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Jüdische Korrespondenz · 1920-05-07 · 16 (7.5.1920) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
16 (7.5.1920)
Date
1920-05-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Kgiyespimflenz Nur zögernd wagt man überhaupt zu fragen: Ist es denn wirklich denkbar, daß auch nach solch langer Totenstarre, eine Neubildung, Niederbelebung und Zusammenfügung der auscinandergerisseneu und zerfallenen, nach allen Richtungen verstreuten Glieder einer einst bestandenen Nation stattfinden kann, so daß selbe aus ihren einstigen Bestandteilen neu aufgebaut, frisch beseelt wieder aufersteht? Es liegt in der ganzen Geschichte des Menschengeschlechts kein Fall vor, der geeignet wäre,. eine Analogie zu bieten. Wenn wir indes bedenken, daß die Gesamtgeschichte der Menschheit keinen Fall auszuweisen hat, wo ein Geschlecht, ob einer Idee von solcher Wahrheitstiefe und Segenskraft, wie fie der alles einem erhabenen Zwecke unterordnende, das Innenleben heiligende Gottesgedanke in seiner Einheit und Reinheit bietet, ein solch qualvolles langes Martyrium über sich hat ergehen lassen und nur um sie in seiner Mitte zu erhalten, hie Anwartschaft auf Haß und Verfolgung weiter trügt und vererbt, wie unser Stamm, taucht in uns eine Hoffnung auf, die wir, bei klarstem Denken, nicht abweisen können. Ihren Wert kennend oder bloß ahnend, haben unsere Vorfahreü die ethisch fruchtbarste Idee des Bernünftwesens, in der Ursprünglichkeit, in welcher sie von unseren Propheten überliefert würden, unter steter Einsetzung aller Lebensgüter, wo nicht der Existenz überhaupt, durch das wilde Gedränge der VÄkergeschichte hindurchgetragen. Und der ungeschmälerte Geistesschätz der Bündeslade hat einen Wert, der weder durch bohrende Kritik, noch durch mystische Grübelei, verringert werden kann; denn je weiter und tiefer der Menschengeist in das Getriebe der Natur hineinleuchtet, je mehr Kultur und Bildung um sich greifen und aufs Leben Einfluß gewinnen, desto mehx wjrd es einer intensiven Erleuchtung des Innenlebens bedürfen, wenn die Gemüter nicht finster uitb verroht werben und bleiben sollen. Die Erfahrung lehrt, daß. zumsittlichen Gedeihen der MenschssN esti Glauben an das Wüsten einer.Macht, die „das.., ni.orchiM Gutesanktioniert und: das Böse mißbilligt, unerläßlich. ist. Hnlturell vermag sich der Mensch auch ohne Religion hoch zu erheben, doch sittlich sinkt er, wo die fehlt, je mehr eine Geisteskräfte entfaltet, wenn er in Versuchung gerät, um so tiefer. Nie ungereimt und dunkel auch religiöse Ideen sein mögen, ist eine gewisse moralische Erhebung zumindest nicht ansgeschloffen, waß, wenn, solche überhaupt fehlen, vollends aussichtslos ist." Allerdings kommt viel darauf an, ob und inwiefern die Religion das Geisteslicht des Bekennens zu vertragen geeignet ist. Wo diesbezüglich keine Uebereinstimmuug vorhanden, haben selbst die besten Morallehren keinen Reiz, der stark genug wäre, den Menschen zu bestimmen, etwas seinen selbstlichen Trieben entgegen zu tun oder zu lassen. In'solchen Fällen können wohl äußere Umstände oder geheime Interessen die Menschen zu legalem Handeln bewegen, sie einigermaßen dressieren und zügeln, das Innere der Gesinnung bleibt jedoch unveredelt nach wie zuvor und sind, wenn die Hemmungen unterbrochen werden, selbst. Rückfälle bis ins Gemeinste und Bestialische nicht ausgeschlossen. Religiöse Vorstellungen, die auf gewisseu Kulturstufen oft hinreichen, um zur Gerechtigkeit und Güte zu bewegen, reichen bei höherer intellektueller Entwicklung nicht aus. Nun schreitet aber die durch Erfahrungen und Geistesarbeit, der viele vergangene Geschlechter der verschiedensten Menschenstümme, allmälig.entstandene Bildung nub Kultur, rastlos vor und. greift auch, durch die schweren Existenzbedingungen, geistige Regsamkeit, immer mehr um sich, dadurch wird die Rückständigkeit auf religiösem Gebiete, mit der naturgemäß ein Zurückbleiben aus dem moralischen verbunden, zu einer sich stets steigenden inunensen Gefahr, für die Qualitäten des Innenlebens und zugleich für die Kultur selbst, indem sie gar oft ihren Segen-in Fluch verwandelt. (Fortsetzung folgt.) L. Mandl. Kundgebungen des Meyer MUusyGftqudes. Der Wiener Kultusvorstand, hat in seiner Plenarsitzung vmu 28. April folgende' zwei Kundgebungen beschlossen: 1. DiK Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeiude lenkt, die Aufmerksamkeit der gesamte» Kultürmelt auf die gecferi die Inden' Ungarns unter Duldung der Behörden haMtsachlich vyn hg Dienst« des Staates stehenden Ofsiziersdetachements und. BraMalsormationen verübten Greuel sochie auf die VerMguyge«, besten die Wische Hochschuljugend ausgesetzt ist. welche es. ihr umNögllch. machen^ihre Studien in ihrer Heimat zu obliegen üyd. sie zwingt, ins. W4.lstud auszuwandern. Diese Kulturschande läng unmöglich die Billigung der zivilisierten Welt ' finden.' Das stillschweigend « G,ewä.hrenläffe.n der kultnrwidrigey Vorgänge in stngarn bildez eine emineM Gefahx für den Frieden der ganzen Welt und wirkt' — wie die'süngsten. Vorgänge ani der Wiener Universität beweisen —' ansxoryeyd astf cchle Feinde einer friedlichen Entwicklung, ungestraft das Gleiche tun ' ivie in Ungarn. Der Vorstand der Wiener ifraelNischen'KültusatzNlciilde protestiert mit aller Entschiedenheit gegen dÄi P«rsu.ch. die Wischen Hörer von der Wiener Universität auszuschneßen und appMert an die österreichische 'Regierung, dem llehergreffen. des Budapest.er K.uxses nach Oesterreich unverzüglich Einhält, zu gebieten, ruft, stber auchdas Gewissen der Mächte au, den den Friedensbestr.ehüuZen. der ganzen Welt hohnsprechendeu tulturividrigerr Borgängen in Uitgarn ein. Eiztzc zu bereiten. 2. Eine offiziöse Meldung aus San. Renpo, dein Scheder Beratungen der Friedenskonferenz, brachte die MittL.itüng, daß die alliierten Mächte beschlossen haben, die noch während des Krieges namens der englischen Regierung ■ abgegebene, als die Balchnr-, Deklaration bekannte ErklärMg, wonach Palästina/ als nationale- Heiinstätte für die Judest eingerichtet werden solle,.' dein Friedensvertrage mit der Türkei zu. iWrporiereij und das Mantzät über- Palastiüa au Großbritannien zu übertragen, Noch sind hie Einzelheiten, dieser Neuordnung in Palästma nicht bekannt, aber, schondie Tatsache. allein, daß die Großmächte, in derenHändeu hegte dasSchichal Europas liegt,' dem in der Zerstreuung, lebendenjüdischen. Volke Gerechtigkeit widerfahren lassen und. den Taufenden und. Aherßauscnf den Juden, die gerade je.tzt in. den Ländern, in denen sie in. groß«,, Massen leben, den heftigste,^ Verfolgungen und. Bedrückungen ans? gesetzt sind, eine. Zufluchtsstätte. eröffnen, wo sie nach ihrer Eigenart unter dem Schutze des Völkerbundes, leben. und sich entwickeln, könner«, erweckt überall, wo es Juden, gibt' und ,py. noch ein Gcrechtigkeits? gefül)l lebt,. das Gefühl aufrichtigster Freude undinnfgster Genugtuung. Dieser innigen Freude gibt auch der. Vorstand her ffraelitischei, Kultusgemeinde, der im. Drrrchgangstor zwischen Ost und,WestüpirLend,' zu allererst die Wirkungen der Pogrome in,'Osten. ,;»ch des Flüchtlingsstromes nach dem Westen zu fühlen bekommt, nqs voller,nHerzssn Ausdruck. Mögen aber auch die im Zusanütteuhänge „nt. der. obigen Meldung laut gewordenen Versicherungen der Großmächte^ dast ,vie iin neucn Pulägina die volle und efsesiive Gleichbcrechtignng aller. Bewohner des heiligen Landes gewährleistetwerden-, solle, auch, die bürgerlichen und politischen Rechte der Inden, in ihren, derzeitigen. Wohnländern ungeschmälert erhalten- und-geipahrtmerden sollen, in Erfüllung gehen. rrundschau. (Streik der jüdischen Religionslehrer in Wien.) Die jüdischen ReligivnslehM in. Wm habenfnp beit (5: Mai einen Streik angekündigt, da ihre Gehaltsfvrdernngen seitens des Kultusrorstandes nicht bewilligt wurden. (Nntisemitische Hetze in Linz»)i Seit einiger Zeit kursieren in der Oeffentlichkeitvom/Lande Dberösterreich her-, ausgegebene Notgeldscheine, welche einen besonderem Stempelaufdruck aufweisen: „Wer entwertet unser Geld-?Die Juden!" Das Präsidium des Landesrates^ hat auf eiup. dies-- bezügliche Eingabe der Vorstehung: der? israelitischen Killtnsrgemeinde Linz nachstehende Antwort erteilt: „Unter. Bezugnahme auf das dortige Schreiben vvm 20. Aprfl l Jl, Zl; 1L5, beehrt sich das gefertigte Landesrat-Präsidium mitzuteilen/ daß^ der Landesrat den Unfug, welcher, bei Herausgabedes Landes-' Notgeldes durch den verhetzenden Stemp.elanfdrnck? getrieben, worden ist, schärfstens verurteilt und unter einem, die Landes«, kaffeals Einlösungsstelle anweisen wird, derartiges Notgeld, nicht einzulösen." Der Landeshauptmann Hbsejr m.p. (1. Mai-Feier ineiner Synagoge«), Aus/Lntz wird, uns folgende Bekanntmachung der Vorftundsitznugherisraelitischen Kultusgemeiude zugeschickt: Zu Vem? am Samstag, den.- 1. Mai (Staatsfeiertag), stattfindendenfeierlichen GottesRenstbei welchem Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner- Friedmann die- Festpredigt halten wird, werden alle Gemeindeangehörigen>' ein? - geladen. Ein Zeichen der Zeit! . ' (Fortsetzung auf Seite. 6.)

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