. Jabotinskp versuchte mit einem Teil des jüdischen Selbstschutzes in die Altstadt einzudringen. wurde jedoch durch Schüsse der englischen Patrouillen vertrieben. Der Selbstschutz wurde auseinandergetrieben und alle, bei denen man Waffen fand, wurden verhaltet. J'abotinsky, der alle Schuld auf sich nahm, wurde als Organisator des Selbstschutzes verhaftet und ihm ein schwerer Prozeß angehängt. Währenddessen gehen die arabischen Rädelsführer frei herum. Entweder wurden sie'überhaupt nicht verhaftet oder nach eintägiger Haft wieder entlassen. Abu Id, ein ständiger Stadtausrufer, (diese pflegen die verschiedenen Erlässe und Anordnungen der Regierung dem Volke durch Ausrufen in den Straßen zu verkünden) einer der Hauptteilnehmer an den Plünderungen, konnte am 12. April, nach Aufhebung des Belagerungszustandes, sein Amt weiter versehen- Polizeikommissäre und einfache Polizisten, die die Plünderungen nicht nur nicht verhindert, sondern direkt und offen an ihnen teilgenommen hatten, blieben auf ihrem Posten. Drei Polizisten, wovon einer einen jüdischen Polizisten schwer verwundet hatte, sodaß an dessen Aufkommen gezweifelt wird, wurden aus ihrer Haft bald befreit- Sowohl wahrend, als'auch nach den Ausschreitungen haben die Administrativ-Behiirden nach den Schuldigen nicht geforscht und auch nicht für Wiedererstattung der geplünderten Sachen gesorgt, selbst dann, wenn man sie auf den Ort, wo sich diese Sachen befanden, hinmies. Mit einem Worte, alle Tatsachen sprechen dafür, daß die Unruhen direkt unter dem Schutze der englischen Administrativ-Behörden stattgefunden haben. Davon sind alle palästinensischen Juden überzeugt. Offen bleibt nur, wie die englische Zentralregierung sich zu diesem Vorgehen ihrer Lökalbehörden stellen wird.' Auch in Jaffa drohten ähnliche Unruhen. Die Anwesenheit eines Teiles der jüdischen Legion verhinderte jedoch dieselben. Die Araber setzten nun bei den Behörden die Entfernung der jüdischen Soldaten aus Jaffa durch, sodaß dort auch jetzt noch der Ausbruch von Unruhen zu befurchten ist. Wie sehr das Verhalten der einzelnen Beamten auf die Menge wirken kann, beweißt der Umstand, daß ln Hebron, einer sonst' sehr turbulenten Stadt, wo nicht viele Juden wohnen, der Ausbruch von Unruhen dank der energischen Haltung / des Militärkommandanten verhindert wurde,.-obwohl chm nur wenig. Militär zur Verfügung stand. Die indische Bevölkerung gibt sich nicht dem geringsten Zweifel hin, daß, falls nicht die Schuldigen dem Gericht übergeben werden und kxine Aenderung in der Verwaltung eintritt, die Gefahr der Wiederholung ähnlicher Vorfälle droht. Die Namen der uns bisher bekannten Todesopfer sind: Rabbiner Jakob Leib Rasowsky aus Amerika. Schnml Elieser Nagor, 66 Jahre alt, Schmul Abraham Haramati, Michel Groß, Meir Ganu, ein Jemenite, Josef Chandi und Frankel aus Liberias. Das Begräbnis der Opfer fand um 6 Uhr abends statt, einer Zeit, wo infolge des Belagerungszustandes das Betreten der Stratzen verboten war. weshalb nur 30 Personen von der Regierung die Erlaubnis zur Teilnahme erhielten, darunter Obcrrabbiner Kook, der die Trauerrede hielt. Die Ostjudenverfolgungen in Deutschland. Äus Berlin wird geschrieben: Bon den 281 Ostjuden, die am 27. März in' der Grenadierstraße verhaftet worden sind, sind nunmehr alle bis auf drei politisch Verdächtige aus dem Internierungslager Wünsdorf bei Zossen entlassen worden. Es hat sich gleich bei der ersten Kommission des Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands herausgestellt, daß bei der Razzia lauter unschuldige Menschen verhaftet und tagelang grundlos in unmenschlichster Weise gequält worden sind. Man hat außer den bei der Razzia in der Grenadierstraße. festgenommenen 250, am selben Tage noch etwa 35 bei einer früheren russischen Telegraphen-Agentur angestellt gewesene Personen, die im . Berliner Westen wohnen, verhaftet, um einen Vorwand zu haben, von politisch verdächtigen Personen zu sprechen; ans diese Weise hat man sich die Möglichkeit geschaffen, die ganzen Internierungen unter dem Sammelnamen „des Schiebertums und Bolschewismus verdächtig" zusammenzufassen. Auch von diesen Personen mußten alle bis auf drei mangels jeglicher Verdachtsmomente freigegeben werden. Es ist unglaublich, wenn man bedenkt, welches frivole Spiel hier mit der persönlichen Freiheit des Menschen getrieben wird. Das Staatskommissariat für öffentliche Ordnung und die Polizeibehörde haben selbst einsehen müssen, daß ein unverantwortlicher, durch nichts zu rechtfertigerrder Uebergriff der militärischen Machthaber vorliegt. Der militaristische Unfug rüttelt noch immer an den Fundamenten eines geordneten Rechtsstaates. Es ist unzweifelhaft eine Folge der maßlosen antisemitischen Hetze, daß solche unerhörten liebergriffe vor der öffentlichen Meinung bestehen können. Das Ansehen Deutschlands in der zivilisierten Welt tvird jedenfalls durch derartige Ereignisse in bedauerlichem Maße beeinträchtigt. Was sich in dem Wünsdvrfer Lager in diesen wenigen Tagen ereignet hat, ist teilweise durch die Kommission des Arbeiterfürsorgeamtes festgestellt worden. Die Behandlung der Internierten ist an Roheit nicht mehr zu überbieten. Kolbenstöße, Ohrfeigen und wüsteste Beschimpfungen wurden wahllos ausgeteilt. Gleich bei der Ankunft der wehrlosen unschuldig Gefangenen find im Lager Scheinwerfer und Maschinengewehre aufgestellt worden. Ein Offizier hielt eine Ansprache, in derer für die geringste Unvorsichtigkeit den Tod androhte. Erschossen sollte werden, wer sich mit den Soldaten in ein Gespräch einließ, wer abends nach eintretender Dunkelheit aus seiner Baracke herausträte. Die meisten Gefangenen' wurden einen ganzen Tag ohne jede Nahrung gelassen, an den folgenden Tagen war das Essen völlig unzureichend und znm Teil ungenießbar. Die Angehörigen der Leute, die mit den Ausweispapieren und Lebensmittelpaketen hinanskaMen, wurden gar nicht zu den Gefangenen zugelasfen. Selbstverständlich kam es auch zu allerlei Exzessen und antisemitischen Flegeleien. Die Woche Wünsdorf gehört zu den blamabelsten Skandalen der jüngsten deutschen Geschichte. Trotzdem scheint noch nicht überall die Ueberzeugung durchgedrungen zu sein, daß das Verhalten den Ausländern gegenüber einer durchgreifenden Revision bedarf. In letzter Zeit steht Süddeutschland an' der Spitze der Aktion. In München ist ein förmlicher Terror gegen alle Fremden aufgerichtet worden und am schwersten leiden natürlich wieder die Ostjuden. Die antisemitische Bewegung in, Bayern iibertrifft alles b^her Dagewesene. Wir erhielten eine Sammlung von antisemitischen Flugblättern und Flugschriften, die an unflätigem Blödsinn die ganze pamphletistische Literatur in den Schatten stellen. Die Situation hat manchmal einen geradezu bedrohlichen Charakter angenommen. Bedauerlicherweise macht die Regierung den Kreuzzug gegen die Inden mit, ohne sich durch irgendwelche Bedenken moralischer oder politischer Natur behindern zu lassen. In letzter Zeit wurde auch in Württemberg mit den Ausweisungen begonnen. Auch von dort erhalten wir Berichte über das brutale Vorgehen der Polizeiorgane. Es ist höchste Zeit, daß diese Quälereien endlich ein Ende nehmen. Man soll mit dem Gedanken eines Pogroms in Deutschland nicht spielen. Die Folgen können unabsehbar sein. Etho-Zionisrnus. (Gedanken über das Erlösungsproblem.) «Fortsetzung.) Durch eine nur auf die Nachkommen Israels beschränkte Glaubensgemeinschaft, durch die mosaische Konfession, der kein zweites Volk angehört, sind wir gesondert und augenfällig geblieben, ohne irgend eine politische Macht zu besitzen, um Glauben und Glaubenssitte selbst schützen zu können. Die Folgen sind bekannt und die Nachwirkungen noch in allen Gliedern zu verspüren. Wenn man so die Zerklüftung, Zerrissenheit und Zerfahrenheit, der über alle Weltteile zerstreuten Nachkommen des einstigen Hebräervolkes und ihre Schicksale und Lager überblickt, die unsäglich beschädigten Reste der abgestorbenen Jsraelitennation sinnend betrachtet, schwebt dem Geiste ein Bild der Trostlosigkeit vor, das die Schauererscheinung in der Vision Jeschekiels an Düsterkeit weit überbietet. Die Frage: „Können diese Gebeine noch aufleben?" in unserer Gegenwart gestellt, ist noch ungleich schwieriger, als sie zur Zeit gewesen, wo sich der Prophet mit ihr beschäftigt hat. Woraus kann auf dem ungeheurem Leichenfelde Trost erblühen? Woher soll in die getretenen Reste unseres Stammes noch ein Leben kommen, wie es andere^haben?